St. Gallen

    Wohnungsnot trifft Leute aus der St. Galler Gassenküche hart

    Die Stiftung Suchthilfe warnt vor einer steigenden Anzahl Menschen, die in der Stadt St. Gallen ohne Wohnung auskommen müssen. Einer von ihnen ist der 58-jährige Fredi Hottinger, der manchmal am Morgen noch nicht weiss, wo er abends schlafen soll. Dem ehemaligen Drogenabhängigen macht das psychisch zu schaffen.

    Fredi Hottinger hat derzeit keine Wohnung. Ein Platz zum Schlafen zu finden, ist für ihn eine grosse Herausforderung.
    Fredi Hottinger hat derzeit keine Wohnung. Ein Platz zum Schlafen zu finden, ist für ihn eine grosse Herausforderung. - Keystone/GIAN EHRENZELLER

    Fredi Hottinger sieht sich mit einem Problem konfrontiert, vor dem immer mehr Menschen mit einer Suchtproblematik oder wenig finanziellen Mitteln stehen: Günstiger und bezahlbarer Wohnraum in der Stadt St. Gallen wird gemäss der Stiftung Suchthilfe immer knapper. Als der Vermieter im Sommer den Mietzins erhöhte, konnte sich Fredi Hottinger die Wohnung nicht mehr länger leisten. Seither ist der 58-Jährige häufig auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen.

    Wo er die Nacht von Dienstag auf Mittwoch verbringen wird, wusste Fredi Hottinger am Dienstagmorgen noch nicht. «Ich hoffe, dass ich diese Nacht bei einem Freund in Arbon unterkomme», sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Bisher konnte er zeitweise in Herisau übernachten.

    Wie es Menschen wie Fredi Hottinger geht, weiss Regine Rust von der Stiftung Suchthilfe, die an der Linsebühlstrasse in der Stadt St. Gallen unter anderem eine Gassenküche betreibt, sehr gut. Sie sagte: «Unsere Gäste, die keine Wohnung mehr haben, sind im Dauerstress.» Nicht zu wissen, wo sie die Nacht verbringen könnten, sei eine grosse psychische Belastung.

    Linderung ist gemäss Regine Rust nicht so schnell in Sicht. Wegen steigender Lebenshaltungskosten sei der noch vorhandene, günstige Wohnraum auch bei Leuten mit einem Job und geregeltem Einkommen immer begehrter. Das führe einerseits zu mehr Personen, die als wohnungslos gelten und oftmals bei Freunden, Bekannten, Verwandten oder in einer Obdachlosenunterkunft Unterschlupf suchen. Andererseits gebe es auch immer mehr Menschen, die dauerhaft obdachlos sind und im Freien übernachten.

    Die Drogenmisere auf dem Platzspitz

    Und nicht nur bezüglich des Wohnungsmarktes stellt die Geschäftsführerin der Stiftung Suchthilfe starke Veränderungen fest. Seit die Gassenküche in St. Gallen vor bald 40 Jahren eröffnete, hat sich auch verändert, wer für eine warme Mahlzeit vorbeikommt.

    «Es gibt immer mehr armutsbetroffene Menschen und unter ihnen auch immer mehr junge Leute», so Regine Rust. Früher seien vor allem Männer im Alter von 50 Jahren und mehr vorbeigekommen. " Jetzt sind es vermehrt auch Frauen um die 20 Jahre herum." Insbesondere seit Corona hätten die Leute weniger Geld zur Verfügung, während psychische Erkrankungen zunähmen und mehr Drogen im Umlauf seien.

    Für Fredi Hottinger ist die Gassenküche ein Ort, an dem er Ruhe findet. Nach einer «schwierigen Kindheit» rutschte er als Jugendlicher in die Drogen ab. Der Rheintaler erlebte unter anderem die Drogenmisere auf dem Platzspitz in der Stadt Zürich mit. «Mir war alles egal und ich tauschte mit anderen Menschen sogar Spritzen aus», erzählte Hottinger bei einer Tasse Kaffee. Heute konsumiert er keine Drogen mehr, muss aber weiterhin täglich Opioid-Ersatz nehmen.

    Seine Frau erkrankte an Krebs

    Über mehrere Jahre gab ihm seine Frau, mit der er zwischenzeitlich in Ungarn gelebt hatte, Halt. Im Frühling 2023 starb sie nach einer Krebserkrankung. «Ich denke noch heute jeden Tag an meine Frau. Jesus und die Gedanken an sie sind das, was mir täglich Halt gibt.» Trotz ihrer Alkoholsucht habe ihn seine Frau stets unterstützt und «mich einfach so hingenommen, wie ich bin.»

    Seit seine Frau gestorben ist, gehe er öfters mit einem Gefühl der Einsamkeit durch das Leben. «Ich habe nur wenige Menschen, denen ich wirklich vertraue», so Hottinger. Den Umgang unter den Wohnungs- respektive den Obdachlosen empfindet er als zunehmend rauer.

    Seine Gefühle bringt er neuerdings auch beim Malen zum Ausdruck. Begleitet von einer Kunsttherapeutin hat Fredi Hottinger die Möglichkeit, zu Farbe und Pinsel zu greifen. Eines seiner Bilder ziert mittlerweile auch den Esssaal der Gassenküche.

    Die Gassenküche muss saniert werden

    Unterkriegen lassen will sich Fredi Hottinger auch in Zukunft nicht. Dem Tod sei er bereits mehrmals entgangen, sagte er im Gespräch weiter. Irgendwann werde er dann auch wieder mit seiner Frau vereint sein. Doch bis es soweit ist, gibt er nicht auf und hofft, bald wieder ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben.

    Die Zuversicht, dass das gelingt, haben weder er noch Regine Rust verloren. «Viele hätten diesen Weg nicht geschafft», zeigte sie sich von der Willenskraft Hottingers beeindruckt.

    Überhaupt blickt Rust bei allen Herausforderungen, vor denen auch die Gassenküche selbst steht, positiv in die Zukunft. Die Jahre haben an dem Esssaal ihre Spuren hinterlassen. Dieser ist renovierungsbedürftig. Und auch die Küchengeräte erreichen zusehends das Ende ihrer Lebensdauer.

    Die Gassenküche könne auf viele treue Spenderinnen und Spender zählen, so Rust. Sie hofft, dass diese die Gassenküche auch weiterhin unterstützen werden. Derzeit sehe es danach aus, denn die Spendenbeiträge seien in den vergangenen Jahren stabil geblieben. Wie es für dieses Jahr aussieht, wird sich aber erst noch zeigen. «Die Hauptspendenzeit ist der Dezember», sagte Rust.

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