Jeder Dritte erlebt wegen Auto-Touchscreen brenzlige Momente
Immer mehr Autofunktionen verschwinden in Touchscreen-Menüs. Eine neue Umfrage zeigt nun, wie gefährlich das werden kann. Experten schlagen Alarm.

Das Wichtigste in Kürze
- Laut Allianz erlebten 34 Prozent der Touchscreen-Nutzer kritische Fahrsituationen.
- Zwei Drittel wünschen sich für wichtige Autofunktionen wieder Tasten oder Drehregler.
- Die BFU warnt, dass komplizierte Bildschirmmenüs die Aufmerksamkeit stark beanspruchen.
Das Radio aufdrehen, die Klimaanlage etwas wärmer stellen oder den Scheibenwischer betätigen: Was früher mit einem einfachen Handgriff erledigt war, erfordert in modernen Autos oft mehrere Berührungen auf einem Bildschirm. Das kann gefährlich werden.
Wie gefährlich, zeigt eine neue Umfrage des Versicherungskonzerns Allianz.
Der brisanteste Befund: 34 Prozent der Schweizer berichten, die Touchscreen-Bedienung habe in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal zu einer kritischen Situation geführt. Beispielsweise zu starkem Bremsen, einem Beinaheunfall oder einem tatsächlichen Unfall.
Für die internationale Untersuchung wurden in der Schweiz 1200 Personen befragt, darunter 836 mit Touchscreen im Auto. Für die Frage zu den kritischen Situationen wegen des Touchscreens wurden natürlich nur jene befragt, die einen besitzen.
Selbst Junge wollen wieder Knöpfe
Überhaupt bereitet die zunehmende Digitalisierung vielen Autofahrenden mehr Frust als Lust.
66 Prozent der Befragten mit Touchscreen möchten bestimmte Funktionen lieber über klassische Tasten oder Drehregler steuern können.
Bemerkenswert: Auch bei den 18- bis 25-Jährigen sind es 63 Prozent. Der Wunsch nach physischen Bedienelementen ist also keineswegs auf ältere Generationen beschränkt.
Besonders störend sind lange Suchvorgänge: 46 Prozent empfinden das Scrollen durch Listen, etwa bei Musik oder Kontakten, als stark ablenkend.
BFU warnt vor Ablenkung wie beim Handy
Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) sieht in komplizierten Touchscreen-Menüs deshalb ein Sicherheitsrisiko. Sie beanspruchen gleichzeitig Augen, Hände und Konzentration. Dadurch können Gefahren später erkannt werden.
Ein integrierter Bildschirm ist dabei nicht automatisch sicherer als ein Smartphone.
«Entscheidend ist aus Verkehrssicherheitssicht nicht allein, ob ein Gerät fest im Fahrzeug eingebaut ist oder in der Hand gehalten wird. Sondern wie stark seine Bedienung die Aufmerksamkeit beansprucht», erklärt eine BFU-Sprecherin gegenüber Nau.ch.
TCS kritisiert Tesla-Bedienung
Wie gross die Unterschiede zwischen den Bedienkonzepten sein können, zeigt ein Test des Touring Club Schweiz (TCS) von 2022.
Damals untersuchte der TCS gemeinsam mit dem deutschen ADAC sechs Autos mit unterschiedlichen Steuerungssystemen.

Am schlechtesten schnitt das Tesla Model 3 ab. Bei dem damals getesteten Fahrzeug mussten etwa die Beleuchtung und die Scheibenwischerstufe über den Touchscreen eingestellt werden. Das führte zu langen Such- und Bedienzeiten.
Besonders auffällig: Die Warnblinktaste war in derselben Farbe wie der Dachhimmel gehalten. Ohne vorherigen Hinweis fand sie nur eine einzige Testperson.
Der TCS bewertete das Bedienkonzept deshalb lediglich als «bedingt empfehlenswert». Neuere Vergleichstests hat der Mobilitätsclub nicht durchgeführt.
Autohersteller beginnen umzudenken
Inzwischen zeichnet sich allerdings eine Kehrtwende ab. Laut TCS haben Audi, BMW, Mercedes, Porsche und VW angekündigt, bei neuen Modellen wieder stärker auf physische Bedienelemente zu setzen.
Ein Grund dafür sind Kundenbeschwerden. Zudem erhöht das europäische Crashtest-Konsortium Euro NCAP den Druck: Seit Januar 2026 bewertet es die Bedienbarkeit von Fahrzeugen strenger.
Sprich: Wer wichtige Funktionen über klassische Schalter und Hebel steuern lässt, erhält dafür bessere Bewertungen.
BFU fordert einfachere Bedienung
Die BFU begrüsst diesen Ansatz. Gerade häufig benötigte Funktionen wie Scheibenwischer oder Frontscheibenlüftung sollten schnell und intuitiv erreichbar sein, betont die Sprecherin.
Physische Bedienelemente hätten den Vorteil, dass man sie ertasten könne, ohne lange von der Strasse wegzuschauen.

Bis sich die Bedienkonzepte verbessern, rät der TCS zur Vorsicht: Navigationsziele und andere Einstellungen sollten möglichst vor Fahrtbeginn vorgenommen werden.
Denn auch im modernsten Auto gehört die Aufmerksamkeit auf die Strasse.











