Wohnungs-Wahnsinn in Genf: 92-Jährige muss nach 53 Jahren ausziehen
Mehrere Jahrzehnte wohnte sie in derselben Genfer Wohnung. Wegen einer neuen Verwaltung muss die 92-Jährige nun die Wohnungsschlüssel abgeben.

Das Wichtigste in Kürze
- In Genf erhält eine 92-Jährige die Kündigung – nach 53 Jahren in der gleichen Wohnung.
- Es werden alle Mieter wegen Umbau gekündigt.
- Die Seniorin vermutet, dass die Besitzer die Mieten verdoppeln oder verdreifachen wollen.
Bittere Überraschung kurz vor Weihnachten: Im Dezember erhielt eine 92-jährige Frau ihre Kündigung. Nach 53 Jahren muss Micheline Lagarde ihre Wohnung in Genf verlassen.
Eine Immobilienfirma kaufte das Gebäude an der Rue Butini Anfang 2025 für 14 Millionen Franken. Das führte zur Massenkündigung: Alle Bewohnenden sollen ausziehen.
Die neue Verwaltung begründet dies mit geplanten Renovierungsarbeiten und einer Aufstockung. Eine Bewohnung während der Arbeiten sei ausserdem zu gefährlich.
Doch die betagte Mieterin vermutet andere Motive. «Im Moment sind die Mieten recht vernünftig. Nach der Renovierung werden sie sich meiner Meinung nach verdoppeln oder sogar verdreifachen», sagt Lagarde gegenüber RTS.
Mieterverband kritisiert fragwürdige Praktiken
Sie könnte Recht behalten. Christian Dandrès vom Schweizerischen Mieterverband erkennt dahinter ein System.
Der SP-Nationalrat aus Genf erklärt dem Sender: «Diese Gruppen kaufen Immobilien zu ausserordentlichen Preisen. Dann werfen sie alle raus, um die Mieten auf 3000 oder 4000 Franken pro Monat zu bringen.»
Diese Praxis stamme ursprünglich aus der Deutschschweiz. Nun finde sie auch in der Romandie Anklang. Rafaella Willig, Juristin beim Mieterverband, zweifelt an den vorgeschobenen Gründen.
«Die geplanten Arbeiten ähneln zahlreichen anderen Baustellen, bei denen die Mieter das Gebäude weiterhin bewohnen», kritisiert sie gegenüber RTS. Die Renovation werde als Vorwand benutzt, um Gebäude zu leeren und Mieten zu erhöhen.
«Würde lieber möglichst schnell sterben»
Die zuständige Immobilienverwaltung Naef weist die Vorwürfe zurück. «Die Mieten nach der Renovation werden gemäss dem geltenden gesetzlichen Rahmen festgelegt», schreibt die Firma auf RTS-Anfrage.
Zum Einzelfall sagt sie nichts.
Für Micheline Lagarde kam die Kündigung einem Schock gleich. «Ich dachte, dass ich lieber möglichst schnell sterben würde», beschreibt sie ihre Reaktion auf den Brief der neuen Verwaltung.

Der Mieterverband weiss: Das Schicksal der 93-Jährigen ist kein Einzelfall. Mehr als ein Dutzend Genfer Gebäude seien momentan betroffen.
Christian Dandrès fordert politische Massnahmen: «Es ist klar, dass das hier passiert, wenn die Instrumente zum Schutz der Mieter nicht richtig angewendet werden.»

















