Zürcher 80-Stunden-Arzt hat keinen Schutz vor Überarbeitung
Neurologe Urs Schwarz starb an Überarbeitung. Ein Zürcher Arzt arbeitet 80 Stunden pro Woche. Als Belegarzt steuert er seine Arbeitszeiten individuell.

Das Wichtigste in Kürze
- Chirurg Othmar Schöb schiebt täglich Monster-Schichten.
- Die Klinik Hirslanden schützt das Arztpersonal mit einer Blockade vor Überarbeitung.
- Das Unispital Zürich hat seine internen Fürsorge-Standards inzwischen verstärkt.
17 Jahre arbeitete Urs Schwarz durch. Kurz vor seiner Pensionierung stirbt der gefragte Neurologe des Universitätsspitals Zürich. Der Arzt könnte der erste Schweizer Fall eines Karoshi-Todes sein, also eines Todes wegen Überarbeitung.
Schwarz verzichtete nicht nur auf Ferien. Selbst ein freies Wochenende gönnte sich der Arzt in all den Jahren nicht.
Es ist der Extremfall schlechthin – trotzdem ist von Ärztinnen und Ärzten schon länger bekannt, dass die Arbeitsbelastung hoch ist.
2024 sorgte beispielsweise ein Facharzt für Chirurgie an der Klinik Hirslanden in Zürich mit einer ähnlich hohen Arbeitsbelastung für Schlagzeilen: Othmar Schöb ist sieben Tage und 80 Stunden pro Woche in der Klinik.
Arzt arbeitet auch in Pause
Nach vier bis fünf Stunden Schlaf startet Othmar Schöb morgens um 5.35 Uhr seine Schicht, wie die SRF-«Rundschau» berichtete. In der Mittagspause arbeitet der Arzt seine E-Mails ab. Dazu zwei Mandarinli und ein Joghurt – mehr gibt es nicht zum Mittagessen.
Erst nach rund 14 Stunden und einem weiteren Mandarinli dazwischen ist für Schöb Feierabend.

Macht er sich nach dem Aufschrei um den Tod von Urs Schwarz nun Sorgen um seine eigene Gesundheit? Der Chirurg will sich auf Anfrage nicht persönlich äussern. Dafür nehmen die Hirslanden Kliniken Zürich Stellung.
«Automatisch blockiert»
Bei Othmar Schöb handelt es sich um einen Partnerarzt der Klinik Hirslanden. Als Klinik mit Belegarztsystem arbeitet ein Teil der in der Klinik tätigen Ärztinnen und Ärzte selbstständig. Dies sei zu berücksichtigen, sagt Britta Seifried-Fedder, Mediensprecherin der Hirslanden Kliniken Zürich. «Sie organisieren ihre Tätigkeit eigenverantwortlich, verfügen über eigene Praxisstrukturen und steuern ihre Arbeitszeiten individuell.»
Das heisst: Ein Arzt wie er kann auch weiterarbeiten, wenn es längst nicht mehr gesund ist.
Die Gefahr, dass sich engagierte Ärzte wie Othmar Schöb, die aber in einem Angestelltenverhältnis sind, überarbeiten, soll nicht bestehen.
Für ihre angestellten Ärztinnen und Ärzte gälten klare arbeitsrechtliche und interne Vorgaben, sagt Britta Seifried-Fedder.
Dafür sorgt unter anderem das Zeiterfassungssystem.
Die Kliniken führen laut Seifried-Fedder eine verbindliche elektronische Zeiterfassung. «Bei Erreichen definierter Schwellenwerte wird die weitere Arbeitszeiterfassung automatisch blockiert.»
Heisst: Wer mehr arbeiten will, als erlaubt, wird von der Technik gebremst. Einfach weiterzuarbeiten, ohne die zusätzliche Überzeit zu erfassen, geht aber auch nicht.
«Es erfolgt ein Gespräch»
Denn: Ist der Schwellenwert erreicht, ziehen die Verantwortlichen laut der Hirslanden-Sprecherin umgehend die Personalabteilung hinzu.
«Es erfolgt ein Gespräch mit der betroffenen Person sowie der vorgesetzten Stelle», sagt Britta Seifried-Fedder. Auch würden konkrete Massnahmen geprüft und umgesetzt.
Ergänzend dazu greife das Personalreglement. Es regelt unter anderem Höchstarbeitszeiten, Ruhezeiten sowie Fürsorgepflichten klar, wie die Mediensprecherin sagt.
«Die Einhaltung dieser Bestimmungen wird systematisch überwacht.»
«Kollegenkreis emotional belastet»
Beim Personal des Universitätsspitals Zürich haben die krankheitsbedingten Absenzen im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. 2024 stiegen sie um 0,2 Prozentpunkte auf rund 4,5 Prozent.
Das Unispital Zürich USZ, wo der verstorbene Urs Schwarz arbeitete, will einen zweiten Fall verhindern.
Mediensprecher Moritz Suter sagt: «Die tragische und schicksalhafte Entwicklung und deren Ende haben auch den Kollegenkreis emotional belastet und das USZ sehr beschäftigt.»
«Wir bedauern dies sehr und haben Prozesse eingesetzt, damit sich ein solcher Fall nicht wiederholen kann.»
Das USZ habe seine internen Standards zur Fürsorge, zur Personalführung und zur Kontrolle von Ferien- und Arbeitszeiten deutlich verstärkt.
«Es gibt mittlerweile verbindliche Prozesse», sagt Suter. «Damit gesundheitliche Probleme oder übermässige Arbeitsbelastungen frühzeitig erkannt und adressiert werden.»
Regeln für Kaderärzte
Bei Mitarbeitenden, die dem Arbeitsgesetz unterstehen, sind Arbeitszeit- und Ferienüberträge per Jahresende reguliert.
Im Fall Urs Schwarz stand das USZ in der Kritik, weil es ihm von seinen angesammelten 380 Ferientagen 350 strich.
Das soll nun nicht mehr passieren: «Seit Anfang 2023 werden Abbaupläne auch bei Kaderärzten konsequent eingefordert und umgesetzt», sagt Moritz Suter.
Mitarbeitenden schreibt das Spital vor, eine Zeitbuchhaltung zu führen. Dort tragen sie Arbeitszeiten und Abwesenheiten ein und halten diese aktuell. Bei den leitenden Angestellten besteht zumindest die Pflicht, ihre Abwesenheiten zu erfassen.













