Schweizer Firmen bauen wegen KI Stellen ab - Forscher sehen Trend
Zuerst der Online-Reiseanbieter Lastminute, dann die Online-Apotheke DocMorris: In der Schweiz haben börsenkotierte Firmen diesen Monat grössere Stellenstreichungen angekündigt – wegen KI. Laut Experten ist das erst der Anfang.

«Vor allem bei gewissen IT-Berufen und stark sprachbasierten Rollen hat sich der Stellenmarkt wegen KI verschlechtert», sagte Michael Siegenthaler, Leiter des Forschungsbereichs Schweizer Arbeitsmarkt am KOF Institut, am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur AWP. Diese Entwicklung sei seit 2024 zu beobachten.
Zudem seien derzeit weniger Einstiegspositionen ausgeschrieben. «Das deutet darauf hin, dass KI im Arbeitsmarkt gewisse Spuren hinterlässt.»
Auch im Ausland hätten bereits Firmen Reorganisationsmassnahmen eingeleitet, darunter Tech- und Pharmakonzerne. «Gewisse Firmen nutzen es wohl auch als Vorwand für generelle Kostensenkungsmassnahmen», so Siegenthaler.
Unklar ist laut dem Ökonomen jedoch, inwiefern sich die erhofften Produktivitätsgewinne im täglichen Arbeitsprozess tatsächlich realisieren lassen. «Vielleicht ist die Hoffnung teils grösser als die effektiven Gewinne», sagte Siegenthaler. Ausserdem könnte bei einem Wegfall der Junior-Stellen künftig ein Mangel an nachrückendem Fachpersonal entstehen.
Generell betonte der Forscher: «Es gibt bei jeder Technologie-Adaption Gewinner und Verlierer.» Gerade zeichne sich ab, wer die Verlierer seien. Es sei aber klar, dass auch neue Jobprofile entstünden und andere Rollen wichtiger würden.
Auch Romano Roth, Group Chief AI Officer bei der Beratungsfirma Zühlke, warnt vor zu grossen Effizienzhoffnungen durch KI: «Bei den meisten Firmen zahlen sich die KI-Investitionen noch nicht messbar aus.»
Bei Stellenabbau-Ankündigungen müsse man zudem schauen, ob konkrete Funktionen genannt würden. Denn viele Firmen, die «KI-bedingte» Entlassungen ankündigten, hätten gar keine ausgereifte KI im Einsatz, die diese Rollen ersetzen würde.
In einigen Fällen dienten solche Ankündigungen also primär dazu, die Investorinnen und Investoren zu erfreuen. Denn eine KI-Botschaft «klingt besser als das Eingeständnis, dass das Geschäft schwächelt», so Roth.
Hierzulande haben zuletzt zwei Firmen für Schlagzeilen in Bezug auf KI und Stellenabbau gesorgt. Bei Lastminute mit Hauptsitz in Chiasso werden im Zuge einer Reorganisation voraussichtlich ein Viertel der rund 1600 Stellen gestrichen. Wie stark der Stellenabbau die Schweiz betrifft, liess das Unternehmen vorerst offen.
CEO Alessandro Petazzi bezeichnete den Wandel als notwendig. KI verändere die Reisebranche grundlegend und beeinflusse sowohl das Such- und Buchungsverhalten der Kunden als auch die Organisation der Unternehmen.
Die Umstrukturierung soll bis Ende 2026 umgesetzt werden und ab 2027 zu jährlichen Kosteneinsparungen von rund 16 Millionen Euro führen. Konkret will Lastminute KI in seine Kernprozesse einführen und in die dafür notwendige Dateninfrastruktur sowie in spezialisiertes Fachwissen investieren.
Ähnlich klingt es bei DocMorris: Die Thurgauer Gruppe will die Umsetzung ihrer «AI-First»-Strategie beschleunigen und baut im Zuge von Automatisierungen und Prozessoptimierungen gruppenweit rund 100 Vollzeitstellen ab. Ende 2025 beschäftigte DocMorris 1418 Mitarbeitende in Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Frankreich, Portugal und der Schweiz. Davon sind 100 bereits von der Schliessung des Standorts Ludwigshafen per Ende Juni betroffen.
Mit dem verstärkten Einsatz von KI will das Unternehmen Arbeitsprozesse automatisieren und Kapazitäten für kundennahe Services und Innovationen freisetzen. Betroffen sind laut einem Sprecher vor allem Standardprozesse in der Softwareprogrammierung und -wartung, kreative und planerische Aufgaben im Marketing sowie die abteilungsübergreifende Analyse umfangreicher Dokumente und grosser Datenmengen.
Die jährlich wiederkehrenden Kosteneinsparungen sollen sich ab Ende 2027 auf mindestens 15 Millionen Franken pro Jahr belaufen. CEO Walter Hess bezeichnete die Massnahmen als Schritt zur Steigerung der Profitabilität.
Während die Ankündigungen bei den Mitarbeitenden für Angst und Unmut sorgen, reagieren die Anlegerinnen und Anleger tendenziell erfreut: Bei Lastminute sprangen die Aktien kurz nach Ankündigung über 3 Prozent hoch, bei DocMorris sogar knapp 8 Prozent.
Analysten begrüssten die Massnahmen grundsätzlich, wiesen teilweise aber auch auf die damit verbundenen Risiken hin. Bei Lastminute gebe es im umkämpften Markt etwa weiterhin Unsicherheit über die langfristige Entwicklung des Geschäftsmodells, hiess es. Bei DocMorris wurde die Bedeutung einer Balance zwischen Wachstum und Kosteneffizienz hervorgehoben.






