Schweizer betteln um Spenden für Luxus-Lifestyle

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Bern,

Direkt neben Spenden-Aufrufen für die Opfer von Crans-Montana sammeln Schweizer für Luxus-Gegenstände oder ein «sorgloses Leben». Das sorgt für Kritik.

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Auf Spendenplattformen sammeln Private in der Schweiz Geld für Luxusgegenstände oder ein «sorgloses Leben». - gofundme/happypot

Das Wichtigste in Kürze

  • Spendenplattformen wie Gofundme erfreuen sich auch in der Schweiz grosser Beliebtheit.
  • Sie sind besonders bekannt für private Spendensammlungen für gute Zwecke.
  • Doch es wird zunehmend auch für anderes Geld gesammelt – etwa Laptops oder Kafimaschinen.

Nau.ch-Leserin Hannah K.* reibt sich ungläubig die Augen: Neben Spendenaufrufen für Krebskranke oder schwerverletzte Opfer von Crans-Montana tummelt sich auch eine etwas andere Bitte.

Ein junger Mann bettelt im Netz um Geld für eine neue Luxus-Kaffeemaschine mit separater Mühle. Kostenpunkt: Stolze 3177 Franken!

«In die habe ich mich verliebt», schreibt er zu einem Foto der Hightech-Kolbenmaschine auf Instagram. Gelistet hat er den Spendenaufruf in der Kategorie «anderes soziales Projekt».

«Einfach nur dreist»

Sein Aufruf erscheint auf der Spendenplattform Happypot – zwischen Sammelaktionen für Menschen, die von schweren Schicksalsschlägen betroffen sind. Aufgefallen ist ihr der Aufruf auf Instagram.

«Geht's noch? So etwas ist einfach nur dreist», findet Hannah K. «Kauf dir einfach eine günstigere Kaffeemaschine oder spare, bis dein eigenes Geld dafür reicht.»

Was sie kaum glauben kann: Der junge Mann hat auch tatsächlich schon zahlreiche Spenden erhalten. In einem Monat sind 154 Franken zusammengekommen. Elf Personen haben sich beteiligt.

Auf Anfrage von Nau.ch will sich der Schweizer nicht weiter zu seinem Spendenaufruf und zu der Kritik äussern. Auf der Plattform Happypot schreibt er, seine alte Kaffeemaschine habe den Geist aufgegeben. Darum brauche er eine neue.

Was hältst du von Spenden-Aufrufen für Luxusgegenstände?

Hersteller Zuriga, der seine Traum-Maschine verkauft, produziere in der Schweiz, «daher ist auch der Preis leider hoch».

«Mit deiner Spende kannst du sowohl mir wie auch meinem Portemonnaie eine grosse Freude machen», schreibt er.

Bernerin sammelt für «sorgloses Leben»

Spenden sammeln für Luxus-Probleme – damit ist der Kaffee-Connaisseur nicht allein. Eine andere Schweizerin aus dem Kanton Bern bittet auf der Plattform Gofundme um Geld für ein «sorgloses Leben».

«Wer jetzt eine herzzerrei ss ende Geschichte erwartet, den muss ich leider enttäuschen», schreibt sie in ihrem Aufruf.

Und weiter: «Ich sammle Spenden, um mir das Leben aufzubauen, von dem ich träume. Keine Sorge, ich werde das Geld nicht für unnötige Dinge ausgeben (ja okay, einen kleinen Teil vielleicht schon).»

laptop
Eine andere Schweizerin sucht Geld für einen neuen Laptop. - gofundme

Ihr Aufruf ist bisher auf weniger Resonanz gestossen. Es liess sich noch niemand finden, der in ihr sorgenfreies Leben investieren wollte.

Während der Kafi-Liebhaber seinen Spendenaufruf nur auf seinem Instagram-Profil teilt, ist ihr Aufruf für alle öffentlich. So auch derjenige einer 13-Jährigen aus der Schweiz, die ein Hotel in Kroatien eröffnen will, wie sie schreibt.

Sie sammle Geld, weil sie noch «zu klein» sei, um zu arbeiten, erklärt sie in holprigem Englisch. Eine andere Schweizerin ruft dazu auf, ihr Geld zu spenden, weil sie einen neuen Laptop brauche.

Konkurrenz für den guten Zweck?

Dem Kollegen einen Fünfliber für Kaffee stecken statt einem Brandopfer zu helfen: Drohen solche Aufrufe zur Konkurrenz für Spendensammlungen für den guten Zweck zu werden?

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Schweiz begeistert die Aufrufe zwar nicht. Doch sie beschwichtigt auch.

Sprecherin Natalie Wenger sagt zu Nau.ch: «Klar machen aus unserer Sicht Spendenaufrufe zugunsten hilfebedürftiger Menschen mehr Sinn als solche für einen luxuriösen Lifestyle. Auf unsere Spendeneinnahmen haben solche Aufrufe allerdings kaum einen Einfluss.»

Die Aufrufe mögen zwar «geschmacklos erscheinen», aus menschenrechtlicher Sicht spreche aber nichts dagegen.

Immerhin «transparent»

«Es wird zumindest transparent gemacht, wofür Geld gesammelt wird», sagt Wenger. «Schwieriger wäre es in unseren Augen, wenn für offen menschenrechtsverachtende Dinge Geld gesammelt würde. Oder wenn falsche Versprechungen gemacht würden.»

Denn auch das passiert. Zur Erinnerung: Schon kurz nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana gab es zahlreiche dubiose Spendenaufrufe im Netz. Damals warnte die Walliser Polizei.

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Eine 13-Jährige aus der Schweiz sucht Spenden, weil sie ein Hotel in Kroatien eröffnen will. Sie sei noch zu klein, um zu arbeiten, argumentiert sie. - Screenshot gofundme

Wenger sagt: «Generell raten wir potenziellen Spender*innen, sich genau zu informieren, wofür sie spenden.»

Unterstützung bei der Entscheidung, für welche Sache man spenden will, können beispielsweise Gütesiegel wie die ZEWO liefern. «Die ZEWO vergibt nicht nur Gütesiegel für vertrauliche Organisationen, sie legt auch offen, wo Vorsicht geboten sein sollte.»

Spendenplattform: «Tolerieren solche Aufrufe»

Spendensammlungen für Spass und Luxus: «Das Thema ist tatsächlich sehr aktuell», sagt Habiba Alami von der Spendenplattform Happypot zu Nau.ch.

Sie schätzt, dass rund zehn Prozent der Spendenaufrufe auf Happypot Freizeitwünsche und «nicht-essenzielle Projekte» betreffen. «Dieser Bereich wächst.»

Meist stünden dabei aber nicht – wie im Fall der Kafimaschine – Personen dahinter, die sich selbst etwas gönnen wollen.

Würdest du Fremden Geld für Luxuswünsche geben?

«Was auf den ersten Blick wie Luxus wirkt, ist oft einfach ein gemeinsames Geschenk von mehreren Personen», sagt Alami.

«Diese Sammlungen werden in der Regel im Rahmen von Geburtstagen oder besonderen Anlässen organisiert.» So wird einfach digital organisiert, was früher offline geschah.

«Wir tolerieren solche Aufrufe, sofern sie transparent sind und im privaten Rahmen stattfinden. Happy Pot ist bewusst als Plattform für kollektives Schenken konzipiert. Nicht nur für Notfälle, sondern auch für positive Lebensmomente.»

Für Luxus gibt's weniger Spenden als für guten Zweck

Das sieht man auch bei der Spendenplattform Gofundme so.

Sprecherin Aisling Ehrismann sagt zu Nau.ch: «Grundsätzlich ist Gofundme eine offene Plattform, auf der Menschen für eine Vielzahl persönlicher Anliegen Unterstützung erhalten können.»

Heisst: Spendenaufrufe für persönliche Wünsche oder Anschaffungen sind erlaubt – sofern Sie den Nutzungsbedingungen entsprechen.

Dass Aufrufe für Luxusgüter nicht bei allen gut ankommen, bestätigt Ehrismann: «Wie bei jeder offenen Plattform gibt es unterschiedliche Meinungen innerhalb der Community. Wir erhalten gelegentlich auch kritische Rückmeldungen zu einzelnen Spendenaufrufen.»

Das nehme die Plattform ernst und prüfe gemeldete Inhalte jeweils sorgfältig.

Von allen Spendenaufruf-Kategorien machen Wünsche laut Ehrismann den kleinsten Teil aus. Die meisten Aufrufe betreffen die Kategorien Medizinisches, Notfälle, Tiere und Familie.

Wenig überraschend ist es auch die Kategorie, die am wenigsten Spenden generiert. Ehrismann sagt: «In der Praxis beobachten wir, dass Spendenaufrufe mit einem klaren sozialen oder dringenden Hintergrund tendenziell deutlich mehr Unterstützung erhalten.»

*Name von der Redaktion geändert

Kommentare

User #880 (nicht angemeldet)

Wer gibt denn da tatsächlich was ab? Schon sehr fragwürdig.

User #2459 (nicht angemeldet)

Gute Musik hören ist ein Menschenrecht. Gruss Bäcker vong Unterhaltung.

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