Schweizer Schokolade soll nun in Afrika produziert werden
Schweizer Schokolade gilt als Weltklasse – doch Der Hauptrohstoff Kakao wächst nicht hier. Nun soll eine Produktion direkt in Westafrika aufgebaut werden.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Schweizer Firma plant eine Schoggiproduktion in Togo für mehr Fairness.
- Das Ziel: 50 Prozent der Wertschöpfung soll in Togo behalten werden.
- Eine Expertin lobt das Projekt als Chance, sieht aber auch Herausforderungen.
- Auch die Schweizer Schoggibranche sagt: Das ist nur ein Weg zu mehr Fairness.
Die Schweiz ist für ihre Schoggi bekannt. Doch eine der Hauptzutaten wächst nicht in der Eidgenossenschaft.
Warum also den süssen Gaumenschmaus nicht dort produzieren, wo der Kakao wächst?
Dieses Ziel hat sich die Schweizer Firma «Gebana» gesetzt. Derzeit sammelt sie für ein Crowdfunding für «Schweizer Schokolade made in Togo».
Über 360'000 von 500'000 Franken sind im Crowdfunding bereits zusammengekommen. Der Aufbau der Produktion im westafrikanischen Staat soll insgesamt aber rund 1,2 Millionen Franken kosten – Der Rest investiert die Firma aus der eigenen Tasche.
Schweizer Schoggi aus Afrika – braucht es das wirklich?
Nur Mini-Batzen fliesst heute ins Herkunftsland
Xenia Imbach von «Gebana» erklärt gegenüber Nau.ch ihre Motivation: «Heute stammen rund 70 Prozent des weltweit verarbeiteten Kakaos aus Westafrika. Doch vom Verkaufspreis einer herkömmlichen Tafel bleiben im Herkunftsland meist nur etwa zehn bis 15 Prozent.»

Indem die Schoggi im Kakaoland produziert wird, sollen künftig 50 Prozent der Wertschöpfung in Togo bleiben. Durch die lokale Verarbeitung sollen «relativ hochqualifizierte Arbeitsplätze» entstehen.
Dadurch entstünden in Togo, einem der ärmsten Länder der Welt, «langfristige wirtschaftliche Perspektiven».
Imbach hebt die Ungerechtigkeiten im internationalen Kakaohandel hervor. «Bauernfamilien verdienen zu wenig am Kakao, um davon zu leben. Grosse Schokoladenmarken wissen oft nicht, woher genau der Kakao für ihre Schokolade kommt.»
«Gebana» hingegen beziehe den Kakao direkt von den Bauernfamilien, nicht über Grosshändler. Durch die Direktvermarktung sollen diese mittelfristig höhere Preise für ihren Rohstoff erhalten.
«Viele Kakaobauern haben noch nie Schokolade gegessen»
Gleichzeitig stärke die Verarbeitung vor Ort die Verbindung, was sich langfristig auch positiv auf die Bohnenqualität auswirken könne.
Denn: «Noch heute gibt es viele Familien, die Kakao anpflanzen, aber noch nie Schokolade gegessen haben», so Imbach.
Der Schweizer Branchenverband Chocosuisse bestreitet die unterschiedliche Wertschöpfung entlang der globalen Kakaokette nicht. Sprecherin Lydia Toth sagt zu Nau.ch: «Ein erheblicher Teil der Verarbeitung, Logistik und des Vertriebs findet traditionell in den Absatzmärkten statt.» Also auch in der Schweiz.
«Gleichzeitig ist unbestritten, dass die Einkommen vieler Kakaobauern unter Druck stehen und strukturelle Herausforderungen bestehen – insbesondere in Westafrika.»
Deshalb engagierten sich viele Akteure seit Jahren in Programmen für mehr Fairness und Nachhaltigkeit. Der Verband begrüsst Initiativen für nachhaltige Lieferketten wie jene von «Gebana».
Gleichzeitig betont Toth: «Es gibt nicht das eine richtige Modell: Unterschiedliche Ansätze können nebeneinander bestehen, je nach Markt, Produkt, Unternehmensgrösse und lokalen Rahmenbedingungen.»
Chancen sieht sie in Projekten wie jenem von «Gebana» durchaus. «Mehr Verarbeitung im Ursprung kann Chancen bieten, etwa zusätzliche Arbeitsplätze oder Know-how-Transfer.»
Afrikanische Schoggi darf sich nicht «Schweizer Schokolade» nennen
Doch sie betont bei in Afrika produzierter Schoggi: «Gemäss geltenden Standards handelt es sich hierbei nicht um Schweizer Schokolade.»
Für die Konsumentinnen und Konsumenten sei entscheidend, dass die Herkunft der Schoggi «klar deklariert» werde, um deren Erwartungen zu erfüllen.
Xenia Imbach von «Gebana» beschwichtigt, das Motto «Schweizer Schokolade made in Togo» werde nur für das Crowdfunding verwendet. Die Transparenz über Herkunft und Produktionsort sei zentral.
«Unsere Schokolade kommt nicht aus der Schweiz und die Schokolade wird auch nicht mit ‹Schweizer Schokolade› angeschrieben», sagt sie.
Der Produktionsaufbau in Westafrika ist ein langfristiges Projekt. «Gebana» rechnet damit, dass es erst in fünf Jahren Schweizer Schoggi made in Togo zu kaufen gibt. Erste Testläufe gibt es aber bereits.
Nicht nur sind dafür erhebliche Investitionen nötig, man stehe auch vor zahlreichen Schwierigkeiten. «Zu den Herausforderungen gehören unter anderem Schwankungen im Stromnetz. Hinzu kommen andere klimatische Bedingungen als in der Schweiz, etwa höhere Temperaturen und Luftfeuchtigkeit.»
«Gleiche Qualität wie in der Schweiz»
Um den Anforderungen gerecht zu werden, seien einerseits professionalisierte Maschinen notwendig. Andererseits wolle «Gebana» externe Expertise aus der hiesigen Schoggi-Industrie einbeziehen.
Imbach stellt klar: «Wir streben die gleiche Qualität wie in der Schweiz an.» Gleich schmecken müsse sie deshalb aber nicht.
«Unser Ziel ist eine Schokolade, die optisch und sensorisch einwandfrei ist und qualitativ einer Schweizer Schokolade gleichwertig ist», sagt sie.
«Beim Geschmack wollen wir bewusst ein eigenes Profil entwickeln, das den Kakaobohnen aus Togo gerecht wird, statt sie in ein bestehendes Schweizer Korsett zu pressen.»
Wie die Schoggi schmecken soll, ist noch offen. Voraussichtlich soll es aber nur eine Zartbitterschokolade geben, keine Milchschoggi.
Damit die togolesische Schokolade mithalten kann, sollen die gleichen Maschinen wie in kleineren Schweizer Schoggifabriken zum Einsatz kommen.
Auch ein langjähriger Kenner soll den Togolesen die Geheimnisse der Schokoladebranche einflüstern.
Markus Lutz war 30 Jahre lang in der Produktentwicklung und im Qualitätsmanagement beim Schweizer Schokoladehersteller Stella Bernrain tätig. «Qualität ist eine Frage der Technologie und Know-how», sagt er.
«Mit der gleichen Technologie und dem entsprechenden Wissen lässt sich diese Qualität auch in Togo erreichen.»
Expertin lobt: «Hilft, Wertschöpfung im Anbauland zu erhalten»
Unterstützung kriegt «Gebana» für ihre togolesische Schoggi mit Schweizer Qualität von Janina Grabs, Professorin für Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Basel.
«Je nach Aufbau des Geschäftsmodells kann es tatsächlich dabei helfen, mehr Wertschöpfung im Anbauland zu erhalten. Es schafft Arbeitsplätze und entwickelt lokales Know-how», bestätigt sie gegenüber Nau.ch.
Zudem entstehe mehr Mitbestimmung bei der Herstellung und Vermarktung vor Ort. Dies helfe, die «Schokolade zu dekolonisieren».

Eine solche Produktion würde die Widerstandsfähigkeit der Kakao- und Schokoladenproduktion grundsätzlich stärken, ist sie überzeugt. «Denn wir können uns nur darauf verlassen, dass es langfristig Kakao und Schokolade geben wird, wenn Produzentinnen und Produzenten auch profitieren.»
Es sei grundsätzlich notwendig, die Verteilung der Wertschöpfung innerhalb der Lieferkette fairer zu gestalten. «Viele Produzentinnen und Produzenten haben kein existenzsicherndes Einkommen vom Kakaoanbau, während Schokoladenfirmen hohe Gewinnmargen haben.»
Von den in den letzten Jahren stark gestiegenen Kakaopreisen profitieren nur wenige. Diese Preissteigerungen sind oft die Folge von Ernteausfällen, wodurch einige wenige zulasten anderer profitieren.
Doch die Expertin gibt zu bedenken: Eine lokale Verarbeitung von Kakao zu Schokolade garantiert nicht automatisch bessere Löhne oder Arbeitsbedingungen. Entscheidend ist, wem das Unternehmen gehört und wie es Angestellte sowie Zulieferer behandelt.
Schoggi schmilzt in Afrika schneller
Auch sie sieht Herausforderungen beim Aufbau der Produktion, insbesondere bei den modernen teuren Maschinen sowie der zuverlässigen Stromversorgung.
Grabs ergänzt: «Auch muss die Kühlkette bis zum Endkonsumenten gewährleistet sein – in den subtropischen Kakaoanbaugebieten schmilzt Schokolade ansonsten schnell.»
Das sei nicht nur teuer, sondern auch energieaufwendig.

Und: «Schliesslich beruht ein Grossteil der Wertschöpfung der jetzigen Schokoladenfirmen auch auf deren Erfolg, dass sie über Jahrzehnte eine beliebte Marke entwickelt haben, die von Konsumentinnen und Konsumenten wiedererkannt und wertgeschätzt wird.»
Ein gutes Image müsse ein neues Unternehmen erst einmal entwickeln. «Obwohl sie, wie bei diesem Beispiel des ‹Gebana›-Projekts, selbstverständlich eine hohe moralische Legitimität aufweisen können, die Konsumentinnen und Konsumenten ebenfalls anspricht.»
Ob «Gebana» einen strukturellen Beitrag zu einer gerechten Wertschöpfung leisten kann, werde sich erst in Zukunft zeigen.
Doch: «Auch Nischenmodelle haben häufig einen grossen Einfluss auf globale Sektoren, da sie den Status quo und viele verbundene Annahmen hinterfragen.»
Aus ihrer Sicht braucht es sowohl innovative Projekte in der Nische als auch grundlegende Reformen für mehr Fairness im Schoggi-Mainstream.
Schweizer Schoggibranche will bis 2030 nur noch nachhaltigen Kakao
Der Branchenverband Chocosuisse seinerseits verspricht: «Schweizer Schokoladenhersteller engagieren sich seit Jahren für mehr Nachhaltigkeit und höhere Wirkung vor Ort», so Sprecherin Lydia Toth.
Dazu gehören etwa Direktbeschaffung, langfristige Lieferbeziehungen, Schulungsprogramme sowie Projekte zur Einkommensförderung oder zum Schutz vor Entwaldung.
Die Schweizer Plattform für nachhaltigen Kakao Swissco hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Bis 2030 soll die Schweiz nur noch nachhaltig beschafften Kakao importieren. Den Tatbeweis ist die Schoggi-Branche also noch schuldig.


















