Adecco-Chef: Wollen keine Menschen durch KI ersetzen
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Jobprofile, sondern auch die Stellenvermittlung. Der Personaldienstleister Adecco will die Transformation nicht verpassen, sondern davon profitieren, wie CEO Denis Machuel im Interview mit der Nachrichtenagentur AWP sagt.

Interview: Leah Süss
AWP: Herr Machuel, wie verändert KI die Stellenvermittlung?
Denis Machuel: KI verändert die Rekrutierung grundlegend in zwei wichtigen Bereichen. Erstens beschleunigt und optimiert sie den Prozess durch die Automatisierung von Teilen der Kandidatensuche, -auswahl und -zuordnung. Zweitens, und das ist vielleicht noch wichtiger, werden die Erwartungen an uns als Rekrutierer immer höher. Unsere Kunden wollen schnellere Entscheidungen bei der Einstellung, tiefere Einblicke in Talentpools und strategischere Beratung in Bezug auf die Belegschaft.
AWP: Was bedeutet das für die Adecco Group konkret?
DM: Wir konzentrieren uns zunehmend auf hybride Arbeitskräfte und Fähigkeiten wie KI- und Datenkompetenz sowie kritisches Denken und Anpassungsfähigkeit. Auch unsere eigene Rolle verändert sich in diese Richtung: Wir gehen von der reinen Stellenbesetzung hin zu einer Unterstützung bei der Neugestaltung der Arbeit – was wir als «Hybrid Workforce Orchestration» bezeichnen, einer neuen Disziplin, die die nächsten zehn Jahre prägen wird. Für uns geht es nicht darum, Menschen durch KI zu ersetzen, sondern darum, Menschen zu befähigen, besser mit KI zu arbeiten.
AWP: Trotzdem haben viele Angestellte derzeit Angst, durch KI ersetzt zu werden.
DM: Das ist nicht begründet. Drei Jahre und sechs Monate nach der Einführung von ChatGPT liegen die Beschäftigungsquoten in den OECD-Ländern immer noch nahe an historischen Höchstständen – ein Beweis dafür, dass KI die Arbeitsweise schneller verändert, als sie Arbeitsplätze abbaut.
AWP: Sie skizzieren in einem Bericht vier Zukunftsszenarien: Flourishing Economy, Capital Rules, Walled Garden und Deus Ex Machina. Welches halten Sie für das Wahrscheinlichste?
DM: Das Szenario der florierenden Wirtschaft. In dieser Zukunft wird KI zu einem mächtigen Produktivitätsmotor, während der Mensch weiterhin im Mittelpunkt der Wertschöpfung steht. Die Arbeit verschwindet nicht, sondern entwickelt sich weiter. Sowohl die historischen Daten zu früheren, allumfassenden Technologien wie Dampf, Elektrizität und IT als auch die aktuellen Daten zum Arbeitsmarkt deuten darauf hin, dass es eher um eine Transformation als um einen massiven Arbeitsplatzverlust geht.
AWP: Was ist bei diesem Szenario die grösste Gefahr für Unternehmen?
DM: Die grösste Gefahr besteht in der organisatorischen Stagnation. Unternehmen, die es versäumen, ihre Arbeitsabläufe neu zu gestalten, in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter zu investieren und ihre Geschäftsmodelle anzupassen, werden Schwierigkeiten haben, die durch KI gebotenen Produktivitätssteigerungen zu nutzen.
AWP: Und in diesem Szenario braucht es die Adecco Group noch?
DM: Ja. Denn je mehr Unternehmen KI einsetzen, desto grösser wird der Bedarf an Orchestrierung der Belegschaft, denn Technologie allein schafft keinen Mehrwert. Das tun Menschen. Die Frage, die uns unsere Kunden stellen werden, lautet nicht mehr einfach: «Wer füllt diese Position?», sondern: «Wie sollte die Arbeit zwischen Menschen, KI-Agenten und Automatisierung aufgeteilt werden?». Genau hier liegt unsere Zukunftschance.
AWP: Wie hoch könnte die Umsatzabdeckung durch agentische KI bei Ihnen selbst künftig sein?
DM: Unser Ziel, dass bis Ende des Jahres mehr als 50 Prozent unserer Umsätze durch KI gedeckt sind, zeigt, wie schnell wir KI in unserem Unternehmen einsetzen. Wir gehen davon aus, dass agentische KI in Zukunft fast alle Bereiche unserer Wertschöpfungskette unterstützen wird, von der Personalplanung und der Analyse von Kompetenzen bis hin zu Recruiting, Matching, Weiterbildung und Karriereentwicklung. Wir sehen KI jedoch nicht als Ersatz für menschliche Expertise. Unser Wettbewerbsvorteil liegt in der Kombination von KI mit fundiertem Wissen über den Arbeitsmarkt, menschlicher Urteilsfähigkeit und vertrauensvollen Beziehungen. Die Gewinner in unserer Branche werden nicht diejenigen sein, die am meisten KI einsetzen, sondern diejenigen, die KI am effektivsten nutzen, um messbaren Mehrwert zu schaffen.
AWP: Sie klingen zuversichtlich. Wie überzeugen Sie angesichts der Kursverluste der vergangenen Monate Ihre Anleger davon?
DM: Durch Ergebnisse. Wir investieren in die Bereiche, die im Zeitalter der künstlichen Intelligenz am wichtigsten sein werden: Workforce Intelligence, Umschulung, Talentmobilität und hybride Belegschaft. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass die Nachfrage nach Fachwissen im Bereich Workforce nicht abnimmt, sondern sich wandelt und zwar schnell. Wir wollen zu den Gewinnern dieser Transformation gehören und sie in nachhaltiges, langfristiges Wachstum für unsere Aktionäre ummünzen.










