Trotz Vorwürfen: Schweizer Shops halten an Label Armedangels fest
Das Modelabel Armedangels steht wegen Vorwürfen von hohem Arbeitsdruck und problematischer Führung in der Kritik. Schweizer Shops halten an der Marke fest.

Das Wichtigste in Kürze
- Ehemalige Mitarbeitende erheben schwere Vorwürfe gegen das Modelabel Armedangels.
- Sie berichten von hohem Arbeitsdruck, herablassender Führung und harten Kündigungen.
- Schweizer Fair-Fashion-Shops führen Armedangels vorläufig weiter.
- Sie setzen auf Dialog und fordern nachvollziehbare Verbesserungen.
Armedangels gilt als Vorzeigemarke für nachhaltige und fair produzierte Kleidung. Doch nun steht das deutsche Modelabel wegen schwerer Vorwürfe früherer Mitarbeitender unter Druck.
Laut einer Recherche des «Spiegel» berichten ehemalige Angestellte von hohem Arbeitsdruck und herablassendem Verhalten durch Führungskräfte. Kündigungen seien von Betroffenen zudem als rücksichtslos empfunden worden.
Trotzdem bleibt die Marke in zahlreichen Schweizer Fair-Fashion-Läden und Onlineshops im Sortiment. Nau.ch wollte wissen, weshalb die Shops an Armedangels festhalten.
Schweizer Shops setzen auf Dialog
Die angefragten Shops ziehen vorerst keinen Verkaufsstopp in Betracht. Stattdessen wollen sie mit Armedangels im Gespräch bleiben und beobachten, welche Konsequenzen die Marke aus den Vorwürfen zieht.
Der Zürcher Fair-Fashion-Händler «RRREVOLVE» zum Beispiel zeigt sich enttäuscht über die geschilderten Vorfälle. Für eine Marke mit hohen Ansprüchen an sich selbst sei das besonders ernüchternd.

«Auf das Produkt oder die Produktionsbedingungen hat dies jedoch keinen Einfluss», erklärt Gründer Sebastian Lanz gegenüber Nau.ch.
Bei einem Unternehmen von der Grösse von Armedangels seien die Vorfälle nicht gravierend genug. Sie hätten keinen «direkten Einfluss auf unsere Zusammenarbeit», erklärt Lanz.
Auch der Luzerner Fair-Fashion-Shop «glore» führt Armedangels mindestens vorläufig weiter.
Geschäftsführerin Rebekka Sommerhalder betont, die Produkte würden «sowohl in Hinblick auf Sozialverträglichkeit als auch Umweltfreundlichkeit nach sehr strengen Kriterien hergestellt».
Armedangels erfülle mit dem Leader-Status der Fair Wear Foundation und der GOTS-Zertifizierung einige der höchsten Standards der Branche. «Das hat trotz der im ‹Spiegel›-Artikel geäusserten Vorwürfe seine Gültigkeit», erklärt Sommerhalder.
Ähnlich argumentiert der Fair-Fashion-Shop «Auras» aus Richterswil ZH. Er setzt auf Dialog statt Boykott.

«Ein kurzfristiger Boykott suggeriert zwar Haltung», schreibt Co-Geschäftsleiterin Diana Gatani. Zielführender könne es sein, «langfristig im Dialog zu bleiben» und zu beobachten, ob aus Fehlern gelernt werde.
Arbeitsklima fiel durchs Prüfraster
Die Antworten der Händler zeigen eine Lücke: Materialien, Produktionsbedingungen und Zertifizierungen werden nach klaren Vorgaben geprüft. Für die interne Unternehmenskultur der Marken fehlen dagegen häufig messbare Kriterien.
Bei «RRREVOLVE» gehörte das Arbeitsklima innerhalb eines Unternehmens bisher nicht zu den Anforderungen.
«Aktuell überlegen wir uns aber, wie wir diese integrieren können», sagt Lanz. Eine Kontrolle sei in diesem Bereich jedoch sehr schwierig.
Auch «glore» verfügt bislang über keine messbaren Vorgaben zur Unternehmenskultur.
Unabhängige Audits (Überprüfungen) gebe es in diesem Bereich kaum, erklärt Sommerhalder. Deshalb setze «glore» auf «einen möglichst engen und transparenten Austausch sowie eine vertrauensvolle Zusammenarbeit».
So wie sie sich selbst um ein gesundes Arbeitsklima bemühe, erwarte sie dies auch von ihren Geschäftspartnern. «Auras» zählt die interne Unternehmenskultur nach eigenen Angaben ausdrücklich zu seinen Kriterien.
«Niemand, wirklich niemand, sollte für die Kleider leiden, die wir tragen», schreibt Gatani.
Schweizer Händler verlangen Antworten
Nach Bekanntwerden der Vorwürfe nahmen die Händler Kontakt mit Armedangels auf.
«RRREVOLVE» forderte sowohl direkt als auch über die Branchenorganisation «Re:sap» eine Stellungnahme. Auch «glore» beriet sich mit Vorstandskolleginnen und Vorstandskollegen des Verbands und berief eine Sondersitzung ein.
Inzwischen gab es Gespräche mit Armedangels-Geschäftsführer Martin Höfeler und weiteren Verantwortlichen.
Für Sommerhalder ist entscheidend, was die Marke nun daraus macht. «Auf Worte müssen Taten folgen», sagt sie.

Diese Schritte müssten transparent kommuniziert, für «glore» nachvollziehbar und belegt sein.
Auch «Auras» will Armedangels weiter beobachten. «Wir waren und sind mit Armedangels in Kontakt und werden weiterhin Fragen stellen und wachsam beobachten», schreibt Gatani.
Armedangels verweist auf Massnahmen
Armedangels erklärt gegenüber Nau.ch, mehrere Massnahmen befänden sich bereits in der Umsetzung oder in konkreter Vorbereitung. Dazu gehöre die weitere Arbeit an Führungsstandards und internen Prozessen sowie externe Unterstützung durch Coaching-Dienstleister.
Die Schritte würden zunächst intern mit den Mitarbeitenden besprochen und konkretisiert. Anschliessend und parallel zum laufenden Prozess wolle das Unternehmen auch deren Wirksamkeit überprüfen.
Die HR-Strukturen seien seit den damaligen Vorfällen deutlich professionalisiert und ein eigenes People-&-Culture-Ressort aufgebaut worden. Führungskräfte würden geschult, bei Bedarf kämen Mediationen zum Einsatz.
«Für uns bedeutet eine faire Unternehmenskultur, Kritik transparent zu adressieren», sagt eine Unternehmenssprecherin. Dazu gehöre, «im Dialog mit Mitarbeitenden wie Geschäftspartnern an Verbesserungen zu arbeiten».
Weitere Details zu den Massnahmen nannte Armedangels vorerst nicht. Diese würden zunächst intern besprochen, konkretisiert und anschliessend auf ihre Wirksamkeit geprüft.
Gleicher Massstab für alle
Bei einer Fair-Fashion-Marke fallen Vorwürfe zu hohem Arbeitsdruck, problematischer Führung und harten Kündigungen besonders auf. Muss Armedangels deshalb aber strenger beurteilt werden als andere Unternehmen?
Die Schweizer Organisation Public Eye verneint. Sie setzt sich für faire Arbeitsbedingungen und verantwortungsvolle Unternehmen ein.
«Soziale Mindeststandards im Umgang mit den Mitarbeitenden müssen für alle Unternehmen gelten», sagt Mediensprecher Oliver Classen gegenüber Nau.ch. Das gelte unabhängig von Branche und Nachhaltigkeitsversprechen.
Bei einer Marke mit hohen ethischen Ansprüchen wirke der Widerspruch zwar grösser. Ein fairer Umgang mit Angestellten sei jedoch eine Pflicht jedes Arbeitgebers.












