Severin Dressen: «Dieser seltene Singvogel lacht wie ein Mensch!»
Severin Dressen (Direktor Zoo Zürich) schreibt in seiner Kolumne über den vom Aussterben bedrohten Singvogel, den Blaukappenhäherling.

Das Wichtigste in Kürze
- Severin Dressen, Direktor Zoo Zürich, schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne.
- Dressen berichtet über Neues und Wissenswertes aus seinem Tiergarten.
- Heute geht es um den Blaukappenhäherling.
Wir sind ein moderner Zoo. Das heisst, wir arbeiten wissenschaftlich und betreiben Artenschutz, Naturschutz, Bildung und Forschung. Das Ganze machen wir nicht allein, sondern im Verbund mit vielen anderen im Natur- und Artenschutz engagierten Organisationen.
Im Zentrum unserer Arbeit stehen bedrohte Arten. Also solche, die auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion IUCN stehen.
Denn bis heute ist diese Liste das wichtigste Instrument, um den Zustand der globalen Artenvielfalt zu erfassen und Arten nach ihrem Aussterberisiko zu kategorisieren. Unser Ziel ist es daher, künftig nur noch bedrohte oder forschungsrelevante Arten im Zoo zu halten.
Schon gut eingelebt
Aktuell trifft das bereits auf über die Hälfte aller Wirbeltierarten bei uns im Zoo und auch auf unseren jüngsten gefiederten Neuzugang zu: Vier vom Aussterben bedrohte Blaukappenhäherlinge (Pterorhinus courtoisi).

Zwei Männchen und zwei Weibchen sind kürzlich im Regenwald neben der Forschungsstation eingezogen und haben sich bereits bestens eingelebt.
Rufe klingen wie Lachen
Die quirligen Singvögel sind eher schlechte Flieger, weshalb sie häufig auch hüpfend am Boden anzutreffen sind. Auffällig ist auch ihr vielfältiges Repertoire an Rufen.
Einer dieser Rufe ist dem menschlichen Lachen verblüffend ähnlich, weshalb die Art im englischen Sprachraum «Laughingthrush» (= lachende Drossel) heisst. Diese Besonderheiten sowie ihr farbenprächtiges Äusseres machen die Art begehrt bei Vogelhändlern und haben sie an den Rand des Verschwindens gedrängt.
Heute existieren noch etwa 50 bis 250 Tiere in der Natur. Blaukappenhäherlinge gehören damit zu den seltensten Singvogelarten der Welt.
Zu finden ist die Art nur noch in einem winzigen Gebiet im Südosten Chinas. Zum Schutz verzichtet die IUCN bei einigen besonders sensiblen Arten auf die Veröffentlichung genauerer Verbreitungsdaten.
Neben dem illegalen Fang und Handel bedrohen Lebensraumverlust, Strassen- und Siedlungsbau sowie Störungen durch Tourismus und generell menschliche Aktivitäten die wenigen verbliebenen Brutgebiete.
Wichtige Reserve
Neben Schutzmassnahmen und Aufklärungsarbeit vor Ort kommt deshalb der Reservepopulation in Zoos eine grosse Bedeutung zu. Weltweit wird die Art in 66 Institutionen mit insgesamt rund 330 Tieren gehalten und gezüchtet.
Auch einige qualifizierte Privathaltungen sind an der Reservepopulation beteiligt. Die geringe Anzahl verbleibender Tiere in der chinesischen Wildnis birgt nämlich eine weitere Gefahr: Den Verlust der genetischen Vielfalt.
Eine stabile und genetisch vielfältige Reservepopulation bewahrt wertvolle Erbinformationen und kann helfen, den Verlust genetischer Vielfalt auszugleichen.
Botschafter ihrer Art
Die Arbeit moderner Zoos reicht also weit über das hinaus, was Zoogäste auf den ersten Blick sehen. Und vier Blaukappenhäherlinge bei uns im Zoo sind somit weit mehr als ein schöner Anblick.
Sie sind Botschafter einer Art, die in der Natur ums Überleben kämpft – und Teil eines weltweiten Netzwerks, das ihr eine Zukunft geben will.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Tagblatt Zürich» erschienen.








