Molina, Glarner, Flüchtlinge: Alle wollen Seen sehen
Kontroverse um die Seesicht: Flüchtlinge haben sie, Goldküsten-Villen auch. Doch das ist nicht das Problem. Ein Kommentar.

Das Wichtigste in Kürze
- Politiker sind neidisch auf Häuser mit Seesicht.
- Entweder wohnen privilegierte Flüchtlinge drin – oder privilegierte Hausbesitzer.
- Ist es denn nie recht? Ein Kommentar.
Grosse Aufregung am Zürisee: Von den angrenzenden Ortschaften aus ist der nach der angrenzenden Oberortschaft benannte See visuell erkennbar. Das ist an sich noch keine neue Erkenntnis. Aber nun wird von links bis rechts gestritten, wer denn nun in den Genuss dieses welligen Panoramas kommen darf und soll.
Ei, ei, was See ich?
Auf bürgerlicher Seite erhitzen sich die Gemüter bis nahe vor dem Siedepunkt, weil in Horgen ZH Asylsuchende in eine Liegenschaft mit Seeblick einquartiert werden. «Und wir bezahlen es…», schimpft der SVP-Nationalrat Andreas Glarner, der es wissen muss, schliesslich bezahlt er seine Steuern in Oberwil-Lieli, also sozusagen Kanton Zürich.

Auf linker Seite türmen sich Wogen der Empörung auf wegen des Ehepaars Meier aus Uerikon ZH. Dieses besitzt eines dieser Häuser mit Seeanstoss, was schon grundsätzlich als anstössig empfunden wird. Ausserdem werden sie jetzt auch mit einem Porträt in der «NZZ» geadelt und so mitten in den Klassenkampf katapultiert. «Abscheulich» schimpft Juso-Präsident Nicola Siegrist, andere könnten sich keinen Wohnraum leisten, hört man seinen Vor-Vor-Vorgänger Fabian Molina maulen.

Weil: Hashtag «Uferweg», den die SP seeumgreifend per Initiative durchsetzen will – auch durch Meiers Vorgarten. See sehen für alle, statt für wenige, die dann das Nachsehen haben. Sel-ber-schuld, wer zur «NZZ» heulen geht, bloss weil er so nahe ans Wasser gebaut hat.
Kein See in Sicht?
Jetzt mal ganz langsam einen Schritt zurücktreten, um nicht gleich die Hosen nass zu machen. Was läuft denn hier genau? Ironischerweise weisen Bürgerliche die Linken zurecht, es sei imfall schon okay, wenn die einen See sehen und die anderen nicht. Weil schliesslich auch das Ufer vor Menschen geschützt sein müsse, wegen der Viecher dort und so.

Neid also völlig unangebracht. Den genau gleichen Neid-Vorwurf hört man wiederum von Links gegenüber Rechts, wenn diese den durch die Wüste geflüchteten nicht wenigstens einen Fernblick auf Millionen von Litern Wasser gönnen mögen.
Aber, liebe Leute, die ihr den Anblick von Seen so sehr verehrt, mal im Ernst: alles mit Massen. Ja, Seen sind hübsch anzusehen; gleich in eine See-Manie zu verfallen, scheint dann doch etwas übertrieben. Man könnte meinen, es gäbe nichts Besseres zu tun, als den Augen Wasser vorzuführen.
Wer weiss, vielleicht gibt es ja tatsächlich Menschen, die nichts lieber tun, als permanent und unterbruchsfrei um Seen herumlaufen wollen. Wer weiss, vielleicht gibt es tatsächlich Asyl-Betrüger, die gar nicht unser Geld, sondern nur unsere Seen sehen wollen.

Wer nun wirklich nicht ohne den Anblick eines Sees leben kann, soll doch nach Finnland ziehen. Mit etwas Glück sieht man dort sogar mehrere Seen gleichzeitig. Eher unsichtbar und eher zahlreicher sind dann aber auch die Mücken, und nein, die darf man nicht eliminieren. Die braucht es als Futter für die Viecher und so.
Nein, das ist nicht richtig
Beide Seiten verkennen, dass sie lediglich gegen vermeintliche Probleme wettern. Die Flüchtlinge sind ja nicht hierhergekommen, weil in ihrer Heimat zu wenig unverbautes Panorama war. Die Villenbesitzer investieren nicht in Kunst, um mittellose Jungpolitiker zu ärgern.
Die Bilder werden nicht billiger und die Inneneinrichtung nicht weniger andächtig, wenn vor dem vorhanglosen Fenster wanderlustige Müller, Meier (nicht verwandt oder verschwägert) oder gar ein verirrter Glarner vorbeizotteln. Mit einem Uferweg entsteht kein zusätzlicher Wohnraum, denn nicht einmal ein SP-Nationalrat will unter dem Bootssteg übernachten.

Nein, es ist doch wie beim Klima und Wetter: Die Einzelfallbetrachtung ist nie zielführend, es kommt auf den Durchschnitt an. Zumindest so lange, wie die Seeanstösser nicht merken, dass sie überdurchschnittlich viele Mücken haben.
Wenn fünf Flüchtlinge Seeblick haben, darf das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte nicht reklamieren, wenn wir dafür 200 weitere in fensterlose Zivilschutzbunker stecken. Genauso, wie es im Durchschnitt im August exakt richtig viel geregnet hat.
Friedlich vereint im Haus am See
Angesichts der gemeinsamen Interessen könnte man ja fast meinen, die Herren Glarner, Molina und Siegrist gingen immer heimlich zusammen in die Ferien. Das ist dann wohl der Typ Tourist, der ein Zimmer mit See-Sicht bucht. Weil man in den Ferien eh die meiste Zeit im Zimmer verbringt.

Aber das haben sie auch redlich verdient. Der Andreas Glarner, weil er sich dann auch einmal wie ein Flüchtling fühlen darf. Fabian Molina und Nicola Siegrist, weil sie endlich einmal ausspannen dürfen: Diese Seenwanderungen gehen ganz schön in die Beine.








