Protest

Studis pfeifen auf Protest gegen höhere Gebühr – weil Eltern zahlen?

Eine Gruppe ruft zu einem Aktionstag gegen höhere Studiengebühren auf. Beim Protest an der Uni Zürich tauchen aber kaum Studierende auf.

00:00 / 00:00

Trotz Transparenten und besetztem Saal: Der Protest an der Uni Zürich kam nicht in Schwung. - Nau.ch/Nico Leuthold

Das Wichtigste in Kürze

  • Studierenden drohen im Rahmen des Entlastungspakets 2027 doppelt so hohe Gebühren.
  • Eine Studentengruppe organisierte an der Uni Zürich einen Protest dagegen.
  • Viele kamen nicht: Ein Verantwortlicher hätte mehr Studierende erwartet.

Die Transparente sind aufgehängt und ein Vorlesungssaal ist besetzt. Im Lichthof ist ein Frühstückstisch gedeckt. Am Dienstag, morgens um acht Uhr steht in der Universität Zürich alles bereit für den Protest.

«Kommt alle!», ruft die Gruppe «Students United Zurich» auf Social Media auf.

Der von der Uni Zürich bewilligte Aktionstag steht unter dem Motto «Vereint gegen Studiengebühren und Militarisierung».

Die Studierenden sollen am Protest an der Uni Zürich im Kampf gegen das Entlastungspaket 2027 teilnehmen. Denn: Studierenden drohen doppelt so hohe Studiengebühren wie bisher.

«Hätte erwartet, dass mehr kommen»

Nur: Der Protest kommt nicht richtig in Schwung. Lediglich ein paar Dutzend Studierende treiben sich in den Gängen herum.

«Es war anders als erwartet», sagt Cyrill Hermann zu Nau.ch, zuständig für die Medienarbeit von «Students United Zurich». Angesichts des Programms habe die Gruppe eher unpolitische respektive diversere Studierende erwartet.

Die Plätze der Input-Referate seien zwar gut besetzt gewesen, sagt Hermann. «Ich hätte aber erwartet, dass mehr Studierende zum Protest kommen.»

Der Morgen sei zäh gewesen. «Erst am Nachmittag war Aufbruchstimmung zu spüren.»

Nimmst du an Demos teil?

Hermann sah am Aktionstag vor allem bekannte Gesichter. «Es kamen Studierende, die schon immer politisch organisiert waren und an Demos gehen», sagt Hermann.

Diese stammten aus kommunistischen Gruppen oder solchen des feministischen Streiks oder des Klimastreiks.

Für die Gruppe enttäuschend: «Weil wir ein niederschwelliges Programm organisierten, hätten wir mit mehr apolitischen Studierenden gerechnet», sagt Hermann.

«Viele Eltern bezahlen die Gebühren»

Hermann erinnert sich an die Besetzung der Kantonsschule Enge 2023 im Rahmen eines Klimastreiks. «Die Schule war von Anfang an ‹rätschvoll› mit Besetzenden.»

Hermann selbst studiert im vierten Semester Geografie. Hermann vermutet, dass die Studiengebühren die Kommilitoninnen und Kommilitonen nicht kümmern, «weil viele Eltern die Gebühren bezahlen.»

Protest
Cyrill Hermann ist zuständig für die Medienarbeit der Gruppe «Students United Zurich». - zVg

Möglich sei auch, dass der zunehmende Druck an der Uni von der Teilnahme an Protesten abhalte.

«Man ist nicht bereit, eine Vorlesung zu verpassen, um sich mit politischen Themen zu befassen.» Auch könne die Angst vor Disziplinarstrafen einschüchtern. «Die Uni ist repressiver geworden», findet Hermann.

Studiverband widerspricht: «Durchaus politisch engagiert»

Klara Sasse ist Co-Präsidentin beim Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS). Eine Protestmüdigkeit stellt sie bei den Studierenden «ganz und gar nicht» nicht fest. «Wir glauben, dass Studierende durchaus politisch engagiert sind», sagt sie.

Sasse macht darauf aufmerksam, dass die Petition des VSS gegen die Erhöhung der Studiengebühren viele Leute erreicht habe. Ausserdem seien am 1. Oktober schweizweit rund 6000 Menschen deswegen auf die Strasse gegangen.

Auch in anderen Bereichen sieht der VSS das politische Engagement bestätigt. Seit über zehn Jahren kämpften junge Menschen für die Wiederassoziierung an das EU-Programm Erasmus+, sagt Sasse.

Auch arbeiteten sie an der Verbesserung der Stipendiensituation und engagierten sich in ihren lokalen Studierendenorganisationen für verschiedenste hochschulpolitische Themen.

War der Zeitpunkt das Problem?

Im Falle des bescheidenen Protests vom Dienstag geht der VSS davon aus, dass viele Studierende nichts von der Aktion wussten.

Das Frühlingssemester habe erst angefangen, sagt Sasse. «Gerade in der vorlesungsfreien Zeit vor Semesterbeginn ist es schwierig, Studierende zu erreichen und zu mobilisieren.»

Eine mögliche Begründung sieht der VSS auch darin, dass die Aktion «ohne Unterstützung der lokalen etablierten Studierendenorganisationen» organisiert wurde.

Diese hätten ein grosses Netzwerk, «was ihnen die Mobilisierung auch zu schwierigen Zeiten im Semester ermöglicht.»

«Nicht in die roten Zahlen fallen»

Klara Sasse bestätigt jedoch, dass Studierende stark unter Druck stehen.

In den letzten Jahren seien die Lebenshaltungskosten stark gestiegen, sagt die Co-Präsidentin. Die Wohnungsnot, steigende Krankenkassenprämien und Lebensmittelpreise machten vielen von ihnen zu schaffen.

«Es wird immer schwieriger, am Ende des Monats nicht in die roten Zahlen zu fallen.»

Protest
Unter anderem die Lebensmittelpreise machen laut dem Verband der Schweizer Studierendenschaften vielen Studierenden zu schaffen. - keystone

Auch weist sie darauf hin, dass Studierende oft mit Symptomen mittlerer bis schwerer Depressionen zu kämpfen hätten. Dies betreffe gerade Studierende mit finanziellen Sorgen überdurchschnittlich.

«Somit haben dann finanzielle Sorgen nicht nur einen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit von Studierenden», sagt Sasse. «Sondern ganz konkret auf ihre mentale Gesundheit.»

«Das Aufrüsten treibt viel um»

Am Samstag steht bereits der nächste Protest auf dem Programm. Das «Bündnis gegen Austerität» ruft zur Demo in Zürich auf. Auch dort stehen die Studiengebühren im Zentrum. Droht der Protest auch zu einem Leerlauf zu werden?

Etliche Studierende seien knapp bei Kasse, sagt der emeritierte Soziologieprofessor Ueli Mäder. Auch sonst lehnten sie höhere Gebühren ab. «Je nachdem, wie clever und begründet weitere Proteste daherkommen, dürften sich mehr dafür interessieren.»

Protest
Ueli Mäder ist emeritierter Soziologieprofessor. - keystone

Wer studiere, sei oft eng getaktet, sagt Mäder. «Was zusätzlich kommt, stört zuweilen. Trotz Goodwill für das Anliegen.»

Offenbar habe der Funke beim Protest am Dienstag noch nicht gezündet, sagt Mäder. «Aber das kann sich ändern. Mit ansprechender Kommunikation.»

Mäder hat den Eindruck, dass sich Studierende auch heute engagieren. «Zum Beispiel für die Klimaziele oder Flüchtlinge in Seenot.»

Es gebe jedoch konjunkturelle Schwankungen. «Manchmal paralysieren gewaltsame Ereignisse.» Dies möge heute teilweise der Fall sein, aber kaum auf Dauer.

«Das Aufrüsten treibt viele um und wohl bald wieder mehr auf die Strasse. Nicht nur Studierende.»

Kommentare

User #6391 (nicht angemeldet)

Köppel mag Lafere statt Liefere. Beim Provovizeren helfen ihm die vielen Studijahre, und der Dauerfrust als Konservativer nur einmal pro Kind gedurft zu haben. Bier in freier Natur, das ist Punkrock pur. Priis vom Trychlerpräsident Calanda –– PS: Viel spass beim lesen meiner Kopien heute 😅

User #1108 (nicht angemeldet)

Nein nicht weil Eltern zahlen weil wir wissen das das Unrecht die größte Stimme auf dieser Welt hat.

Weiterlesen

crans
390 Interaktionen
«Hilft niemandem»
eth
892 Interaktionen
«Friedlich»
KLima
1’013 Interaktionen
«So leben wie bisher»

MEHR PROTEST

teaser
Bei Trump-Rede
Carsten Schneider
4 Interaktionen
Protest
demo
649 Interaktionen
Migration statt Klima
Simone Richner Gastbeitrag FDP
11 Interaktionen
Simone Richner (FDP)

MEHR AUS STADT ZüRICH

obergericht
In Uster ZH
Arbeit
18 Interaktionen
17 Jahre ohne Pause
Für Pflegeheime