Stadt Bern

Schweizer stürmen jetzt abgelegene Badestellen – mit Folgen?

Sina Barnert
Sina Barnert

Bern,

Das heisse Wetter lockt in der Schweiz fast alle ans Wasser. Um dem Dichtestress zu entgehen, weichen viele an abgelegenere Orte aus. Mit Folgen für die Natur?

Badi
Weil die Badi überfüllt ist, suchen viele Menschen Erholung an Seen und Flüssen. Das hat Folgen für Flora und Fauna. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Wegen überfüllter Badeplätze weichen viele Menschen auf abgelegene Stellen aus.
  • Dort drohen zusätzliche Gefahren, weil Badeunfälle oft zu spät bemerkt werden.
  • Die Badenden stören zudem Tiere, die wegen der Hitze dringend Rückzugsorte brauchen.

In der Schweiz herrscht den ganzen Sommer lang Rekordhitze.

Schon jetzt ist klar: 2026 geht als heissester Sommer seit Beginn der Aufzeichnung in die Geschichte ein.

Das lockt die Menschen hierzulande ans Wasser. Denn im und ums kühle Nass lassen sich die rekordheissen Temperaturen besser aushalten.

Doch an vielen beliebten Badeplätzen herrscht mittlerweile Dichtestress. Manche suchen deshalb an abgelegenen Stellen von Seen und Flüssen nach Abkühlung.

Badis
In Schweizer Badis herrscht in diesem Sommer Dichtestress – wie hier am Oberen Letten in Zürich. - keystone

Nur: Das birgt Gefahren für die Badewilligen – und stresst Natur und Tierreich.

«Gerät jemand in Schwierigkeiten, wird dies möglicherweise gar nicht bemerkt»

Gegenüber Nau.ch erklärt die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG), das Baden an abgelegenen Orten könne zusätzliche Risiken mit sich bringen.

Denn: «An unbekannten Orten besteht die Gefahr, dass die örtlichen Gegebenheiten nicht bekannt sind und falsch eingeschätzt werden. Oder Gefahrenstellen nicht erkannt werden.»

Wo badest du am liebsten?

Man empfehle deshalb, «neue Badeplätze zuerst vom Ufer aus zu erkunden. Und sich wenn möglich bei Ortskundigen über Besonderheiten des Gewässers zu informieren.»

Ein weiteres Problem bei abgelegenen Badeplätzen: Es halten sich weniger Menschen dort auf. «Gerät jemand in Schwierigkeiten, wird dies möglicherweise gar nicht oder erst verspätet bemerkt.»

«Ertrinken geschieht lautlos»

Die SLRG warnt: «Besonders problematisch ist dies hinsichtlich des Umstandes, dass Ertrinken in den meisten Fällen lautlos geschieht.»

Seien wenige andere Personen in der Nähe, könne dies die Alarmierung der Rettungsspezialisten verzögern oder diese finde gar nicht statt. «In einem Fluss, in welchem die Strömung die Person in Not mit sich zieht, kann dies zusätzlich verheerend sein.»

Die SLRG rät zu einer guten Vorbereitung. Wichtig sei es, die Gegebenheiten vor Ort sorgfältig zu prüfen.

Denn es gelte: «Die häufigsten Ursachen von Badeunfällen sind weniger die Gewässer selbst als vielmehr das Unterschätzen der Gefahren. Und das Überschätzen der eigenen Fähigkeiten und das entsprechende Verhalten der Menschen.»

«Naturnahe Gewässer vielerorts selten geworden»

Problematisch ist das Ausweichen auf weniger frequentierte Badestellen aber nicht nur für die Sicherheit der Badenden. Auch das Tier- und Pflanzenreich leidet.

WWF-Gewässerexperte Tino Stäheli erklärt: «Besonders betroffen sind naturnahe Ufer, Flachwasserbereiche, Kiesbänke, Auen oder Schilfzonen. Diese Lebensräume sind für viele Tier- und Pflanzenarten wichtige Rückzugs-, Brut- und Nahrungsräume.»

Schilfzone
Naturnahe Gebiete wie Schilfzonen sind für viele Tier- und Pflanzenarten wichtige Rückzugs-, Brut- und Nahrungsräume. - keystone

Es sei verständlich, dass der Mensch bei Hitze Abkühlung am Wasser suche. Doch: «Das Problem ist, dass naturnahe Gewässer vielerorts selten geworden sind.»

Denn, so Stäheli: «Viele Flüsse und Bäche sind verbaut, begradigt oder führen zu wenig Restwasser. Dadurch konzentriert sich der Erholungsdruck auf die wenigen Orte, die noch natürlich und kühl sind.»

«Gerade während Hitze- und Trockenperioden überlagern sich Belastungen»

Dort würden nach Erholung suchende Menschen auf Tiere und Pflanzen treffen, die diese Orte zum Überleben bräuchten.

Das ist aktuell ein Problem, erklärt der Gewässerexperte. «Gerade während Hitze- und Trockenperioden überlagern sich mehrere Belastungen.»

Hohe Luft- und Wassertemperaturen sowie tiefe Wasserstände seien ein Stressfaktor für Amphibien, Wasserinsekten und Pflanzen.

Wie hat dir der Sommer 2026 gefallen?

Wie ernst die Situation bereits ist, erklärt Florian Altermatt, Professor für Aquatische Ökologie an der Universität Zürich und der Eawag. Warmes Wasser enthalte weniger gelösten Sauerstoff. Fische und Gewässerinsekten könnten dadurch nicht mehr genügend Sauerstoff aufnehmen.

«Es ist zur Zeit das Absterben von Fischpopulationen und weiteren Gewässerorganismen zu beobachten», warnt Altermatt. Viele Arten könnten nur überleben, wenn sie schattige Stellen mit mehr Wasser erreichten.

Ein vermeintlich ungestörter Badeplatz könne deshalb eine besondere Bedeutung haben. «Für uns Menschen mag es wie ein ruhiges, ungestörtes Badeplätzchen erscheinen. Für viele dieser Arten ist es der letzte Rückzugsort, von dem das Überleben während dieser Hitzeperiode abhängt.»

See
Abgelegene Stellen am Wasser sind für Tiere oft der letzte Rückzugsort. - See

Stäheli führt zusätzlich aus: «Werden diese Rückzugsorte zusätzlich stark genutzt oder betreten, erhöht das den Druck weiter.»

Badende sollen ausgewiesene Stellen nutzen

Das zeige, wie wichtig naturnahe Gewässer mit genügend Restwasser seien. Denn: «Sie bieten nicht nur Menschen Abkühlung, sondern helfen auch Tieren und Pflanzen, Hitzesommer besser zu überstehen.»

Altermatt empfiehlt angesichts der aussergewöhnlichen Situation, ausschliesslich ausgewiesene Badestellen zu nutzen. Zudem seien die Anweisungen der Behörden zum Schutz der Gewässerorganismen zu beachten.

Auch der WWF rät dazu, bestehende und offizielle Zugänge zu nutzen sowie sensible Bereiche zu meiden.

Besonders wichtig sei der Abstand zu Schilf, Kiesbänken, Auen, Flachwasserzonen und dicht bewachsenen Ufern. Denn: «Dort finden viele Tiere Rückzugs-, Brut- oder Nahrungsräume.»

Hund
Hunde sollten in Ufernähe an die Leine genommen werden. - keystone

Stäheli rät zudem: «Hunde sollten an die Leine genommen werden. So lässt sich die Natur geniessen, ohne sie unnötig zu belasten.»

Langfristig brauche es zudem widerstandsfähigere Gewässer, betont Altermatt. Renaturierte Gewässer mit genügend Raum und natürlicher Ufervegetation spendeten Schatten und könnten hohe Temperaturen besser abfedern. Eine vielfältige Gewässerstruktur schaffe zudem zusätzliche Rückzugsorte für Tiere.

Entscheidend sei aber auch ein wirksamer Klimaschutz. Dazu gehöre insbesondere ein rascher Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energien. So liessen sich nicht nur die Gewässer schützen, sondern auch die Möglichkeiten erhalten, diese künftig als Badeorte zu nutzen.

Kommentare

User #6198 (nicht angemeldet)

Hier fischen sehr viele sehr fleissig. Auch semi-professionell werden tausende der letzten Fische rausgerissen. Und die Regale der Supermärkte überquellen seit jeher mit Fischen und Tieren. Die Badenden sind aber jetzt das grosse Problem für die Fische? Verstehe...

User #3864 (nicht angemeldet)

Ich darf Pool beim Nachbar benutzen. Er ist viel alleine und sehr nett

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