Der Autor Joachim B. Schmidt nimmt sich dichterische Freiheit und macht aus der Tell-Saga ein Familiendrama. Sein Roman «Tell» lebt von ambivalenten Figuren und einer frostigen Kulisse - könnte aber spannender sein.
Welttag des Buches
Am Welttag des Buches bekommen Kinder gratis Bücher. (Symbolbild) - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Wenn die Armbrust zerstört wird «bis die Holzspäne durch die Luft schwirren wie Schmetterlinge», hängt bei der Familie Tell der Haussegen mehr als schief.

Der Bauernjunge Walter zerhackt nach einer sinnlosen und kräftezehrenden Bärenjagd, auf die ihn sein Vater Wilhelm mitgeschleift hat, dessen Ein und Alles mit der Axt.

Den Vater Wilhelm wiederum plagt ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Seine Frau Hedwig grübelt nach dem Vorfall mit der Axt, warum Wilhelm nur «immerzu eine Gewitterwolke über sich trägt». Ein «fürchterlicher Fluch» hänge wohl über ihnen.

Die Legende um den Meisterschützen ist nicht nur ein Schweizer Nationalmythos, sondern geisterte schon durch viele Epochen und Länder - und er entspringt diversen Quellen. Historiker fanden unter anderem Vorläufer bei einem persischen Sufi-Dichter und in skandinavischen Sagen vor über 800 Jahren. Der deutsche Dichter Friedrich Schiller veredelte die Legende 1804 zum Theaterstück «Wilhelm Tell» um den gleichnamigen patriotischen Helden. Max Frisch demontierte ihn 1971 in einer satirischen Geschichtslektion.

Und nun Schmidt, der im Bündnerland geboren wurde und seit Jahren mit seiner Familien in Island lebt: Ihn stört, dass die Figur «seit Jahrhunderten politisch missbraucht» werde. «Lasst den armen Wilhelm Tell in Ruhe!», sagt er gegenüber Keystone-SDA. Als Symbolfigur muss Tell in der Schweiz immer wieder herhalten, jüngst gleichzeitig für Anti-Corona-Proteste wie auch für die Ja-Kampagne zum Mediengesetz.

Deswegen wollte Schmidt in erster Linie einen «realistischen Tell» schaffen, seine private und menschliche Seite zeigen. «Zwar wissen wir nicht, ob es ihn überhaupt gegeben hat, aber mein Ziel war es, dass die Leserinnen und Leser sagen: So hätte es wirklich sein können.»

In seiner fiktiven historischen Geschichte lebt also in der mittelalterlichen Innerschweiz wirklich ein Mann namens Wilhelm Tell, der einmal den Hut des Landvogtes Gessler auf dem Marktplatz nicht grüsst, zur Strafe einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schiessen muss und den Tyrannen schliesslich aus einem Hinterhalt ermordet. In Schmidts Roman ist der Kern jedoch das Familiendrama. Aber einige Figuren tendieren dazu, der Leserschaft ihre Emotionen, Beziehungen und Handlungsweisen gar ausführlich zu erklären. Das drosselt das Tempo.

Der Diogenes-Verlag verspricht in seiner Werbung für den neuen Roman von Schmidt einen «Pageturner» und «Blockbuster» im Stil von «The Revenant» oder «Braveheart» - und greift damit zu hoch. Mögen zwar Blut, Dreck, Sex und sogar etwas Pathos vorkommen, die Cliffhanger und Showdowns haben weniger Intensität als erwartet. «Tell» reicht nicht an das Spannungslevel von Schmidts letztem Roman «Kalmann» (2020) heran, der unter anderem mit Elementen eines Island-Krimis aufwartete.

Grosses Kino gelingt dem Autor aber mit der Apfelschuss-Szene. Walter und Wilhelm versöhnen sich in einer Stimmung zwischen Schiller’scher Tragödie und Frisch’er Groteske. Es lässt sich erahnen, dass dies auch für den Autor eine Schlüsselstelle ist. Mit der Geburt seiner Kinder habe sich «ein Abgrund aufgetan», erklärt er denn auch. Er habe «jäh realisiert», dass sein Wohlbefinden allein davon abhänge, wie es den Kindern gehe. «Wenn Wilhelm Tell mit der Armbrust auf den Apfel auf Walters Kopf zielt, zielt er in gewissem Sinne auf sich selbst.»

Die eigentliche Heldin bei Schmidt, der im Übrigen in Island auch als Reiseführer arbeitet, ist indes die Landschaft. Während sich der Sturm aus Macht und Gewalt, Schuld und Liebe zusammenbraut, wird die Kulisse immer frostiger.*

*Dieser Text von Céline Graf, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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