«Vielen egal»: Schweizer ignorieren Feuerverbot aus Fahrlässigkeit
«Waldbrandgefahr» und «Feuerverbot» prangen derzeit überall in der Schweiz. Doch trotzdem wird weiter gezündet – warum?

Das Wichtigste in Kürze
- Die Trockenheit setzt der Schweiz zu – in vielen Kantonen gelten deshalb strenge Feuerverbote.
- Die Verbote scheinen aber nicht viel zu bringen – es werden unzählige Verstösse gemeldet.
- Experten erklären, warum viele die Gefahr unterschätzen.
Europa ächzt unter Hitze, Trockenheit und Flammen.
Auch in der Schweiz ist die Lage ernst: In zahlreichen Kantonen gelten strenge Feuerverbote, teilweise sogar ein absolutes Feuerverbot.
Doch offenbar kümmern sich viele nicht darum. Die Verstösse häufen sich.
Allein die Kantonspolizei St. Gallen registrierte bereits rund 40 Verstösse. Obwohl das Feuerverbot erst seit zwei Wochen gilt.
Auch in Zürich scheint das Verbot für manche eher eine Empfehlung zu sein. Dort gilt derzeit ein Feuerverbot im Wald und in Waldesnähe. Trotzdem gingen bei der Kantonspolizei bereits über 120 Meldungen wegen Verstösse ein, wie die Kantonspolizei auf Anfrage von Nau.ch bestätigte.
Warum fällt es vielen so schwer, sich an die Verbote zu halten?

Peter Frick, Leiter Feuerwehren Kanton Bern, kennt das Problem. Gegenüber Nau.ch sagt er: «Es gibt immer wieder Leute, die das Feuerverbot falsch interpretieren.»
Der Grund: Vielerorts gilt kein absolutes Feuerverbot, sondern nur eines im Wald und in Waldesnähe. Genau das sorge immer wieder für Verwirrung.
«Viele Leute sind sich gar nicht bewusst, wo genau sie sich befinden», sagt Frick. Zudem werde völlig unterschätzt, wie schnell ein Brand entstehen könne. Schon eine «nicht richtig ausgedrückte Zigarette» könne fatale Folgen haben.
«Situation wird unterschätzt»
Auch im Aargau beobachtet die Polizei dieselbe Sorglosigkeit. «Die Situation wird unterschätzt», sagt Mediensprecher Dominic Zimmerli gegenüber Nau.ch. Die Bilanz ist alarmierend: Seit Anfang Juli wurden im Kanton bereits 32 Brände registriert.
Für Zimmerli steckt dahinter vor allem eines: «Unwissenheit. Oftmals sind sich die Personen der Gefahr nicht bewusst.»
Wie schnell sich ein Feuer ausbreiten kann, werde massiv unterschätzt – selbst im eigenen Garten. «Die Hecke sieht zwar noch grün aus, brennt aber innert weniger Sekunden.»
Ist das Feuer erst einmal entfacht, reiche der eigene Gartenschlauch längst nicht mehr aus.

Nicht jeder Brand lasse sich allerdings verhindern. Gerade bei landwirtschaftlichen Arbeiten bleibe ein Restrisiko bestehen. Bauern müssten dreschen oder Stroh zusammennehmen. «Auch wenn sie noch so vorsichtig sind, irgendwie müssen sie ja das Heu zusammennehmen.»
Trotzdem stellt Zimmerli klar: «Es geht darum, Brände zu verhindern. Nicht möglichst viele Personen anzuzeigen oder zu büssen.»
Doch es gebe eben auch jene, die sich schlicht nicht kümmern. «Vielen ist es einfach auch egal», sagt Zimmerli.
«Fahrlässigkeit»
Für den Soziologen Axel Franzen von der Universität Bern ist die häufigste Ursache für Waldbrände klar: «Fahrlässigkeit.»
«Der berühmte Zigarettenstummel» sei dafür das beste Beispiel.
Das Problem: «Generell können Menschen Risiken schlecht einschätzen, die selten auftreten.» Waldbrände seien in der Schweiz vergleichsweise selten – entsprechend gering sei das Risikobewusstsein.
Die grosse Medienpräsenz der verheerenden Brände in Spanien und Frankreich könnten dieses Bewusstsein allerdings auch hierzulande schärfen.
Braucht «hohe Strafen»
Der Experte ist überzeugt: «Generell halten sich Menschen nur dann an Normen, Verbote und Gesetze, wenn die Normüberschreitungen mit hinreichend hohen Strafen geahndet werden.»
Beim Feuerverbot ist das so. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer Busse von bis zu 20'000 Franken rechnen.

Das alleinige Strafmass reiche dabei aber nicht aus: «Normüberschreitungen müssen auch entdeckt werden und individuell nachweisbar sein.» Gerade bei fahrlässig ausgelösten Bränden sei das oft schwierig.
Einen Vorteil habe die Schweiz dennoch: den sozialen Druck. «Regelverstösse kommen in Ländern oder Regionen häufiger vor, in denen der soziale Zusammenhalt und die soziale Kontrolle gering ist.»
Oder, wie Franzen veranschaulicht: «Versuchen Sie einmal, einen Müllsack etwas zu spät oder zu früh an den Strassenrand zu stellen. Meistens findet sich ein Nachbar, der uns mehr oder weniger direkt auf den Normverstoss aufmerksam macht.»
Diese soziale Kontrolle führe dazu, dass sich die Menschen an Regeln hielten. «Und das ist gut so», so Franzen.
Eine Zigarette reicht
Der Soziologe Andreas Diekmann von der ETH Zürich relativiert jedoch gegenüber Nau.ch: «Wir sollten die Aufmerksamkeit auf die strukturellen Ursachen der grossen Waldbrände richten und weniger auf das individuelle Verhalten.»
Selbst, wenn sich fast alle an die Regeln hielten, könne das bei Waldbrandgefahr zu wenig sein: «Eine weggeschnippte Zigarette, eine Unachtsamkeit, kann die Katastrophe auslösen, auch wenn hundert andere sich regelgetreu verhalten.»
Bei anderen Kooperationsproblemen sei dies nicht der Fall, betont Diekmann: «Der öffentliche Nahverkehr bricht nicht zusammen, wenn ein Prozent Trittbrettfahren und 99 Prozent kooperieren.»
Und auch beim Littering mache eine höhere Regelbefolgung einen sichtbaren Unterschied: «Bei extrem günstigen Voraussetzungen für Waldbrände wird dieser ‹Erfolg› kaum einen Unterschied ausmachen.»













