Die Lenzburger CVP-Politikerin Christina Bachmann-Roth (36) schreibt in ihrem Gastbeitrag darüber, wie Städte die Corona-Pandemie bewältigen.
Christina Bachmann-Roth
Christina Bachmann-Roth am Maimärt Lenzburg: «Genauso leer wie letztes Jahr!» - z.V.g.
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Nach Bund und Kantonen öffnen nun vermehrt auch die Städte ihre Geldtöpfe für das Corona gebeutelte Gewerbe – vor allem auch für das Gewerbe in den Altstädten. Ein Beispiel dafür ist die Stadt Baden, welche mit einem grosszügigen Paket unter anderem das Gewerbe unterstützt.

Verantwortungsvolles Abwägen

Beim Thema Wirtschaftsförderung habe ich zwei Herzen in meiner Brust. Ich bin Unternehmerin und Politikerin mit Herzblut. Ich bin pragmatisch und bodenständig und weiss, dass wir uns Wohlstand zuerst schaffen müssen, bevor wir ihn umverteilen. Das Gewerbe leidet unter den Auswirkungen des Lockdowns und steht vor einer unsicheren Zukunft.

Von der Politik wird Unterstützung gefordert. Wem soll diese zuteilwerden? Gibt es DIE Verlierer der Pandemie? Ich sehe es als meine Verantwortung, Bedürfnisse und Interessen zwischen Politik und Wirtschaft abzuwägen. Dass das gar nicht so einfach ist, zeigt die Lenzburger Altstadt.

Ist Corona das Hauptproblem der Lenzburger Altstadt?

Nein. Die Herausforderungen für Betriebe in der Lenzburger Altstadt sind vielfältig und waren schon vor der Corona-Pandemie offensichtlich. Einerseits hat sich das Konsumverhalten verändert – zum Beispiel durch den Onlinehandel, die grössere Mobilität der Menschen und durch die geforderte Angebotsbreite. Andererseits kommen interne Probleme wie z.B. hohe Mietzinsen oder die schwierige gemeinsame Vermarktung dazu.

Werden nun mit Corona-Geldern ausgeklügelte Rabattsysteme und Gutscheinaktionen entworfen, können wir kurzfristig Zusatzverkäufe generieren. Langfristig schaffen wir dadurch kein nachhaltiges attraktives Angebot, welches Konsumentinnen und Konsumenten regelmässig in die Altstadt bringt.

Vielmehr wird die unternehmerische Innovationskraft durch Subventionen sogar gedämpft, weil Mut und Risikobereitschaft wichtige Treiber im Unternehmertum sind. Welche Form der Unterstützung braucht es denn?!

Christina Bachmann-Roth
Christina Bachmann-Roth beim Eingang zur Altstadt. - z.V.g.

Einzelkämpfertum oder pulsierendes Leben in der Altstadt

Es braucht keine Investitionen in Aktivitäten zur Verkaufsförderung der einzelnen Läden, denn das fördert nur das Einzelkämpfertum. Die Altstadt in Lenzburg braucht nicht dutzende Nischen-Läden mit nochmal so vielen unterschiedlichen Öffnungszeiten, die alle ein paar wenige Kunden anziehen und als Einzelkämpfer knapp über die Runden kommen.

Wir brauchen eine Altstadt, die als Ganzes ein Erlebnis ist. Wir wollen von spannenden Produkten oder Kleinkünstlern verführt werden und auf attraktiven Plätzen Menschen treffen. Wir sollten gemeinsam gross denken. Wie wäre es mit einem attraktiven Zugang zum Stadtzentrum - gut beschriftet, einfach und attraktiv für ÖV-Reisende und Automobilisten.

Und wie wäre es mit einem Markt, den es so nirgendwo in der Schweiz gibt? Lenzburg delegiert die Organisation ihrer Märkte, den Mai- und den Chlausmarkt, einer nationalen Institution, die von Bern bis Bellinzona die immer gleichen Marktfahrenden rekrutiert. Das ist weder attraktiv für die Kunden noch lukrativ für die Unternehmerinnen der Stadt Lenzburg und deren Umgebung.

Aber auch solche strukturellen Projekte und jegliche Corona-Hilfspakete helfen letztendlich nichts, wenn Firmen nicht bereit sind, sich ständig neu zu erfinden, sich an die Welt anzupassen und wenn nicht neue innovative Anbieter angesiedelt werden können.

Wie wird der Kuchen verteilt

Unternehmerinnen und Gewerbe sind, gerade in Lenzburg, sehr gut organisiert. Ich selbst bin mit Überzeugung Mitglied vom hiesigen Gewerbeverein Lenzburg & Umgebung.

Am eingangs erwähnten Badener Modell gefällt mir, dass auch andere Bevölkerungsgruppen beachtet werden und zwar gerade solche, die nicht so gut organisiert sind wie zum Beispiel Kitas, Spielgruppen und Tagesstrukturen, welche für finanzielle Ausfälle entschädigt werden. Vielleicht kann uns dieses Modell in Lenzburg als Modell dienen?

Auf jeden Fall tun die Städte gut daran, nicht einfach wahllos Kleingewerbe mittels künstlicher Beatmung am Leben zu erhalten, sondern die Corona-Pandemie als Chance zu sehen, den Altstädten mit innovativen Projekten neues Leben einzuhauchen.

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