SVP warnt vor Ausländern, die mit Verwandten Kinder bekommen
Die SVP verknüpft Autismus-Frühintervention mit Verwandtenehen bei Ausländern. Die Kritik im Bundeshaus ist heftig.

Das Wichtigste in Kürze
- Die SVP warnt vor genetischen Risiken bei Cousin- und Cousinen-Ehen von Ausländern.
- Konkret bringt sie ein erhöhtes Autismus-Risiko ins Spiel.
- SP-Ständerätin Franziska Roth spricht von «beschämendem» Populismus.
Eine Stellungnahme der SVP sorgt in Bundesbern für heftige Reaktionen.
Eigentlich geht es um die Finanzierung der Frühintervention bei schweren Autismus-Spektrum-Störungen über die Invalidenversicherung (IV).
Doch die Partei nutzt die Debatte für einen grundsätzlichen Vorstoss gegen Verwandtenehen. Insbesondere bei Menschen mit ausländischem Hintergrund.
Brisantes Schreiben an Elisabeth Baume-Schneider
Wie der «Blick» berichtet, hat sich die SVP im Rahmen der Vernehmlassung an Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider gewandt.
In einem Schreiben hält die Partei fest: Beziehungen zwischen nahen Verwandten, insbesondere Cousins ersten Grades, erhöhten das Risiko für genetische Erkrankungen.

Genannt werden unter anderem Pakistan, Ägypten und Marokko. Dort würden «Eheschliessungen zwischen Cousins sehr häufig praktiziert».
Auch in der Schweiz seien solche Ehen erlaubt, «werden aber signifikant häufiger von ausländischen Personen geschlossen», schreibt die Partei.
Unterzeichnet ist die Stellungnahme von Parteichef Marcel Dettling und Generalsekretär Henrique Schneider. «Aufgrund der erheblichen gesundheitlichen Risiken für deren Nachkommen gilt es hier Aufklärungsarbeit zu leisten», fordert die SVP vom Bund.
Autismus-Debatte mit unerwartetem Schwenker
Und findet: Die genetische Komponente dürfe «nicht verharmlost» werden. Neben dem generellen Risiko von Verwandtenehen müsse konkret das Autismus-Risiko berücksichtigt werden.
Kinder von Cousins seien «etwa doppelt so häufig» von Autismus betroffen wie Kinder nicht verwandter Eltern, sagt die Partei. Und beruft sich auf eine in den USA veröffentlichte Studie.
Tatsächlich: Laut einer britischen Studie sind 31 Prozent der Fehlbildungen bei Kindern pakistanischer Herkunft auf eine Verwandtenehe zurückzuführen.
Erhöhtes Risiko – aber kaum Schweizer Zahlen
Medizinisch ist also gesichert, dass bei Kindern von Cousin und Cousine das Risiko für bestimmte genetische Erkrankungen erhöht ist.
Beide Eltern tragen mit höherer Wahrscheinlichkeit dieselben rezessiven Erbanlagen. Treffen diese zusammen, kann eine Krankheit ausbrechen.
Wie häufig solche Ehen tatsächlich sind, ist weniger klar. Eine 2009 im Fachblatt «Reproductive Health» publizierte Studie schätzt: In der arabischen Welt wird rund ein Drittel aller Ehen zwischen Cousins ersten Grades geschlossen.
In westlichen Ländern liegt die Quote laut Schätzungen bei unter einem Prozent. Verlässliche Zahlen für die Schweiz fehlen jedoch. Ebenso Daten dazu, ob gewisse Ausländergruppen häufiger betroffen sind.
«Beschämend und reiner Populismus»
Deutliche Kritik am Vorstoss der SVP kommt von SP-Ständerätin Franziska Roth. Sie warnt vor einer Stigmatisierung migrantischer Gruppen.
Und nennt es unhaltbar, die Frühintervention bei Autismus-Spektrum-Störungen mit Ehen von Cousinen und Cousins aus dem arabischen Raum zu verknüpfen. «Das ist trumpistisch und unwissenschaftlich», sagt die Heilpädagogin.

Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn die Partei die Bevölkerung aufklären wolle, dass Verwandtenehen mit erhöhten genetischen Risiken verbunden seien.
Instrumentalisiert die SVP ausländische Kinder?
Aber die SVP instrumentalisiere ausländische Kinder mit Autismus, um gegen Menschen aus dem Ausland zu wettern.
Die Solothurnerin kritisiert: «Es ist beschämend und reiner Populismus, Genetik mit Nationalitäten oder Religionen in Verbindung zu bringen.» Die Partei reisse Forschungsergebnisse aus dem Kontext und betreibe Desinformation.
Roth betont, Autismus-Spektrum-Störungen hätten vielfältige Ursachen. Ziel der Vorlage des Bundes sei es, «die möglichst frühzeitige Abklärung und Therapie bei Kleinkindern zu sichern».
Gerade bei schweren Fällen sei Unterstützung entscheidend. «Je früher die Intervention erfolgt, desto grösser sind die Chancen, dass die Kinder überhaupt sozialisiert werden können.»














