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    Zürich: Warum Grundlagenforschung immer stärker unter Druck gerät

    Universität Zürich
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    Zürich,

    UZH-Prorektorin Elisabeth Stark und Statistiker Servan Grüninger warnen in Zürich davor, Forschung nur noch am unmittelbaren Nutzen zu messen.

    Zürich
    Warum Grundlagenforschung immer stärker unter Druck gerät. - zVg

    Grundlagenforschung gerät politisch und gesellschaftlich zunehmend unter Druck. Ob Mensch, Umwelt oder Universum – ohne ein detailliertes Verständnis von Systemen aller Art gibt es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, sagen UZH-Prorektorin Elisabeth Stark und Statistiker Servan Grüninger.

    Elisabeth Stark: Unsere Beobachtung ist, dass die Grundlagenforschung zunehmend unter Druck gerät. Es wird forschungspolitisch und gesellschaftlich schwieriger, Projekte aus diesem Bereich zu legitimieren und Bewilligungen etwa für tierexperimentelle Forschung zu erhalten. Im Arbeitspapier wollten wir den Wert von Grundlagenforschung deutlich machen und dazu beitragen, Bewertungskriterien für Projekte zu schärfen.

    Grundlagenforschung wird häufig deshalb falsch verstanden, weil man die Idee hat, alle Forschung müsse einen praktischen, anwendbaren Nutzen haben. Das ist nicht per se der Fall.

    Stark: Als Sprachwissenschaftlerin arbeite ich auch theoretisch. Ich frage mich etwa, weshalb der bestimmte Artikel im Französischen und in anderen Sprachen in spezifischen Kontexten auftritt. Dabei geht es darum, besser zu verstehen, wie Sprach- und Denksysteme funktionieren.

    Dieses Wissen hat keinen praktischen Nutzen etwa für den Schulunterricht oder für automatische Übersetzungen. Der Wert dieser Forschung ist, mehr über Sprache an sich zu erfahren und darüber, wie sie funktioniert. Ich bin überzeugt: Dieses grundsätzliche Wissenwollen ist eine genuine Eigenschaft unserer Spezies.

    Servan Grüninger: Gesellschaft und Politik sind an Forschung interessiert, die einen praktischen Nutzen verspricht. Die Frage nach dem Wert von Forschung ist legitim und wichtig. Problematisch ist allerdings, wenn von Projekten der Grundlagenforschung verlangt wird, einen unmittelbaren Nutzen, quasi für den Alltagsgebrauch, nachzuweisen.

    Damit wird das Fundament untergraben, auf dem später jener Nutzen aufbaut, den Gesellschaft und Politik wollen. Forschung, die grundlegend neues Wissen schafft, braucht Zeit und Freiraum, um die Welt präzise zu beschreiben und zu verstehen.

    Inwiefern ist Grundlagenforschung die Basis für Innovation?

    Stark: Ohne etwas grundlegend zu verstehen, kann man nichts Neues entwickeln. Ich denke beispielsweise an die Immunologie. Man muss das Immunsystem grundsätzlich begreifen, um Krankheiten, Viren, Bakterien oder Autoimmunerkrankungen wirksam bekämpfen zu können.

    Letzteres ist nicht das primäre Ziel der Grundlagenforschung in diesem Bereich. Aber diese Forschung ist Voraussetzung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die nach einem neuen Krebsmedikament oder einem neuen Antibiotikum suchen. Ohne ein detailliertes Verständnis für Systeme aller Art – Mensch, Umwelt, unser Universum – kann es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben.

    Grüninger: Ein anderes Beispiel ist die künstliche Intelligenz. Die heutigen KI-Systeme basieren auf statistischen Modellen, deren Entwicklung vor rund achtzig Jahren begonnen hat. In den 1940er-Jahren versuchten Forschende aus Mathematik und Neurobiologie, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns mit mathematischen Modellen, sogenannten neuronalen Netzen, zu beschreiben.

    Dass daraus einmal Systeme entstehen würden, die Autos steuern und Texte verfassen, konnten sie nicht ahnen. Und der Weg dahin war steinig. Weil der praktische Nutzen zuerst kleiner war als erhofft, wurden Fördermittel wiederholt gekürzt. Weitergeforscht wurde trotzdem. Zum Glück.

    Denn als leistungsfähige Computer und grosse Datenmengen dazukamen, zeigte sich, wie nützlich neuronale Netzwerke für eine Vielzahl von Anwendungen sind.

    Wir können nicht vorhersehen, welches Wissen wir in fünfzig Jahren brauchen. Deshalb sollte die Grundlagenforschung nicht eingeengt und auf einen unmittelbaren Nutzen getrimmt werden. Sonst riskieren wir, in eine Sackgasse zu geraten, und verlieren die Möglichkeit, Dinge grundsätzlich zu hinterfragen und neu zu denken. Genau dies kann und soll Grundlagenforschung leisten.

    Stark: Gerade wenn es um Digitalisierung, KI und deren Anwendung geht, sind auch die Geistes- und Sozialwissenschaften wichtig, die gesellschaftlich und politisch zuweilen unter Legitimationsdruck stehen. Fächer wie Philosophie, Theologie oder Psychologie fragen grundsätzlich danach, was der Mensch ist. Sie untersuchen beispielsweise, was mit Menschen passiert, die sich im Smartphone verlieren oder Maschinen plötzlich menschliche Qualitäten zuschreiben.

    Und sie untersuchen, was diese Entwicklungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie bedeuten. Das sind ganz allgemeine Fragen, aus denen keine Schulbücher entstehen, und es lassen sich daraus auch keine Wahlempfehlungen ableiten. Aber diese Forschung hilft der Gesellschaft, sich angesichts rasanter Veränderungen besser zu orientieren.

    Die Schweiz leistet sich Grundlagenforschung auf hohem Niveau – wenn man diese Grundlage schwächt, ist irgendwann der Innovationstrichter leer.

    Sprachwissenschaftlerin und Prorektorin Forschung

    Was sind die Folgen, wenn Forschende zu stark auf unmittelbaren Nutzen verpflichtet werden?

    Grüninger: Dann verschieben sich die Anreize. Wenn Forschende in drei Jahren zeigen müssen, dass sie Krebs heilen oder das Universum erklären, entsteht Druck, schnelle Ergebnisse zu produzieren. Das gefährdet methodisch sauberes Arbeiten, sorgfältige Datenerhebung, Peer Review und Reproduzierbarkeit.

    Wenn wir Ergebnisse produzieren, die nicht verlässlich sind, untergraben wir das Vertrauen in die Wissenschaft.

    Stark: In Forschungsanträgen müssen wir heute oft «Relevance and Impact» beschreiben. Bei vielen Grundlagenprojekten ist das die falsche Frage. Man sollte erklären müssen, wie ein Projekt ein Forschungsparadigma prüft, erweitert oder infrage stellt.

    Aber man sollte nicht immer behaupten müssen, daraus entstehe ein Spin-off, eine Policy oder ein Medikament. Vielleicht entsteht daraus nie eine direkte Anwendung. Trotzdem wissen wir danach mehr über den Menschen, über Sprache, über Natur oder Gesellschaft.

    Grüninger: Der Druck kann sogar dazu führen, dass bestimmte Fragen gar nicht mehr gestellt werden. Wenn Forschende merken, dass eine Idee zu theoretisch, zu neu oder zu schwer verwertbar ist, verzichten sie vielleicht auf einen Antrag. Damit wird der qualitative Kern der Wissenschaft gefährdet.

    In der biomedizinischen Grundlagenforschung spielen Tierversuche eine wichtige Rolle. Weshalb braucht es diese Experimente?

    Stark: Weil man einen lebenden Organismus braucht, wenn man einen lebenden Organismus verstehen will. Bei konkreten Wirkstofftests gibt es heute gute Ersatzmethoden, etwa Organoide oder Organ-on-a-chip-Systeme. Aber wenn man verstehen will, wie ein Organismus als Ganzes funktioniert, reicht das oft nicht.

    Tierversuche müssen aber gut begründet und ethisch vertretbar sein.

    Grüninger: Tierversuchsfreie Methoden funktionieren gut in Bereichen, in denen wir schon genug über einen Teil eines biologischen Systems wissen, um ihn nachzuahmen. Wenn es beispielsweise darum geht, Hautreizungen durch chemische Stoffe zu testen, lassen sich Tierversuche schon länger teilweise oder vollständig ersetzen. In der Grundlagenforschung ist das schwieriger.

    Wenn wir zum Beispiel verstehen wollen, wie angeborene Krankheiten entstehen oder wie sich das Gehirn entwickelt, können wir dazu nicht allein Zellkulturen verwenden. Die Forschung an Tieren beantwortet Fragen, die anderweitig aus praktischen oder ethischen Gründen nicht untersucht werden könnten.

    Wie wird der Erkenntnisgewinn gegen die Belastung der Tiere abgewogen?

    Stark: Das Tierschutzgesetz schreibt eine Güterabwägung vor. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn wird der Belastung des Tiers gegenübergestellt. Die Belastung ist in Schweregrade eingeteilt, und je höher sie ist, desto höher sind die Hürden.

    Unser Eindruck ist, dass Grundlagenforschung in dieser Abwägung zunehmend unter Druck gerät. Das reine Wissenwollen wird teilweise weniger stark gewichtet als eine nahe biomedizinische Anwendung.

    Grüninger: Die Situation ist rechtlich und politisch anspruchsvoll. Das Gesetz anerkennt die Grundlagenforschung als legitimen Zweck für die Forschung mit Tieren. Gleichzeitig gibt es Gerichtsurteile, die in bestimmten Fällen höhere Ansprüche an die Grundlagenforschung stellen, was die Rechtfertigung ihrer Forschung anbelangt.

    Grundlagenforschende müssen damit besser erklären können, weshalb der Erkenntnisgewinn ihrer Projekte Gewicht haben sollte, als ihre Kolleginnen und Kollegen in der angewandten Forschung. Am Ende ist es aber auch eine gesellschaftspolitische Entscheidung, welchen Stellenwert die Grundlagenforschung in diesem und anderen Bereichen haben soll – diese Debatten sollten wir führen.

    Braucht die Grundlagenforschung neue Rahmenbedingungen?

    Stark: Zunächst müssen wir die gute Ausgangslage in der Schweiz verteidigen. Der Schweizerische Nationalfonds fördert exzellente Forschung und hält Räume für nicht unmittelbar anwendungsorientierte Projekte offen. Im internationalen Vergleich ist das ein grosser Vorteil.

    Die Schweiz leistet sich Grundlagenforschung auf hohem Niveau – das ist die Voraussetzung für vieles, was später kommt. Wenn man diese Grundlage schwächt, ist irgendwann der Innovationstrichter leer.

    Grüninger: Zentral ist die Trennung der Bewertungsebenen. Wir unterscheiden drei: das einzelne Projekt, das Forschungsprogramm und die gesellschaftliche Wirkung. Auf der Ebene des einzelnen Forschungsprojekts sollten innerwissenschaftliche Kriterien im Vordergrund stehen: Methode, Plausibilität, Transparenz, Beitrag zum Forschungsprogramm.

    Ob ein Forschungsprogramm gesellschaftlich bedeutsame Fragen adressiert, ist eine andere Frage, und die darf und soll demokratisch diskutiert werden. Aber man darf nicht verlangen, dass ein einzelnes Projekt alle gesellschaftlichen Erwartungen an die Forschung als Gesamtsystem erfüllt.

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    Kommentare

    User #5806 (nicht angemeldet)

    Dieses grundsätzliche Wissenwollen wird uns durch die vierte Gewalt in der Schweiz gewissentlich abtrainiert. Seriöse Journalisten werden durch mediengeile Influenzer ersetzt und der Leser wird wissentlich für Blöd verkauft! Traurige Schweiz.

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