Neues AKW wäre noch teurer als bisher errechnet

    Matthias Bärlocher
    Matthias Bärlocher

    Bern,

    Eine neue Analyse rechnet mit 14 Milliarden Franken, im besten Fall und für die kleinere Variante. Erfahrungen zeigten, dass massive Mehrkosten die Regel seien.

    akw leibstadt
    Das AKW Leibstadt im Sonnenuntergang. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Eine weitere Studie hat die Kosten für ein neues Schweizer AKW abzuschätzen versucht.
    • Die Bandbreite geht von 14 bis 43 Milliarden Franken, zeigen die Erfahrungswerte aus dem Ausland.
    • Selbst der Experte ist überrascht: «Von Projekt zu Projekt sind die Kosten angestiegen statt gesunken.»

    Das Parlament will das AKW-Neubauverbot kippen, die Unterschriftensammlung dagegen läuft, das Volk stimmt wohl im Februar darüber ab. Derweil berechnen diverse Studien, wie viel wohl ein solches AKW überhaupt kosten könnte.

    Aufgrund einer Anfrage aus der Finanzkommission des Parlaments haben nun die Akademien der Wissenschaften Schweiz die Kosten und Finanzierungsrisiken analysiert. Sie stützten sich auf internationale Erfahrungswerte und Schätzungen und kommen zum Schluss: Ein neues AKW mit Baubeginn um 2040 und Inbetriebnahme etwa 2050 kostet rund fünfzehn Milliarden Franken.

    Bist du für den Bau von neuen AKWs in der Schweiz?

    Es könnte aber genauso gut auch das Dreifache sein. Denn sowohl Baukosten, Bauzeit als auch die Finanzierungskosten während der Bauzeit seien mit grossen Unsicherheiten behaftet.

    «Es hat mich ehrlich gesagt überrascht», sagt Urs Neu gegenüber Nau.ch. Er ist Leiter Energiekommission der Akademien der Wissenschaften Schweiz. «Vor allem, wenn man den Kostenanstieg betrachtet: Von Projekt zu Projekt sind die Kosten angestiegen statt gesunken.»

    Neues AKW: Theoretisch geht es auch günstiger

    Andere Studien, zum Beispiel von Axpo oder Economiesuissse, kamen bisher zu leicht günstigeren oder etwa gleich hohen Gesamtkosten. Aber nicht zu einer allfälligen Verdreifachung. «Bisherige Studien haben sich meist auf eine MIT-Studie abgestützt, die einen Fall in den USA betrachtet. Diese darin verwendeten Voraussetzungen – bereits vorhandene Lieferketten und Fachleute etc. – lassen sich aber nicht direkt auf die Schweiz übertragen.»

    Für die nun vorliegende Analyse definierte man gewisse Einschränkungen. So kamen etwa als Lieferanten nur zwei infrage, nämlich EDF aus Frankreich und Westinghouse aus den USA.

    Urs Neu
    Urs Neu ist Leiter der Energiekommission der Akademien der Wissenschaften Schweiz. - SCNAT / Sandra Stampfli

    Andere Anbieter (China, Russland) seien aus geopolitischen Gründen unwahrscheinlich. Die südkoreanische KEPCO darf in Europa nach einem Rechtsstreit nicht bauen. Die amerikanisch-japanische Firma General Electric/Hitachi hat zuletzt 2006 ein Projekt abgeschlossen.

    Zwar seien etwa in China AKWs deutlich günstiger erstellt worden, sogar durch EDF und Westinghouse. Das liege aber an den vereinfachten rechtlichen Bedingungen und über mehrere Projekte etablierten Lieferketten.

    Projekte laufen meist aus dem Ruder

    Für einen Westinghouse-Reaktor werden so rund 14 Milliarden Franken errechnet, für den leicht grösseren EDF-Reaktor 21 Milliarden. Aber nur, wenn alles optimal läuft – und die Beispiele der jüngeren Vergangenheit zeigten, dass dies eher die Ausnahme war.

    AKW Olkiluoto EDF
    Der von EDF gebaute Block 3 des finnischen AKWs Olkiluoto ging 2023 als leistungsstärkster Reaktor Europas in Betrieb, nach grossen Überschreitungen der Kosten und Bauzeit. - keystone

    So dauerte der Bau des EDF-Kraftwerks im finnischen Olkiluoto statt vier ganze 18 Jahre. Die Kosten stiegen von 2,3 Milliarden Euro auf 9,5 Milliarden. Ein ähnliches Bild im französischen Flamanville: Geplant fünf Jahre, effektiv 17, die Kosten stiegen von vier auf 19, inklusive der Finanzierungskosten gar auf 23 Milliarden.

    In Hinkley Point (UK) baut EDF gleich zwei Reaktoren. Dafür waren acht Jahre vorgesehen. Zehn Jahre später ist man aber immer noch nicht fertig und hofft nun, es sei 2030 so weit. Oder auch 2031, je nachdem – und ebenfalls mit entsprechenden Mehrkosten.

    «Grosse Unsicherheiten» – und Staat muss dafür geradestehen

    Die Gründe für Verzögerungen und Mehrkosten könnten auch in der Schweiz zum Tragen kommen, heisst es in der Studie. So könnte ein Westinghouse-Reaktor bis zu 25 Milliarden Franken, ein EDF-Reaktor bis zu 43 Milliarden Franken zu stehen kommen.

    Kosten AKW EDF Westinghouse
    Erfahrungswerte zu Bauzeiten und Gesamtbaukosten für ein neues AKW bei EDF und Westinghouse. - Akademien der Wissenschaften Schweiz

    «Selbst das hohe Szenario ist nicht ein Worst-Case-Szenario», betont Urs Neu. «Es stellt lediglich die beobachteten Entwicklungen in den Vordergrund und nicht die Erwartungen der Branche.»

    Die Analyse zeigt für ihn vor allem eins: «Es gibt grosse Unsicherheiten bei den Kosten und die Kostenrisiken müssen zum grossen Teil vom Staat übernommen werden. Das Parlament wollte nun wissen, wie hoch diese Kostenrisiken und was die Einflussfaktoren sind.»

    Kommentare

    Trollestia

    Das Volk hat schon vor Jahren entschieden und Ölbert ist nicht alleiniger Herrscher des Landes.

    User #5090 (nicht angemeldet)

    Jaja die AKW mögen Sie gar nicht gerne :D Das merkt man sehr gut und ich hoffe, dass wir bald wieder welche bauen werden!

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