Wanderer ignorieren Absperrungen trotz Gefahr

Felsstürze am Oeschinensee und am Matterhorn sorgen für Verunsicherung. Wie gefährlich ist Wandern in den Schweizer Bergen derzeit wirklich?

Wandern
Viele Wanderer fragen sich nach Felsstürzen, wie gefährlich ihr Hobby aktuell ist. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Die aktuelle Hitze sorgt in den Bergen für schwierige Verhältnisse.
  • Bergretter Bruno Jelk rät, Touren und Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.
  • Gesperrte Wege und Warnungen sollten unbedingt ernst genommen werden.

Staubwolken über dem Oeschinensee, ein gewaltiger Felssturz am Matterhorn: In den Schweizer Bergen lösen sich derzeit immer wieder Gesteinsmassen.

Am Oeschinensee stürzten am Samstag rund 1500 Kubikmeter Gestein vom Spitzen Stei ab. Das Gebiet wird bereits seit Jahren überwacht.

Nur wenige Tage zuvor hatte es auch am Matterhorn gekracht. Auf rund 3900 Metern Höhe lösten sich auf der Südseite grosse Felsmassen.

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Am Matterhorn ist es zu einem gewaltigen Felssturz gekommen, denn: Der Permafrost ist heuer stärker aufgetaut als in anderen Jahren. - Instagram / @meteovalledaosta

Die italienischen Bergführer setzten Besteigungen mit Kunden daraufhin vorübergehend aus.

Bei Wanderern und Bergsteigern stellt sich deshalb eine Frage: Kann man derzeit überhaupt noch guten Gewissens in die Berge?

«Man kann weiterhin sicher wandern»

Bruno Jelk ist einer der erfahrensten Bergretter der Schweiz.

Seine Antwort fällt zunächst beruhigend aus: «In den Bergen kann man weiterhin sicher wandern. Einzelne Wege sind wegen Steinschlaggefahr gesperrt oder umgeleitet.»

Jelk nennt konkrete Beispiele aus der Region Zermatt: Der alte Weg zur Monte-Rosa-Hütte und zurück sei zu einem grossen Teil verlegt worden. Auch der Europaweg wurde vor einigen Jahren wegen Steinschlaggefahr verlegt.

Würdest du aktuell noch wandern gehen?

Zudem musste der Wanderweg von Zermatt Richtung Trift bis zum Edelweiss wegen eines Murgangs neu geführt werden. «Mehrere kleine Abschnitte mussten abgeändert werden», sagt Jelk.

Entscheidend sei daher, sich vor einer Tour über die örtlichen Verhältnisse zu informieren. Und die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.

«Leider überschätzen viele Wanderer und Bergsteiger ihre Fähigkeiten», sagt Jelk.

Das könne gerade bei den derzeitigen Bedingungen gefährlich werden. Denn die anhaltende Hitze und der tauende Permafrost setzen den Bergen zu.

Absperrungen sind nicht ohne Grund da

Wer in den Bergen unterwegs ist, sollte deshalb vor allem eines nicht tun: Warnungen ignorieren.

«Man muss sich den Verhältnissen anpassen und gesperrte Wege nicht begehen», sagt Jelk. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber gemäss Jelk nicht: «Absperrungen werden leider sehr häufig missachtet.»

Oeschinensee
Die aktuelle Gefahrenkarte beim Oeschinensee zeigt, welche Wege nicht begangen werden sollten. - oeschinensee.ch

Auch bei offiziellen Warnungen sei die Situation ähnlich. «Leider ignorieren manche Leute die Warnungen und Empfehlungen.»

Jelk beobachtet dabei ein bestimmtes Muster: «Die Leute bereiten ihre Ferien mit einem festen Plan vor und verfolgen diesen dann ohne Wenn und Aber.»

Oder, anders ausgedrückt: «Wenn sie das Matterhorn auf dem Plan haben, interessiert sie ein anderer Berg nicht.»

Das könne fatale Folgen haben. Wer einen bestimmten Gipfel auf seiner Liste habe, wolle diesen häufig unbedingt erreichen. Die Bedingungen werden dann ignoriert.

Hitze bringt noch eine andere Gefahr

Nicht nur instabile Felsen können derzeit zum Problem werden. Die Hitze kann in den Bergen auch plötzlich heftige Gewitter auslösen.

«Bei dieser Wärme können sehr starke Gewitter kurzfristig aufkommen», warnt Jelk.

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Ton einschalten: Hier hört man den Chlyne Lohner bröckeln. Das Video wurde eine Woche vor dem Felssturz am Oeschinensee aufgenommen. - Nau.ch

Deshalb sei auch das Wetter bei der Planung einer Tour entscheidend. Sein Tipp: «Am besten startet man früh am Morgen.»

Ausserdem sollten Wanderer genügend Essen und Getränke mitnehmen. Auch ein Regenschutz gehöre in den Rucksack.

Wer unsicher ist, holt sich Hilfe

Besonders bei anspruchsvolleren Touren kann es sinnvoll sein, einen Wanderleiter oder Bergführer mitzunehmen.

«Sie haben die örtlichen Kenntnisse und können die Gefahren gut abschätzen», sagt Jelk.

Denn immer wieder müssen Bergretter Menschen aus den Bergen holen, die ihre eigenen Fähigkeiten überschätzt haben.

«Leider müssen viele erschöpfte Alpinisten und Wanderer gerettet werden.»

Noch eindringlicher formuliert es Jelk am Ende: «Leider verlieren einige ihr Leben oder setzen es aufs Spiel.»

Wandern ja – aber nicht um jeden Preis

Die Felsstürze am Oeschinensee und am Matterhorn bedeuten also nicht, dass die Schweizer Berge derzeit generell tabu sind.

Wer auf markierten und geöffneten Wegen unterwegs ist, sich vorher informiert, das Wetter beobachtet und seine eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzt: Der kann ohne grosse Bedenken weiterhin wandern.

Doch eines sollte derzeit besonders gelten: Der Berg ist kein Ort für persönliche Eitelkeiten.

Ist ein Weg gesperrt oder wird vor einer Tour gewarnt, sollte man umkehren oder ein anderes Ziel wählen.

Kommentare

User #4431 (nicht angemeldet)

Mein warmer Freund und ich wandern auch sehr gerne. Verbote nehmen wir nicht so ernst. 🤐

User #2682 (nicht angemeldet)

Sogenannte Selbstdenker denken dass sie das machen können. Somit soll man die auch nicht daran hindern. Aber auch das Retten sollte man dann nicht machen.

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