Zoo Zürich – Severin Dressen: «Bemerkenswerte Einblicke»
20 Jahre lang wurden Goodman-Mausmakis im Zoo Zürich erforscht. Direktor Severin Dressen gibt Einblick in die überraschenden Erkenntnisse über ihr Verhalten.

Das Wichtigste in Kürze
- Severin Dressen, Direktor Zoo Zürich, schreibt regelmässig eine Kolumne.
- Dressen berichtet über Neues und Wissenswertes aus seinem Tiergarten.
- Heute geht es um 20 Jahre Forschung zu den Goodman-Mausmakis im Zoo Zürich.
Die Goodman-Mausmakis (wissenschaftlich: Microcebus lehilahytsara) gehören ganz klar zu den heimlichsten Bewohnern im Masoala Regenwald des Zoo Zürich. Wie kleine Geister bewegen sich die nur neun Zentimeter grossen Lemuren durchs dichte Geäst. Immerhin rund 200 sind es aktuell – das hat die letzte Zählung der Tiere im August ergeben.
Allerdings sind Mausmakis dämmerungs- und nachtaktiv, weshalb unsere Gäste sie mit etwas Glück nur in den späten Nachmittagsstunden oder auf einer speziellen abendlichen Mausmaki-Führung – diese finden aktuell noch bis Ende September statt – beobachten können.
Spätestens im Oktober beginnt für Mausmakis dann der Winter-Torpor, eine Art flexibler Winterschlaf. Die einen schlafen länger, die anderen kürzer und manche sind zwischendurch immer wieder aktiv – flexibel eben.

Sehr akkurat in den Winter-Torpor gefallen – jahrelang immer zur gleichen Zeit und gleich lang – ist ein Mausmaki-Weibchen, dass im Februar dieses Jahres mit 17 Jahren verstorben ist. Für Mausmakis ein geradezu biblisches Alter. In der Natur werden die Wenigsten älter als acht.
All das und noch sehr viel mehr wissen wir, weil wir seit 20 Jahren das Fressverhalten der Goodman-Mausmakis bei uns im Masoala Regenwald dokumentieren. Jedes Mal, wenn ein Mausmaki eine Futterstation betritt, wird der Mikrochip des Tieres erfasst. Es ist die umfangreichste Datenreihe dieser Art.
Wenig Lust auf Ausflüge
Dieser Wissensschatz wurde nun ausgewertet – mit bemerkenswerten Einblicken. So auch in das Leben des erwähnten Mausmaki-Weibchens. Beispielsweise hatte sie ein klar favorisiertes Streifgebiet.
Die ersten fünf Jahre nutzte sie nur einen kleinen Teil der insgesamt 11’000 Quadratmeter grossen Regenwaldhalle. Erst mit etwa sechs Jahren begab sie sich auf ausschweifendere Streifzüge und durchquerte erstmals überhaupt den ganzen Regenwald, um zu fressen.
Diese Ausweitung währte jedoch nicht lang und bereits im folgenden Jahr kehrte sie in ihr ursprüngliches Gebiet zurück. In den Folgejahren verschob sich ihr favorisiertes Gebiet nur leicht, ausgedehnte Ausflüge und die Erkundung neuer Gebiete blieben ihr Leben lang die Ausnahme.
Insgesamt 82’476-mal wurde das Weibchen im Laufe ihres Lebens an einer der insgesamt elf Futtersta-tionen registriert, mehrheitlich nur an drei. Dieses sehr standorttreue Verhalten entspricht der wenigen verfügbaren Literatur über Goodman-Mausmakis.
Während Männchen erkundungsfreudiger sind, unterhalten Weibchen auch in der Wildnis meist kleine, aber stabile Streifgebiete. Bemerkenswert ist auch die Erkenntnis, dass sie immer wieder mit den gleichen Individuen gemeinsam an Futterboxen anzutreffen war.
Dies könnte auf soziale Beziehungen hindeuten. Bislang gilt die Art als eher nicht sozial. Hier bedarf es nun weiterer Forschung für klare Aussagen.

Wir bleiben also dran – gemeinsam mit der ETH Zürich und unterstützt durch unseren Hauptsponsor EWZ. Wissen ist die Basis von Artenschutz. Das gilt umso mehr für wenig erforschte, jedoch bereits bedrohte Arten wie die nur auf Madagaskar vorkommenden Goodman-Mausmakis.
Hinweis
Diese Kolumne ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.







