Die Preise für Strom, Gas, Kohle befinden sich auf einem Rekordhoch – und die Lage könnte sich noch weiter zuspitzen.
Eine Gasverdichterstation im Dorf Mryn nördlich von Kiew (Archivbild).
Eine Gasverdichterstation im Dorf Mryn nördlich von Kiew (Archivbild). - Roman Pilipey/epa/dpa

Das Wichtigste in Kürze

  • Der russische Einmarsch in der Ukraine lässt die Energiepreise in die Höhe schnellen.
  • Schon zuvor im Jahr 2021 begann die Rally.

Strom, Gas und Kohle sind so teuer wie niemals zuvor. Und die Lage könnte sich nochmals gravierend zuspitzen. Dies, sollte das europäische Energie-Embargo gegen Russland von Kohle auch auf Öl und Gas ausgeweitet werden. Russland könnte auch selbst die Lieferung stoppen.

Franziska Fischer, Nachhaltigkeitsexpertin bei der Credit Suisse, äusserte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP. Der russische Einmarsch in der Ukraine habe viele Sorgen geschürt. Diese beträfen eine Einstellung der Gaslieferungen durch Russland oder ein Embargo durch die EU. Auch physische Schäden an der Gasinfrastruktur in der Ukraine seien denkbar.

Sukzessiver Preisanstieg beim Gas

Diese haben an den europäischen Energiemärkten zu weiteren massiven Ausschlägen geführt. Der starke Preisanstieg hatte bereits im Laufe des vergangenen Jahres begonnen, als ein nie dagewesenes Rally einsetzte. Für Gas etwa lag der Jahresdurchschnitt der Spot-Preise am Referenzmarkt TTF bis Mai 2021 bei 19 Euro die Megawattstunde.

Über den Sommer 2021 begann dann ein rasanter Anstieg. Der Jahresdurchschnitt erreichte 2021 unterm Strich knapp 47 Euro. Aktuell liegt der Durchschnittspreis für 2022 bei knapp 100 Euro.

Das wird sich auch so schnell nicht ändern: «Die Preise für europäisches Gas werden in diesem Jahr voraussichtlich hoch bleiben», sagt Stefan Graber, Leiter Rohstoff-Strategie bei der CS. Das hiesse höher als 2021, möglicherweise auch über 100 Euro die Megawattstunde. Im Risikoszenario eines Liefer- oder Importstopps von russischem Gas nach Europa könnte der Gaspreis auf über 200 Euro steigen.

Importstopp für russische Kohle

Als Teil neuer Sanktionen haben die EU-Staaten am Donnerstag bereits einem Importstopp für russische Kohle zugestimmt. Es soll allerdings eine Übergangsfrist von vier Monaten geben. Ob es zu einer vollständigen Lieferunterbrechung russischer Rohstoffe kommen könnte, weiss heute niemand.

Die meisten Experten halten dies aber für unwahrscheinlich. Die Kosten für beide Seiten wären beträchtlich. Die wirtschaftlichen Folgen davon wären immens, sagt Axpo-Marktanalyst Andy Sommer. Es käme dann nochmals zu massiv höheren Einkaufspreisen auf der europäischen Seite und fehlenden Einkünfte auf der russischen Seite.

«In unseren Augen wäre eine massive weitere Eskalation des Kriegs notwendig», sagt auch Fischer von der CS. Russland könne sich ein einseitiges Beenden der Gaslieferungen kaum leisten. Nicht nur wegen der unmittelbar wegbrechenden Deviseneinnahmen, sondern auch wegen der langfristigen Totalschäden für den lukrativen Industriezweig.

Lieferstopp beidseitig nicht ausgeschlossen

Nichtsdestotrotz bereiten sich die Schweizer Unternehmen auf verschiedene Szenarien vor. Ohnehin spielten in einem Krieg nicht immer ökonomische Überlegungen eine Rolle, gibt Sommer von der Axpo zu Bedenken. Angesichts dessen liessen sich ein Lieferstopp oder ein Embargo weder von der einen noch von der anderen Seite ausschliessen.

Alpiq
Alpiq-Chefin Antje Kanngiesser. - Keystone

Auch Alpiq-Chefin Antje Kanngiesser halte einen Boykott oder Lieferstopp von russischem Öl oder Gas für möglich. «Wir haben gesehen, dass das vermeintlich Unmögliche Realität wurde,» sagte sie jüngst in einem Interview mit AWP.

Dann könnten auch Strom- oder Gasausfälle nicht ausgeschlossen werden, sagt Sommer von Axpo. Gas könne weniger gut substituiert werden als etwa Öl. Die physische Infrastruktur – sprich die Pipelines – sei weniger flexibel, sagt Fischer von der Credit Suisse. Neben massiven Preissteigerungen würde es bei einem Lieferstopp im kommenden Winter höchstwahrscheinlich auch zu physischen Engpässen kommen.

Rationierung würde erst Wirtschaft treffen

Gas wird in der Schweiz von Haushalten, von der Industrie, von Dienstleistungen und in der Landwirtschaft benötigt. Rationierungen würden aber wohl zunächst in der Wirtschaft durchgesetzt werden, was unter anderem die Chemiebranche stark treffen würde, sagt Fischer.

Nächsten Winter würde es bei einem Totalausfall von russischem Gas nicht ohne Rationierungen gehen. Dies hatte der Chef der Elektrizitätskommission Elcom, Werner Luginbühl, bereits am vergangenen Donnerstag in einem Interview mit der NZZ gesagt.

Werner Luginbühl
Werner Luginbühl, Präsident der Elcom, spricht bei einer Medienkonferenz (Archivbild). - Keystone

Derzeit seien die Importe von Flüssiggas (LNG) nach Europa aber weiterhin auf einem relativ hohen Niveau. Auch die Lieferungen via der Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 erfolgten (noch) regulär, hiess es kürzlich von der Aufsichtsbehörde.

Gaspreis dürfte hoch bleiben

Den Stromunternehmen kommt indes zugute, dass hierzulande so gut wie keine Elektrizität mit Gas erzeugt wird. Allenfalls haben die Schweizer Anlagen im Ausland. Der Bündner Energieversorger Repower – als ein Beispiel – betreibt zwar ein Gaskombikraftwerk in Teverola. Da sich dieses jedoch in Italien befindet, komme das benötigte Gas hauptsächlich aus dem Süden (Algerien, Libyen, Transadriatische Pipeline).

Oder die BKW, welche die Region Bern versorgt, erzeugt den überwiegenden Anteil am Strom mit Wasserkraft. Weitere Quellen sind Solaranlagen, Kehrrichtverbrennungsanlagen sowie Biomasse. Mit der eigenen Stromproduktion könne man die Kunden in der Grundversorgung jederzeit versorgen, heisst es.

Auch in den kommenden Jahren dürften die europäischen Gaspreise noch aussergewöhnlich hoch bleiben. Zumindest lassen das die Marktpreise für Lieferungen in den Jahren 2023 und 2024 erwarten.

Eine Normalisierung auf Preise von 20 bis 25 Euro je Megawattstunde sei erst für 2025/26 eingepreist. Dies sagt Graber von der CS. «Nachdem es mehrere Jahre dauern dürfte, die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren, scheint diese Einschätzung des Markts durchaus realistisch.»

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