Welche Rendite schuldet Opernhaus der Gesellschaft, Matthias Schulz?
Zwischen Mozart und Moral, Millionen und Publikum: Intendant Matthias Schulz über die Frage, was die Oper der Gesellschaft schuldet und ob sie noch Zukunft hat.

Die Oper steht zwischen Kunstanspruch, gesellschaftlicher Verantwortung und wirtschaftlichem Druck. Intendant Matthias Schulz spricht über Publikum, Millionen und die Zukunft des Opernhauses.
Redaktion: Matthias Schulz, welche Erkenntnis aus Ihrer ersten Zürcher Spielzeit nehmen Sie in die zweite mit?
Matthias Schulz: Ich bin wahnsinnig glücklich, wie viel in der ersten Spielzeit gelungen ist, welche Bandbreite wir zeigen konnten und wie gross der Zuspruch war. Eine zentrale Erkenntnis ist, dass selbst ein Haus in einer begeisterten Opernstadt nicht selbstverständlich in der Gesellschaft verankert ist.
Wir müssen immer wieder erklären, was wir tun, die Zugänglichkeit hoch halten und Menschen ansprechen, die von sich aus nicht an uns denken. Zürich ist sehr international. Gerade die vielen Neuzugezogenen müssen wir noch stärker für das Opernhaus gewinnen.

Redaktion: Was ist am Opernhaus heute anders, weil Sie Intendant sind?
Schulz: Von zehn Regisseuren und Regisseurinnen unserer Opernproduktionen waren acht erstmals am Haus. Zugleich haben wir bekannte Sänger und Sängerinnen mit jungen, noch wenig bekannten Stimmen zusammengebracht.
Neu sind das Barockfestival, der Opernkinotag und das Kinderopernorchester in Zusammenarbeit mit allen 35 Musikschulen des Kantons. «Opernhaus für alle» dauert nun drei Tage, «24h Opernhaus» bildet den Saisonauftakt.
Im ehemaligen Kino Sternen in Oerlikon eröffnet im Frühling 2027 das «Opernhaus im Quartier», ein Ort für Kammeropern, Education und Experimente. Mit diesen Akzenten wollen wir ein neues Publikum erreichen.
Redaktion: Welches künstlerische Risiko gehen Sie in der neuen Saison ein?
Schulz: Oper bedeutet immer Risiko. Sonst wird es langweilig. In der neuen Spielzeit arbeiten wir mit Künstlern, die nicht aus dem Opernbetrieb kommen.
Performancekünstlerin Vanessa Beecroft inszeniert «Doctor Atomic», Videokünstlerin Mika Rottenberg entwirft das Bühnenbild für «L’elisir d’amore». Das fordert das Haus und verhindert, dass man überall dieselben Bilder sieht.
Ein weiteres Wagnis sind Rachmaninows drei einaktige Opern. Zwei waren in der Schweiz noch nie zu hören. Wir zeigen alle drei in voller Länge an einem Abend und verbinden sie zu einem Triptychon.

Redaktion: Sie eröffnen die Saison mit Mozarts «Zauberflöte», die in die Wokeness-Debatte geraten ist. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen kluger Neuinterpretation und moralischer Bereinigung?
Schulz: Daniele Finzi Pasca inszeniert die «Zauberflöte» als poetisches, opulentes Werk für die ganze Familie. Eine Textzeile hat eine Rassismusdebatte ausgelöst. Man muss ihre Entstehungszeit verstehen und heute bewusst damit umgehen.
Da die betreffende Figur Monostatos in unserer Inszenierung anders angelegt ist, passen wir die Zeile leicht an. Allgemeine Vorschriften halte ich für schwierig. Man darf die Intelligenz des Publikums nicht unterschätzen.
Ein Opernhaus muss mögliche Verletzungen ernst nehmen, ohne zu ideologisieren oder zu belehren. Oper sollte keine einfachen Antworten liefern, sondern Ambivalenzen zeigen. Wie der Zuschauer sie einordnet, bleibt ihm überlassen.
Redaktion: Sie sind ausgebildeter Volkswirt und sprechen bei den fast 90 Millionen Franken aus öffentlicher Hand lieber von einer Investition als von einer Subvention. Welche Rendite schuldet das Opernhaus der Gesellschaft?
Schulz: Wir beschäftigen rund 800 Mitarbeiter und zeigen 250 Vorstellungen auf der Hauptbühne; mit Rahmenprogramm und Education sind es mehr als 350 Veranstaltungen. Davon profitieren umliegende Betriebe. Eine kulturell reiche Umgebung gehört zu einer internationalen Spitzenstadt und stärkt Zürich als Lebens- und Wirtschaftsstandort.
Das Opernhaus besitzt kulturell, gesellschaftlich und ökonomisch eine enorme Bedeutung. Wir müssen zeigen, weshalb es zu den besten Investitionen des Kantons gehört.
Redaktion: Woran messen Sie Ihren eigenen Erfolg als Intendant?
Schulz: Natürlich müssen Kasse und Auslastung stimmen. Die wertmässige Auslastung lag in der vergangenen Saison bei gut 90 Prozent, die Ticketeinnahmen bei mehr als 26 Millionen Franken, ein Spitzenwert, obwohl wir auch unbekannte und zeitgenössische Werke zeigten.
Ebenso wichtig ist, dass das Opernhaus im Kanton und international relevant bleibt, Diskussionen anstösst und künstlerisch im Gespräch ist. Im März 2027 gastiert das Opernhaus Zürich mit Wagners gesamtem «Ring des Nibelungen» konzertant in der Philharmonie de Paris und der Carnegie Hall in New York.
Ein historisches Ereignis! Auch unsere Mitarbeiter sollen das Opernhaus als besonderen und guten Arbeitsplatz erleben.
Redaktion: Hat eine historisch gewachsene Kunstform wie die Oper in einer sich rasant wandelnden Gesellschaft überhaupt noch eine Zukunft?
Schulz: Gerade in unserer digitalisierten Welt wächst die Sehnsucht nach authentischen Erlebnissen. Im Opernhaus kommen Menschen in einem Raum zusammen, spüren die Schwingungen der Instrumente körperlich und tauchen für drei Stunden ohne Handy in eine andere Welt ein.
Ich glaube deshalb, dass die Oper den Befindlichkeiten des modernen Menschen entgegenkommt. Diese Kunstform vereint Text, Musik, Gesang und Kostüme. Oper ist ja von allem zu viel. Ich bin sehr hoffnungsfroh, ich glaube an die Kraft der Oper.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.








