Severin Dressen: «Artenschutz beginnt, bevor es zu spät ist!»
Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich, zeigt in seiner Kolumne, warum zwei junge Jamaika-Erdtauben für den Artenschutz wichtig sind.

Das Wichtigste in Kürze
- Severin Dressen, Direktor Zoo Zürich, schreibt regelmässig eine Kolumne.
- Dressen berichtet über Neues und Wissenswertes aus seinem Tiergarten.
- Heute geht es um zwei Jamaika-Erdtauben und den modernen Artenschutz.
Bei uns im Zoo sind kürzlich zwei Jamaika-Erdtauben (wissenschaftlich Geotrygon versicolor genannt) geschlüpft. Das mag wenig spektakulär klingen.
Dahinter verbirgt sich aber eine Geschichte, die zeigt, dass wirksamer Artenschutz vorausschauend, vielschichtig, koordiniert und ein kollektiver Kraftakt ist.
Zentrale Verantwortung
Zum einen sind die zwei Küken nicht einfach zwei Küken. Sie sind Nachwuchs im Rahmen des kürzlich neu ins Leben gerufenen Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für die Art.

Gefällt hat diesen Entscheid ein Tauben-Fachgremium, das den Schutzbedarf verschiedener Arten regelmässig neu beurteilt. Solche Prozesse gibt es für alle Tiergruppen. Und zum anderen arbeitet der wichtigste Fürsprecher der Jamaika-Erdtaube bei uns im Zoo.
Ein Kollege – wohlgemerkt auch privat ein echter Tauben-Enthusiast – hat die Koordination des Programms übernommen. Damit trägt er eine zentrale Verantwortung für die Zukunft der aktuell noch als potenziell gefährdet eingestuften Taubenart.
Die Bestände der waldbewohnenden Taube auf Jamaika, ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet, sind jedoch stark abnehmend.
Erfahrungen sammeln
Und nicht nur für sie ist das Programm bedeutsam. Für einige ihrer nahen Verwandten ist die Lage in der Natur deutlich kritischer, sie werden bislang jedoch nicht in Zoos gehalten.
Erfahrungen, die wir heute mit der Jamaika-Erdtaube sammeln, können künftig auch diesen bereits jetzt schon stärker bedrohten Taubenarten zugutekommen.
Wie halten? Wie züchten? Welche Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden? – Wertvolles Wissen, das sich auf andere tropische Taubenarten übertragen lässt.
Basis der Artenvielfalt
Wer von Artenschutz spricht, denkt oft zuerst an Naturschutzgebiete und den Erhalt von Lebensräumen. Tatsächlich ist dieser Schutz vor Ort die wichtigste Massnahme überhaupt.
Der Zoo Zürich unterstützt derzeit mehrere umfassende Naturschutzprojekte rund um die Welt sowie weitere kleinere Engagements. Intakte Lebensräume sind Basis der Artenvielfalt.
Doch die Realität ist komplexer. Für sehr viele Tierarten reicht der Schutz vor Ort allein nicht mehr aus. Moderner Artenschutz geht daher über diesen hinaus.

Dazu gehören Erhaltungszuchtprogramme wie jenes für die Jamaika-Erdtaube, gezielte Forschung und der Aufbau von Wissen.
Frühzeitig handeln
Mehr als 500 Arten werden derzeit offiziell auf diese Weise betreut. Und laufend kommen neue dazu. Die Programme stellen sicher, dass für bedrohte Arten auch ausserhalb ihres natürlichen Lebensraums langfristig stabile Bestände vorhanden sind.
Sollte es die Situation in der Natur erfordern und es sinnvoll sein, stehen so Tiere für Wiederansiedlungen zur Verfügung. Wirksamer Artenschutz besteht aus vielen kleinen und grossen Stellschrauben. Einige davon sind sichtbar, andere spielen sich hinter den Kulissen ab.
Auch deshalb sind die zwei Taubenküken mehr als nur zwei Küken. Sie stehen für einen Artenschutz, der beginnt, lange bevor eine Art so gut wie verloren ist. Denn nur wer früh handelt, hat später überhaupt noch eine Wahl.
Hinweis
Diese Kolumne ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.








