Martin Jucker: Wenn der Frühling zur Zitterpartie wird

    Martin Jucker
    Martin Jucker

    Wetzikon,

    Die Gefahr von Spätfrost hängt jedes Jahr in der Luft. Das verheerende Folgen für die Landwirtschaft haben. Ein Versuch um sachliche Einordnung.

    Martin Jucker Klimawandel
    Martin Jucker von der bekannten «Jucker Farm» in Seegräben ZH. - zVg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Martin Jucker betreibt die bekannte «Jucker Farm» in Seegräben ZH.
    • Auf Nau.ch schreibt Jucker regelmässig Kolumnen.
    • Heute schreibt Jucker über Frostschäden und Klimaerwärmung.

    Die Gefahr von Spätfrost hängt jedes Jahr in der Luft. Das verheerende Folgen für die Landwirtschaft haben. Ein Versuch um sachliche Einordnung.

    Als Obstbauer kenne ich mich vor allem – wie könnte es anders sein – mit Obst aus.

    Grundsätzlich sind Obstbäume sehr gut für unser Klima geeignet. Sie brauchen die Winterphase, damit sie überhaupt richtig gedeihen können. Im Frühling erwachen sie, treiben aus und beginnen zu blühen.

    Wetter
    Eingeschneite Obstbäume in der Schweiz. - Keystone

    Je weiter fortgeschritten der Austrieb ist, desto anfällig werden sie für Frost. Wenn die ersten kleinen Blütenblätter – im Stil von Mausohren – sichtbar sind, ertragen Äpfel zum Beispiel noch rund -5 °C.

    Sind die Blüten bereits vollständig geöffnet, liegt die Schwelle bei -1° C. Ist es nur ein Grad kälter, droht bereits der Totalschaden.

    Den Bäumen macht die Kälte an sich nichts aus, aber der Fruchtknoten (das Zentrum der Blüte) stirbt ab. Die Konsequenz: Keine Äpfel in diesem Jahr.

    Schäden können existenzbedrohend sein

    Erfrieren die Blüten, müssen Obstbauern und -Bäuerinnen aber nicht «nur» einen kompletten Ernteausfall im Frostjahr verkraften.

    Weil der Baum aus dem Gleichgewicht kommt, sind die wirtschaftlichen Schäden durch stark schwankende Erträge noch viele Jahre deutlich spürbar.

    Der Aufwand für die Pflege der Obstanlagen bleibt hingegen beinahe gleich gross. Für einen spezialisierten Obstbaubetrieb kann das schnell existenzbedrohend werden.

    Risiko für Frostschäden steigt

    Aber wie oft erfrieren nun effektiv viele Blüten? Glücklicherweise ist ein gravierendes Frostereignis selten. Es wird aber zusehends knapper.

    Denn: Trotz oder gerade wegen der Klimaerwärmung steigt das Risiko für Frostschäden. Der Vegetationsbeginn verschiebt sich immer weiter nach vorn. Wir reden hier von mehreren Wochen früher als noch vor fünfzig Jahren.

    Apfelbaum Frost Schnee
    Durch den erneuten Wintereinbruch können an Obstbäumen Frostschäden entstehen. - keystone

    Je nach Wetterlage können aber im Frühling weiterhin Kaltluftausbrüche aus dem Norden kurzzeitig frostige Temperaturen mit sich bringen.

    Die heikle Phase wird als deutlich länger. Leider ist es auch nicht so, dass die kleinen Früchte nach der Blüte weniger anfällig gegen Kälte sind – Im Gegenteil.

    Mit Eisheiligen hört Frostgefahr auf

    Die Eisheiligen mit ihrem Höhepunkt am 15. Mai (Kalte Sophie) schliessen die Periode mit Frostgefahr ab.

    Stellst du deine Kübelpflanzen jetzt schon in den Garten?

    Wenn aber wie dieses Jahr nach den ersten warmen Tagen Anfang März bereits eine Frostnacht zuschlägt, geht die Periode doch sieben Wochen!

    Frostschäden
    Frostschäden verursachen grosse Verluste bei den Ernten. - keystone

    Riesiger Aufwand, um Ernte zu retten

    Wehren kann sich eine Obstbäuerin oder ein -Bauer nur wenig dagegen. Frostbewässerung schafft Abhilfe, verbraucht aber grosse Mengen an Wasser und ist generell eine kostspielige Investition.

    Ebenfalls vor Frost schützen können Frostkerzen oder Pelletheizungen. Sie sorgen aber nur für eine Erwärmung von 2° bis 3°C. Bei Temperaturen deutlich unter Null ist das zu wenig.

    Der Aufwand, um die Ernte zu retten, ist immens. Der Apfelpreis kann deswegen aber nicht erhöht werden. Die Kosten bleiben am Obstbaubetrieb hängen.

    Wetter bleibt unvorhersehbar

    Obstbauern und -Bäuerinnen haben einen enorm spannenden Beruf. Planbar ist vieles, aber der grösste Mitspieler – das Wetter – bleibt ein unvorhersehbarer Faktor.

    Der Beruf gehört darum zu jenen, in denen extrem viel Flexibilität gefragt ist. Ohne Vorausplanen geht nichts.

    Gleichzeitig muss man jederzeit bereit sein, den Plan anzupassen oder komplett neu zu denken. In der heutigen Businesswelt ist ein selten gewordenes Berufsbild.

    Arbeitest auch Du in einem Beruf, der geprägt ist von grosser unternehmerischer Macher-Mentalität – und gleichzeitig ein erhebliches Mass an Demut gegenüber der Natur braucht? Schreib es in die Kommentare.

    Zur Person

    Martin Jucker ist gelernter Obstbauer und hat sich mit der «Jucker Farm» in Seegräben ZH über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. Er steht für innovative, nachhaltige und unabhängige Landwirtschaft. 2014 wurde er zusammen mit seinem Bruder Beat als bisher einziger Bauer zum Schweizer Unternehmer des Jahres gewählt.

    Kommentare

    User #2181 (nicht angemeldet)

    Wahnsinn: die meisten komentare zeigen mir eine gewaltige entfremdung von der landwirtschaft. Und leider kein wissen mehr über die abläufe in der landwirtschaft . Sie denken wohl heute sähen morgen ernten.

    User #7347 (nicht angemeldet)

    Jetzt ist es wieder warm und trocken. Also ist die Ernte bestimmt nicht mehr gefährdet. Der Natur sei Dank! Hehehe. LOL.

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