So lockt die Schwurbel-Szene Schweizer Frauen
Eine neue Studie zeigt: Frauen haben weniger Vertrauen in den Staat. Ein Risiko, in die Schwurbler-Szene abzudriften?

Das Wichtigste in Kürze
- Frauen in der Schweiz haben weniger Vertrauen in den Staat als Männer, zeigt eine neue Studie.
- Das Misstrauen ist in einigen Punkten nachweisbar berechtigt. Doch es ist auch ein Risiko.
- In der hiesigen Staatsverweigerer-Szene dürften mehr Frauen aktiv sein als in Deutschland.
- Trotzdem: Es ist nicht so, dass Frauen öfter solches Gedankengut hegen als Männer.
Eine neue Umfrage lässt aufhorchen: Ihr zufolge haben Frauen in der Schweiz weniger Vertrauen in den Staat als Männer.
Mit Schwurbeln muss das nichts zu tun haben. Und trotzdem gibt es Hinweise darauf, dass in der Schweiz mehr Frauen in Staatsverweigerer-Kreisen aktiv sind als im Ausland. Was dahintersteckt.
Das zeigt die Studie
Die neue Studie wurde gestern Dienstag vom eidgenössischen Büro für Geschlechterfragen EGB veröffentlicht. EGB spricht von «grossen Unterschieden» zwischen Frauen und Männern, wenn es ums Vertrauen in öffentliche Institutionen geht.
Sie zeigt unter anderem, dass Frauen staatlichen Institutionen weniger zutrauen, gerechte Entscheide zu treffen.
Zudem finden deutlich weniger Frauen als Männer, dass das Parlament die Interessen der verschiedenen Regionen und Bevölkerungsgruppen gleichberechtigt vertritt.
Lässt sich beweisen: Beim Parlament haben Frauen recht
Zuerst: Von Ungefähr kommen die Wahrnehmungen vieler Frauen aus der Studie nicht. Einiges lässt sich auch mit Zahlen untermauern.
Ein Beispiel: «Frauen sind im nationalen Parlament tatsächlich noch immer in der Minderheit», sagt Politikwissenschaftlerin Cloé Jans vom Forschungsinstitut GFS Bern zu Nau.ch.
Der Frauenanteil liegt im Nationalrat bei 41 Prozent. Im Ständerat beträgt er sogar nur knapp 35 Prozent.
Jans beobachtet zudem: Gerade Themen, die Frauen betreffen, erfordern oftmals, dass sich Frauen parteiübergreifend zusammenschliessen. «Beispielsweise bei der Revision des Sexualstrafrechts.»
Es setzten sich linke und bürgerliche Politikerinnen dafür ein, dass es bereits als Vergewaltigung gilt, wenn das Opfer zeigt, es wolle nicht. Früher musste Gewalt, Drohung oder psychischer Druck nachgewiesen werden.
«Solche parteiübergreifenden Allianzen sind bei Themen, die vor allem Frauen betreffen, oft nötig. Oder es braucht Druck aus der Zivilbevölkerung», sagt Jans. «Wie kürzlich bei der Budget-Debatte, wo das Parlament Gelder für Femizidprävention streichen wollte.»
Das Parlament krebste erst zurück, nachdem ein Social-Media-Post der SP-Nationalrätinnen Anna Rosenwasser und Tamara Funiciello für einen Aufschrei sorgte.
«Ansonsten bleibt der Eindruck, dass es für Frauenthemen schwierig ist im Parlament», sagt Jans.
Schwurbler locken Frauen mit Esoterik und Ausländer-Horrorgeschichten
Das Misstrauen, das die Studie zeigt, ist also zumindest teilweise nachvollziehbar. Doch kann es auch gefährlich sein und Frauen in Staatsverweigerer- und Verschwörerszenen abdriften lassen?
Verschwörungstheorie-Experte Marko Kovic sagt zu Nau.ch: «Im Prinzip könnte weniger Vertrauen in Institutionen bedeuten, dass Frauen auch stärker wissenschaftsfeindliches, anti-aufklärerisches Gedankengut haben.»
Das zeige sich in der Forschung aber nicht. «Männer und Frauen haben in etwa gleich häufig solche Ansichten.»

Was sich jedoch in Studien aus dem Ausland tatsächlich zeigt: «Frauen sind stärker an Themen wie Alternativmedizin und Wellness, Impfungen, Esoterik und Paranormales interessiert.» Für Kovic ist denkbar, dass diese Themen Schwurbler-Kreisen helfen, Frauen anzusprechen.
«In rechten Kreisen wird zudem manchmal vor Migranten gewarnt, die eine Gefahr für Frauen seien. So wird versucht, Frauen, die politisch eher links sind (besonders junge Frauen), mit einem Frauenthema anszusprechen.»
Dass Verschwörungstheorien oft mit Rechtsextremismus in Verbindung stehen, zeigte sich in der Corona-Pandemie deutlich. An Demonstrationen gegen die Covid-Massnahmen nahmen auch Neonazis teil.
In staatsfeindlichen Gruppierungen wie den Corona-Skeptikern werden zudem antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet.
Wohl mehr Frauen in der Schwurbler-Szene aktiv als im Ausland
Über die Geschlechterverteilung in der Staatsverweigerer-Szene in der Schweiz ist nicht viel bekannt.
«Studien zu Reichsbürgern in Deutschland zeigen, dass zirka drei Viertel der Reichsbürger männlich sind. Frauen sind also deutlich untervertreten», erklärt Kriminologe Dirk Baier, der zu Staatsverweigerern forscht.
«In der einzigen Studie, die meines Wissens zur Schweiz vorliegt, kann man hingegen keine solche Geschlechterverteilung ableiten.»
Sprich: Bei uns gibt es keine Hinweise auf so deutliche Geschlechterunterschiede wie in Deutschland. Frauen dürften bei uns in der Szene ähnlich verbreitet sein.
«Das deckt sich auch mit Eindrücken zu Szenen wie Graswurzle oder Urig, die in der Schweiz als staatsverweigernd gelten können. In diesen Szenen sind immer auch Frauen aktiv und sichtbar.»
Die Sekten-Fachstelle Relinfo warnte bereits 2022 vor diesen beiden Bewegungen. Als problematisch bezeichnete sie unter anderem, dass beide eine Parallelgesellschaft aufbauen wollen. Zudem seien Verschwörungsmythen ein fester Bestandteil der Ideologien beider Gruppierungen.
Misstrauen verstärkt demokratiefeindliche Haltung
Egal ob Mann oder Frau – ungefährlich ist Misstrauen in Institutionen wie den Staat nicht.
Baier sagt: «Misstrauen in Institutionen verstärkt demokratie- und staatsfeindliche Haltungen, geht mit verstärktem verschwörungstheoretischen Denken einher und fördert darüber auch extremistische Haltungen.»
Man müsse übrigens auch nicht zwischen den verschiedenen Institutionen wie Wissenschaft, Medien, Gerichte, Politik und weiteren differenzieren, sagt der Experte.

«Denn die Forschung zeigt immer wieder, dass das Vertrauen in diese Institutionen hoch miteinander zusammenhängt.» Heisst: Wer der Wissenschaft vertraut, vertraut auch den Medien und so weiter.
«Vorhandenes Vertrauen in der Gesellschaft ist existenziell für den Fortbestand der Demokratie. Misstrauen ist hingegen Gift für die Demokratie.»
Baier mahnt auch, das Ergebnis der Vertrauens-Studie nicht überzuinterpretieren.
Denn: Andere Studien zum Vertrauen in Institutionen haben keine bedeutsamen Geschlechterunterschiede gezeigt. Die Ergebnisse dieser neuesten Umfrage sind also eher ungewöhnlich.
Die Zahlen stammen bereits aus dem Jahr 2023, das allgemeine Bild dürfte aber laut Kovic immer noch aktuell sein.












