Durrer: «Vielleicht gibt es Menschen, die Vertrauen verloren haben»

Jan Amsler
Jan Amsler

Liestal,

Haben die Baselbieter Grünen Wählende an die SVP abgetreten? Und was bedeutet die Wahlniederlage für seine Rolle in der Partei? Der Präsident nimmt Stellung.

michael durrer
«Kristallkugel-Lesen»: Der Baselbieter Grünen-Präsident Michael Durrer. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Baselbieter Grünen erlitten bei den Nationalratswahlen eine herbe Niederlage.
  • Präsident Michael Durrer denkt zurzeit aber nicht über einen Rücktritt nach.

OnlineReports: Herr Durrer, die Baselbieter Grünen sind am Wahlsonntag von 18 auf 10 Prozent Wähleranteil abgesackt. Was bedeutet das für Sie als Präsident?

Michael Durrer: Wenn man so viel verliert, ist es ja klar, dass man sich überlegt: Was ist meine Rolle darin? Wir werden eine kritische Auslegeordnung machen.

OnlineReports: Stehen Sie unter Druck, Ihren Posten abzugeben?

Durrer: Ich habe bisher keinerlei negative Reaktionen zu meiner Position erhalten und fühle mich von Vorstand und Geschäftsleitung nach wie vor extrem gestützt. Ich habe auch grosse Lust und Freude, weiterzumachen. Aber der Entscheid liegt bei der Mitgliederversammlung, und die steht noch aus.

OnlineReports: Also eher keine personelle Veränderung an der Parteispitze?

Durrer: Schon vor den Wahlen ist die Idee aufgekommen, dass wir uns breiter aufstellen möchten, zum Beispiel mit einem zusätzlichen Vizepräsidium. Ich wäre auch offen für ein Co-Präsidium. Das hat aber weniger mit dem Wahlergebnis als mit der Arbeitsbelastung zu tun.

OnlineReports: Wo sehen Sie die Gründe für den grünen Taucher?

Durrer: Wir müssen das noch genau analysieren. Ich glaube, dass verschiedene Einflüsse gewirkt haben.

OnlineReports: Nämlich?

Durrer: Der nationale und gar internationale Trend spricht nicht für uns. Das Klima bereitet den Menschen zwar grosse Sorgen, aber gleichzeitig hatte ich in den vergangenen Wochen das Gefühl, dass unmittelbare, aktuellere Krisen wie der Krieg in der Ukraine oder auch die Gesundheitskosten von den Menschen als dringlicher angesehen werden. Und nach dem Wahnsinns-Resultat vor vier Jahren war bei uns auch die Fallhöhe grösser als in anderen Kantonen. Mit Kandidierenden wie Maya Graf, Florence Brenzikofer oder Philipp Schoch kann man den Trends sicher etwas trotzen …

Sind Sie zufrieden mit den Ergebnissen der Wahlen 2023?

OnlineReports: Aber solche Leute haben gefehlt. War die grüne Wahlliste gut genug?

Durrer: Wir hatten viele Personen auf der Liste, die zum ersten Mal kandidierten. Wir sind personell auch etwas im Umbruch. Aber sie haben einen engagierten Wahlkampf gemacht.

OnlineReports: Wohin sind die Grünen-Wählenden von 2019 denn gegangen?

Durrer: Ich habe die Zahlen noch nicht genau angeschaut, aber ein Teil wählte sicher die SP. Ich gehe davon aus, dass es auch eine Rolle gespielt hat, dass die Medien im Vorfeld oft über die drohende Abwahl der SP-Nationalrätin Samira Marti berichtet haben. Es gibt hier sicher Wechselwählerinnen und -wähler. Und es gibt wahrscheinlich auch einen Teil, der dieses Jahr gar nicht gewählt hat. Es ist möglich, dass wir einfach schlecht mobilisiert haben.

OnlineReports: Bei so grossen Verlusten kommt der Verdacht auf, dass auch die Wahlsiegerin SVP in Ihrem Teich gefischt hat.

Durrer: Ja, vielleicht gibt es Menschen, die wegen Corona oder auch anderen Themen das Vertrauen in unsere Partei verloren haben. Ich kann das nicht grundsätzlich ausschliessen, auch wenn ich mir nur schwer vorstellen kann, wie jemand vor vier Jahren die Grünen und nun die SVP wählen konnte.

OnlineReports: Die SVP zeigte sich offen, die Grünen-Landrätin Laura Grazioli aufzunehmen, nachdem Ihre Partei entschieden hat, sie nicht für den Nationalrat kandidieren zu lassen. Es gibt also durchaus Überschneidungspunkte. Wirkte vielleicht ein Grazioli-Effekt?

Durrer: Das ist Kristallkugel-Lesen. Aber ja, wir wissen, dass Laura sehr gute Resultate erzielt, und ich gehe davon aus, dass sie das auch jetzt gemacht hätte. Sie holt auch viele Panaschierstimmen. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir das Resultat nicht an nur einer Personalie erklären können.

OnlineReports: Bedauern Sie, dass Sie sich so deutlich von Grazioli distanziert haben?

Durrer: Wir sind eine demokratische Partei und das Votum unserer Mitgliederversammlung war eindeutig. Aber ich habe immer gesagt, dass es für mich denkbar wäre, Laura Grazioli auf die Liste zu nehmen.

OnlineReports: Und mit etwas Abstand auf die Wahlen: Wie geht es Ihnen?

Durrer: Es geht. Es ist noch nicht die erhoffte Ruhe eingekehrt, um mich hinzusetzen und mich auszutauschen. Es freut mich, dass wir unsere beiden Sitze halten konnten und dass das Junge Grüne Bündnis wieder die stärkste Jungpartei ist.

***

Zum Autor: Dieser Artikel wurde zuerst im Basler Newsportal OnlineReports.ch publiziert. Per 1. Juli haben Alessandra Paone und Jan Amsler übernommen.

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