Bern: Neuer Atlas zeigt Geschichte der Schweizer Familiennamen
Forschende der Universität Bern legen den «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» vor. Er zeigt, was Namen über Dialekte, Berufe und Migration verraten.

Der neue «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» zeigt, was Familiennamen über Dialekte, frühere Berufe, Wohnorte und Wanderungsbewegungen verraten. Das dreibändige Werk entstand im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts an der Universität Bern.
Es untersucht Familiennamen erstmals umfassend sprachgeografisch und über mehrere Zeitstufen hinweg.
Familiennamen sind sprachliche Zeugnisse: In ihnen haben sich ältere Lautungen und Schreibweisen, Wortbildungs- und Satzmuster sowie Bezeichnungen für Herkunft, Wohnstätten, Berufe oder persönliche Merkmale erhalten. Der neue erschliesst diese Spuren systematisch für die Deutschschweiz und bezieht vergleichend auch französische, italienische und rätoromanische Namen ein.
Schweizer Landesgeschichte
Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekts am Institut für Germanistik der Universität Bern, das von 2022 bis 2026 unter der Leitung von Prof. Dr. Luise Kempf durchgeführt wurde. Die drei Bände behandeln Graphie und Phonologie (Band I), Morphologie und Syntax (Band II) sowie Lexik und Benennungsmotive (Band III).
Namenräume von vor 1800 bis heute
Grundlage des Atlas ist eine mehrschichtige digitale Datenbasis. Historische Angaben stammen aus dem «Familiennamenbuch der Schweiz» und reichen in Zeitschichten bis vor 1800 zurück; für die Gegenwart wurden Daten der Bevölkerungsstatistik STATPOP 2020 des ausgewertet. Ein eigens entwickeltes Kartierungsverfahren verbindet Namen mit geografischen.
Räumen und ermöglicht Vergleiche über verschiedene Zeitstufen. So lassen sich stabile Namenareale ebenso erkennen wie räumliche Verschiebu auf Geodaten von swisstopo.
Die Erstellung des Atlas vereinte Fachwissen
war, betont Kempf in der Danksagung:
Forschungsprojekte von solch fruchtbaren fachlichen und interdisziplinären Kooperationen profitieren dürfen.»
«Familiennamenatlas der Deutschschweiz»
Entstanden ist der Familiennamenatlas im Rahmen eines vom Wie der Atlas entstanden ist ngen durch Mobilität und Migration. Die Karten basieren aus Namenforschung, Sprachgeografie, historische «Es bleibt zu wünschen, dass auch künftige onomastische Über 500 kommentierte (FDS). Das Werk bietet damit eine umfassende Schweizer Familiennamen und der Bundesamts für Statistik r Wie wichtig diese Zusammenarbeit Die Vielfalt und Geschichte der Schweizer Familiennamen In 110 thematischen Artikeln untersucht der Atlas die Struktur und Geschichte der Familiennamen.
Band I zeigt unter anderem regionale Schreib- und Lautvarianten sowie Anpassungen beim Kontakt mit anderen Landessprachen oder dem Hochdeutschen (bspw. Wyss, Schnider vs. Weiss, Schneider). Band II widmet sich Flexion, Wortbildung und komplexen Namenstrukturen, etwa Verbindungen mit Präpositionen und Artikeln (wie in Zumthor, Imobersteg). Band III ordnet.
Familiennamen nach ihren Benennungsmotiven und behandelt entsprechend Familiennamen aus Rothenbühler, Studer), Berufsnamen (bspw. Ackermann, Walker) und Übernamen (bspw. Stapfer, Wäspi).
Die vergleichende Kartierung zeigt dabei, wie eng Namengeografie, Dialekträume, historische Siedlungsverhältnisse und Sprachkontakte miteinander verbunden sind. Es wird aufgezeigt, wo sich bestimmte Phänomene konzentrieren – z.B. die sehr alten Familiennamen mit Präposition im sprachlich konservativen höchstalemannischen Raum oder Familiennamen mit der Endung -le in zwei Arealen ganz im Norden und Nordosten der Schweiz. Der Atlas erläutert auch archaische Laut- und Formvarianten, die sich nur in Familiennamen gehalten haben (bspw. germanisches Grundwort und Endung -o wie in Jungo oder Kurzo).
Laut einem anonymen Gutachten sei der FDS in dieser Funktion nicht nur ein Referenzwerk für die Schweiz, sondern ein Meilenstein der europäischen Namenforschung insgesamt.
Familiennamen erzählen auch Migrationsgeschichte
Der Familiennamenatlas erschliesst Familiennamen auch für sprach- und sozialgeschichtliche Fragestellungen: Als historische Quellen dokumentieren Namen frühere Sprachzustände sowie Aspekte vergangener Lebens- und Arbeitswelten. Ihre räumliche Verteilung gibt zudem Hinweise auf die Siedlungsgeschichte (z.B. wenig Getreideanbau und Bäckerberufe in alpinen Räumen) und auf Wanderungsbewegungen. Durch den Vergleich verschiedener Zeitstufen zeigt der Atlas, welche Namenräume über längere Zeit stabil geblieben sind und wo Migration und Sprachkontakt Veränderungen hinterlassen haben (bspw. eingedeutschte französische Familienamen wie Bisang oder Tschannen aus paysan respektive Jean).
«Mit dem Atlas legen wir das bislang grösste Werk zur Erforschung von Schweizer Familiennamen vor», so Kempf. An diese Ergebnisse schliessen weitere Forschungen an. Prof. Dr. Luise Kempf (Universität Bern) und Dr. Linda Steiner (ehemals wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Bern und nun am Phonogrammarchiv der Universität Zürich) untersuchen etwa, wie sich historische Binnenmigration zwischen den Schweizer Sprachregionen in Familiennamen niederschlägt.
Ihre Studie erscheint demnächst im Jahrbuch der «Gesellschaft für germanistische Sprachgeschichte». «Darin haben wir festgestellt, dass sich das Gebiet der heutigen Schweiz aufgrund der historisch weit zurückreichenden Sprachenvielfalt einen Raum mit reichhaltigem Material für die Untersuchung von Sprachkontakt darstellt», so Kempf. Weitere Untersuchungen von Steiner beziehen Familiennamen im Zusammenhang mit Migration aus der Türkei im 20. und 21. Jahrhundert ein und fragen danach, welche sprachlichen Spuren unterschiedliche Migrationsphasen und Integrationsprozesse in Namen hinterlassen.
Jahrhundert ein und fragen danach, welche sprachlichen Spuren unterschiedliche Migrationsphasen und Integrationsprozesse in Namen hinterlassen. «Insgesamt machen unsere Forschungen deutlich, dass Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit zu den prägenden Merkmalen des Schweizer
«Insgesamt machen unsere Forschungen deutlich, dass Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit zu den prägenden Merkmalen des Schweizer Namenschatzes zählen», so Kempf abschliessend.
Der Familiennamenatlas ist Open Access verfügbar. Er richtet sich vor allem an Fachleute und steht einer breiteren interessierten Öffentlichkeit frei zur Verfügung. Das alphabetische Namenverzeichnis im dritten Band ermöglicht das gezielte Auffinden eines einzelnen Namens.
Für den Unterricht bietet der Atlas Anknüpfungspunkte zu Themen wie Landesgeschichte, Mehrsprachigkeit und Identität.
Angaben zur Publikation: Kempf, Luise (Hrsg.) (2026): Familiennamenatlas der Deutschschweiz (FDS). Mit Ausblicken auf die romanischen Sprachgebiete. 3 Bände. Tübingen: Narr Francke Attempto / A. Francke Verlag.
10.24053/9783381150625.
Band I: Graphie und Phonologie. Print-ISBN 97-3-381-15061-8; ePDF-ISBN 97-3-381-15062-5; DOI Band II: Morphologie und Syntax. Print-ISBN 97-3-381-15071-7; ePDF-ISBN 97-3-381-15072-4; DOI 10.24053/978s cg n338s cg n1150724.
Band III: Lexik und Benennungsmotive. Print-ISBN 97-3-381-15081-6; ePDF-ISBN 97-3-381-15082- 3; DOI 10.24053/9783381150823.
Gesamtwerk ePDF: ISBN 97-3-381-14512-6; DOI 10.24053/9783381145126. Open Access unter CC BY-SA 4.0.
Bearbeitet wurde das dreibändige Werk von Luise Kempf, Simone Berchtold, Linda Steiner, Esther Loosli, Martina Heer, Jeffrey Pheiff, Elia Ackermann und Selma Vonlanthen.






