Das Stadtparlament thematisiert am 29. September 2022 das «Pilotprojekt Tagesschule». Ein Plus für Wil als Wohn- und Arbeitsort, so Sebastian Koller (Grüne).
Porträtfoto Mann Koller Stefan Wil
Sebastian Koller ist Mitglied des Stadtparlaments und vertritt die Fraktion Grüne Prowil in der Bildungskommission. - zVg
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An diesem 29. September 2022 steht Wiler Stadtparlament die Motion Dora Luginbühl (SP) «Pilotprojekt Tagesschule» zur Diskussion.

Das Thema beschäftigt Wil schon seit einiger Zeit. Bereits 2016 reichte Adrian Bachmann (FDP) einen Vorstoss zum Thema ein.

Für einen endgültigen Entscheid und die Umsetzung fehlte bisher jedoch eine entsprechende Grundlage. Diese soll nun dank dem Pilotprojekt einer Tagesschule in Wil entstehen.

Nau.ch hat bereits mit Anja Bernet (SP), Adrian Bachmann und Christina Rüdiger (SVP) über das Geschäft gesprochen. Jetzt meldet sich Sebastian Koller (Grüne Prowil) zu Wort.

Nau.ch: Das Thema einer Tagesschule beschäftigt Wil schon länger. Inwiefern sind Sie überzeugt, und worin sehen Sie die Vor- und Nachteile des Projekts?

Sebastian Koller: Ich sehe ein solches Pilotprojekt als grosse Chance. Die Stadt Wil könnte mit einem Tagesschul-Angebot ihre Attraktivität als Wohn- und Arbeitsort steigern.

Die Vorteile einer Tagesschule im Vergleich zu den bestehenden Tagesstrukturen sind die konstante Zusammensetzung der Betreuungsgruppen und die Integration des Betreuungsangebotes in den Schulbetrieb.

Dadurch haben die Kinder weniger Bezugspersonen und müssen nicht zwischen verschiedenen Standorten wechseln.

Da die Lehrpersonen auch Betreuungsaufgaben übernehmen, können sie eine engere Beziehung zu den einzelnen Kindern aufbauen.

Bildung und Betreuung sind nicht mehr räumlich und personell getrennt, sondern gehen Hand in Hand.

Die Betreuungszeit kann auch für die schulische Förderung genutzt werden. Insbesondere Kinder aus bildungsfernen Familien können in einer Tagesschule besser gefördert und integriert werden.

Wie finden Sie das «Pilotprojekt Tagesschule»?

Eine Herausforderung besteht sicherlich darin, dass die Tagesschule auf überdurchschnittlich engagiertes Personal angewiesen ist.

Zudem geht die Stadt mit dem Pilotprojekt ein gewisses finanzielles Risiko ein: Wenn die Nachfrage zu gering und die Tagesschule folglich nicht ausgelastet wäre, resultiert aufgrund der Ohnehin-Kosten ein finanzieller Mehraufwand.

Dieses Kostenrisiko muss noch eruiert werden, und es sind natürlich Abbruchskriterien für den Pilotversuch zu definieren.

Ich bin aber sicher, dass es genügend Anmeldungen für die Tagesschule geben wird, wenn die Qualität stimmt.

In diesem Fall wäre der Betrieb meines Erachtens nicht teurer als der Betrieb einer «normalen» Schule mit Tagesstruktur.

Nau.ch: Ein solches Vorhaben ist stets mit finanziellem Aufwand verbunden. Wie soll das Projekt finanziert werden?

Sebastian Koller: Die Volksschule wird über den allgemeinen Gemeindehaushalt, also hauptsächlich über die Gemeindesteuern finanziert. Dies wäre auch bei einer Tagesschule der Fall.

Für das schulergänzende Betreuungsangebot sollen – analog zu den bestehenden Tagesstrukturen – einkommensabhängige Elternbeiträge erhoben werden.

Wenn die Tagesschule dazu führt, dass Eltern ihre Erwerbstätigkeit ausbauen, profitiert die Stadt von höheren Steuereinnahmen.

In eine Tagesschule zu investieren, ist deshalb nicht nur bildungs- und sozialpolitisch, sondern auch finanzpolitisch sinnvoll.

Nau.ch: Mit dem Pilotprojekt könnte Wil eine Vorreiterrolle in der Ostschweiz einnehmen. Wann sollte dieses Projekt frühestens umgesetzt werden?

Sebastian Koller: Ich gehe davon aus, dass für die Tagesschule ein neues Schulhaus erstellt oder ein bestehendes Schulhaus umgebaut werden muss.

Die Planung und der politische Prozess dürften mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Zunächst einmal muss der Stadtrat ein überzeugendes Projekt ausarbeiten. Danach muss das Parlament und allenfalls auch das Stimmvolk grünes Licht für die Umsetzung geben.

Im Sinne einer ambitionierten Zielsetzung könnte vielleicht eine Betriebsaufnahme per Schuljahr 2026/2027 ins Auge gefasst werden.

Zur Person

Sebastian Koller (34) wohnt in Wil, ist Mitglied des Stadtparlaments und vertritt die Fraktion Grüne Prowil in der Bildungskommission.

Der ausgebildete Veterinär- und Rechtswissenschaftler arbeitet als politischer Sekretär der Grünen Kanton St. Gallen und selbstständiger Rechtsberater.

In seiner Freizeit engagiert er sich in mehreren Vereinen, besucht kulturelle Veranstaltungen, spielt Klavier und unternimmt gerne ausgedehnte Hundespaziergänge.

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