So tickt die Freikirche von Bundesratskandidat Schnegg
Er will die Nachfolge von Guy Parmelin antreten: Der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg. Seine Kandidatur ist eine religiöse Premiere.

Das Wichtigste in Kürze
- Bundesratskandidat Pierre Alain Schnegg ist der erste Bundesratskandidat, der Mitglied einer Freikirche ist.
- Seine Gemeinde gehört laut einem Sekten- und Religionsexperten zu den «konservativen» Freikirchen – gerade punkto Geschlechterrollen.
- Bauernverbands-Chef Markus Ritter half seine Nähe zu einer Freikirche bei den letzten Bundesratswahlen nicht unbedingt. Ob es Schneggs Wahlchancen beeinflusst?
Pierre Alain Schnegg will Noch-Bundespräsident Guy Parmelin (SVP) als Bundesrat beerben. Aus religiöser Sicht sticht die Kandidatur des Berner Gesundheitsdirektors heraus.
Denn: Er ist der erste Bundesratskandidat, der Mitglied einer Freikirche ist. Schnegg gehört der sogenannten Gemeinde für Christus GfC an.
Wie tickt die Freikirche?
Rock-Pflicht für Frauen gilt nicht mehr
Religionsexperte Georg Otto Schmid von der Sekteninformationsplattform Relinfo erklärt bei Nau.ch: «Die GfC ist in den 2000er Jahren aus dem ehemaligen Evangelischen Brüderverein EBV herausgewachsen.»
Diese «fundamentalistische Sondergruppe» war laut Schmid berüchtigt für ihre strengen Regeln für alle möglichen Lebenssituationen, darunter auch Kleidervorschriften.
«So durften Frauen nur Röcke tragen und mussten ihr langes Haar flechten und hochbinden, wogegen Männer kurze Haare trugen.» Der Brüderverein war zudem bekannt für sein «fundamentalistisches» Verständnis von der Bibel, sagt Schmid.
«Bezeichnend war etwa auch, dass jede organisierte Zusammenarbeit mit anderen Kirchen und Freikirchen abgelehnt wurde.»
Die heutige GfC, zu der Schnegg gehört, hat sich weiterentwickelt – die Rock- und Zopfpflicht gibt es nicht mehr. Sie habe sich von solchen Vorschriften distanziert.
Experte: «Gehört zu den konservativeren Freikirchen»
Heute sei die GfC eine «normale» Freikirche und Mitglied des Freikirchenverbands, erklärt Schmid.
Aber: «Unter den Freikirchen gehört sie eher zu den konservativeren.»

Beispielsweise, was die Vorstellungen von Geschlechterrollen und Sexualität anbelangt. «So besteht der Vorstand des GfC (ehemals ‹Brüderrat›) nach wie vor ausschliesslich aus Männern.»
Fundamentalistisch oder nicht? Da scheiden sich die Geister
Als fundamentalistisch würde der Experte die Kirche, bei der Pierre Alain Schnegg Mitglied ist, nicht bezeichnen. Das ist allerdings Ansichtssache.
Denn: «Es gibt keine offizielle Definition des Begriffs Fundamentalismus», erklärt Schmid.
Relinfo verwende den Begriff für Gemeinschaften, die anhand eines vorgegebenen Fundaments das Leben ihrer Mitglieder im Detail regeln wollen.
«Darunter fiel der damalige EBV sehr ausgeprägt, die heutige GfC aber nicht», sagt Schmid.
Andere Fachleute setzen den Begriff Fundamentalismus breiter ein – sie würden fast alle Freikirchen als fundamentalistisch bezeichnen. Damit auch die von Schnegg.
Wirkt sich Freikirche auf Schneggs Wahlchancen aus?
Und welche Bedeutung hat die ungewöhnliche Konfession für seine Wahlchancen? Schliesslich gab es bislang erst eine Bundesrätin, die einen in der Schweiz seltenen religiösen Hintergrund hatte – Ruth Dreifuss.
Sie wurde 1993 als zweite Frau und bisher einzige Person mit jüdischem Hintergrund in den Bundesrat gewählt. Auf ihre Politik und Wahlchancen dürfte das allerdings wenig Einfluss gehabt haben.
Denn: «Ruth Dreifuss entstammt einem säkular-jüdischen Elternhaus», erklärt Schmid. Ihre Eltern waren also nicht religiös – und auch sie selbst nicht.
«Sie hat sich damals öffentlich als Agnostikerin bezeichnet und ihre Verwurzelung im Judentum vor allem kulturell verstanden. Mitglied einer jüdischen Gemeinde war sie damals nicht.»
Das macht sie eben doch nicht zum grossen Einzelfall – es gab schon mehrere konfessionslose Bundesräte. Aktuell zum Beispiel Beat Jans (SP).
Für Ritter war Freikirchen-Nähe «nicht unbedingt hilfreich»
Hinweise auf die Situation von Schnegg zieht Schmid vor allem aus der letzten Bundesrats-Wahl, die Martin Pfister (Mitte) gewann.
Wir erinnern uns: Auch Bauern-Chef Markus Ritter kandidierte im Frühjahr 2025 für das Amt.
Damals wurden vor den Bundesratswahlen Ritters Verbindungen zur Stiftung Schleife in Winterthur diskutiert.

Ritter ist zwar selbst katholisch. Doch: «Er hat an Angeboten der Stiftung, die sich an Personen aus der Landwirtschaft richteten, beispielsweise an der Bauernkonferenz, teilgenommen. In freikirchlichen Kreisen wurde auch dazu aufgerufen, für die Wahl von Ritter in den Bundesrat zu beten», sagt Schmid.
Die Stiftung vertritt eine freikirchennahe Theologie. Kritisch gesehen wird bei ihr vor allem, dass sie persönliche Eindrücke als Botschaften Gottes versteht und weitergibt.
Die Gefahr: Gläubige könnten solche Aussagen als verbindliche Anweisungen auffassen und sich bei Entscheidungen davon beeinflussen lassen.
Zudem führt die Stiftung Heilungsgebete durch, was falsche Erwartungen an die Genesungsmöglichkeit von Kranken oder Verletzten wecken kann.
«Im Fall von Markus Ritter entstand der Eindruck, dass seine Nähe zur Stiftung für seine Wahlchancen nicht unbedingt hilfreich war.»
Ob sich die Mitgliedschaft von Pierre Alain Schnegg bei der GfC ähnlich auswirken könnte, bleibe offen. Letztlich werden andere Faktoren ausschlaggebend sein, sagt der Religionsexperte.
«Im Namen Gottes des Allmächtigen!» Das sagt Schnegg
Und was sagt Schnegg selbst?
Seine Kirche fällt vor allem mit konservativen Werten bei Geschlechterrollen und Sexualität auf. Auf Anfrage von Nau.ch will er sich nicht konkret dazu äussern, wie das seine gesellschaftspolitischen Ansichten beeinflusst.
Auch generell nimmt er keine Stellung zum Einfluss der Kirche auf seine Politik. Stattdessen lässt er Nau.ch die Einleitung zur Bundesverfassung zukommen.
Sie sei sein «Bezugspunkt zum Handeln» und beginnt mit den Worten: «Im Namen Gottes des Allmächtigen!»
Im Namen Gottes des Allmächtigen!
Das Schweizervolk und die Kantone,
in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,
im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,
im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,
gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,
geben sich folgende Verfassung …
Die Einleitung der Bundesverfassung und Pierre Alain Schneggs Bezugspunkt zum Handeln.
Fast zeitgleich stellte die «Neue Zürcher Zeitung» Schnegg eine ähnliche Frage. Sie wollte von ihm wissen, wie sein Glaube seine Politik beeinflusst.
Dazu sagte er: «In der Politik wie im Leben kann man nicht alles kontrollieren. Es gibt eine Gottesmacht, die alles in den Händen hat. Ich probiere jeden Tag, das Beste zu machen, im Bewusstsein, dass ich nur ein Mensch bin.»
Sein Glaube helfe Schnegg, sowohl gute wie schlechte Momente zu relativieren. «Man gewinnt und verliert, aber es gibt Wichtigeres im Leben.»
Neben Pierre Alain Schnegg kandidieren sechs weitere SVP-Köpfe für die Parmelin-Nachfolge: Regierungsrat Jean-Pierre Gallati (AG), Staatsrat Franz Ruppen (VS) und Ex-SVP-Chef Marco Chiesa (TI). Auch die Nationalräte Céline Amaudruz (GE), Michael Graber (VS) und Rémy Wyssmann (SO) wollen in den Bundesrat.
Der Zuger Nationalrat Thomas Aeschi zögert noch mit einer Zusage für eine Kandidatur.
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Am 20. November entscheidet die SVP-Fraktion, wer auf das Ticket kommt. Danach befragen die Bundeshausfraktionen die Kandidierenden.
Die Bundesratswahl findet am 9. Dezember statt.





















