Schock für Zürcher: «Miete mehr als verdoppelt»
Ein Zürcher erhält eine Premium-Einladung, um sich für sanierte Wohnungen zu bewerben. Dabei macht er eine erschreckende Feststellung.

Das Wichtigste in Kürze
- Im September sind 21 sanierte Wohnungen in einem Quartier in Zürich-Witikon bezugsbereit.
- «Die Miete haben sie mehr als verdoppelt», sagt ein ehemaliger Bewohner.
- Tatsächlich gab es dort zuvor Wohnungen zum Schnäppchenpreis.
Der Auszug war für Rolf Bühler* besonders schmerzvoll. Fast sein ganzes Leben lang wohnte er in der Siedlung an der Carl-Spitteler-Strasse in Zürich-Witikon. Nau.ch berichtete darüber im April.
Besonders schätzte der 56-Jährige die günstige Miete der 72 Quadratmeter grossen Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung, die er mit seiner Partnerin teilte. Knapp 1300 Franken betrug der Mietzins.
Doch Ende März 2025 war Schluss. Bis dann mussten alle Mietende ihre Wohnungen wegen einer Gesamtsanierung verlassen.
Bühler und seine Partnerin wohnen inzwischen in einer anderen Wohnung im Quartier. Nun hätten sie die Möglichkeit, in ihr altes Zuhause zurückzuziehen. Kürzlich erhielt der Zürcher eine «Premium-Invitation» per E-Mail, um sich für eine der sanierten Wohnungen zu bewerben. Im September sind die 21 Wohnungen bezugsbereit.
«Abnormal normal»
Sich für eine Wohnung des Projekts «Carla– zu Hause am Sonnenhang» zu bewerben, kommt für das Paar aber nicht infrage. «Die Miete haben sie mehr als verdoppelt», sagt Rolf Bühler zu Nau.ch.
3055 Franken kostet die günstigste Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung mit einer Fläche von rund 67 Quadratmeter. Für die teuerste Wohnung dieses Formats mit einer Fläche von 72 Quadratmetern müssen Mietende einen Zins von 3230 Franken bezahlen.
Rolf Bühler macht zugleich eine erschreckende Feststellung. «Für die heutige Zeit finde ich diese Mietzinsen für das Expat-Paradies Zürich-Witikon abnormal normal», sagt er.
Doch selbst diese Mietzinse könnten noch steigen. Denn: Die Mietverträge sind auf fünf Jahre befristet und werden indexiert. Demnach ist die Nettomiete an die Teuerung gekoppelt. «Bekanntlich steigen die Preise eher, als dass sie sinken», sagt Rolf Bühler trocken.
«Typisches Gentrifizierungsprojekt»
Der Zürcher Mieterinnen- und Mieterverband (MV) hat das Projekt «Carla» verfolgt.
«Es ist ein typisches Gentrifizierungsprojekt», sagt MV-Mediensprecher Walter Angst. Es handle sich um eine Siedlung mit ursprünglich angemessenen Mieten, die umgekrempelt werde. «Früher waren solche Wohnungen halb so teuer.»
Die drei Mehrfamilienhäuser seien zu einem Luxusprojekt geworden, sagt Angst. «Die aufgehübschten 3,5 Zimmer-Wohnungen kosteten bisher 1800 Franken, neu über 3000 Franken.» Die Eigentümerin habe 5,2 Millionen Franken investiert und den Ertrag um 70 Prozent erhöht.
Wohnschutzinitiative sei dringend nötig
Der ganze Wohnungsmarkt basiert laut Angst auf dem Ziel, möglichst hohe Mieten zu produzieren. «Damit man in den Büchern eine Aufwertung von mehreren Millionen generieren kann.»
Das Projekt sei ein weiteres Beispiel für die dringend nötige Wohnschutzinitiative.
Die Initiative verlangt, dass Mieten von sanierten Liegenschaften nicht mehr übermässig erhöht werden dürfen. Zudem sollen Eigentümerinnen und Eigentümer im Falle von abgerissenen Wohnungen eine vergleichbare Zahl von bezahlbaren Wohnungen erstellen.
Mieter rechnet mit erneutem Rausschmiss
Wie viele der sanierten Wohnungen vergeben sind, steht noch nicht fest.
«Wir sind aktuell dabei, die Wohnungen auszuschreiben.» Dies teilt die Zurich Versicherung mit. Daher sei es noch zu früh für Auskünfte.
Rolf Bühler rechnet derweil damit, auch die aktuelle Wohnung im Haus mit Baujahr 1966 bald verlassen zu müssen.
«Im Frühling liefen plötzlich Horden von Architekten auf dem Grundstück herum und machten Aufnahmen», sagt er. «So fängt es jeweils an, wenn ein Haus abgerissen oder zumindest saniert werden soll.» Knapp 2000 Franken Miete bezahlt er. Für ihn steht fest: «Günstig ist nur noch, was bald abgerissen wird.»
*Name der Redaktion geändert.













