Stadt Zürich

Zürcher Bankmitarbeiterin vermittelte junge Frauen an Epstein

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Zürich,

Chats und E-Mails belegen, wie die junge Jurastudentin dem Sexualstraftäter Frauen vorstellte. Gleichzeitig finanzierte er ihr Studium – und übte Druck aus.

Bankerin
Über Jahre tauschten sich der US-Financier und eine Praktikantin (Symbolbild) aus Zürich intensiv aus. - freepik/keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine junge Russin stand jahrelang in engem Kontakt mit Jeffrey Epstein.
  • Chats zeigen Abhängigkeit, Geldflüsse und die Vermittlung junger Frauen.
  • Sie wusste von Epsteins Sexualverbrechen und hielt dennoch Kontakt.

Über acht Jahre hinweg stand eine junge Russin in engem Kontakt mit dem US-Financier und verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Interne E-Mails und Chatprotokolle zeigen laut Recherchen der NZZ: Zwischen beiden entwickelte sich ein Verhältnis aus Abhängigkeit, finanzieller Unterstützung und der Vermittlung junger Frauen.

Die Frau, im Artikel Alina Selnowa genannt (Name anonymisiert), war Praktikantin bei der liechtensteinischen LGT-Bank in Zürich. 2015 schickte sie Fotos einer jungen Frau an Epstein.

«Sie träumt davon, New [York] zu besuchen, und freut sich darauf, dich kennenzulernen.»

Epstein antwortete knapp: «Danke, dass du es versucht hast. Aber das passt nicht. Danke.»

«Okay. Nicht hübsch genug, oder willst du eine Clevere?», kontert Selnowa. «Ich = schlaue Assistentin. ;-)»

Sie wusste um seine Vergangenheit – und blieb ihm dennoch treu

Epstein, der sich bereits 2008 wegen Sexualverbrechen an Minderjährigen schuldig bekannt hatte, pflegte trotz Verurteilung weiterhin Kontakte in elitäre Kreise. Auch Selnowa hielt bis zu seiner Verhaftung im Juli 2019 Kontakt zu ihm.

Die ausgewerteten Akten des US-Justizministeriums dokumentieren einen intensiven Austausch seit spätestens 2011. Selnowa, damals Jurastudentin an der Sorbonne, schrieb früh:

«Ich möchte, dass du mein Beziehungscoach bist. Du bist so gut darin. Bring mir alles bei über Flirten, Sex, Männer und ihre Wahrnehmung von Frauen.»

Sie wusste um seine Vergangenheit: «Na ja – vielleicht sind junge Mädchen deine Leidenschaft, so wie Snowboarden meine ist. Ich hab jedenfalls keine Angst

Vermittlungen gegen finanzielle Unterstützung

In den folgenden Jahren schickte sie ihm wiederholt Fotos und Lebensläufe junger Frauen. 2011 fragte Epstein: «Hast du eine neue Freundin für mich?»

Selnowa bot «ein russisches und ein österreichisches Mädchen, beide smart und blond» an. Zugleich erhielt sie von ihm Geld für Studiengebühren, unter anderem für die Berkeley-Universität in Kalifornien.

Auf ihre Frage «Möchtest du mich einstellen, damit ich für dich arbeite und so die Studiengebühren zurückzahlen kann?» antwortete Epstein: «Keine Rückzahlung nötig.»

Die Kommunikation zeigt ein Machtgefälle. Epstein kritisierte und setzte Bedingungen:

«Aber du musst zwei Kandidatinnen liefern – mit deiner vollen Empfehlung. Dann werde ich helfen. […] Das ist Oberstufenniveau.» Selnowa bemühte sich um Loyalität, bat um finanzielle Unterstützung und vermittelte weiter Kontakte.

Selbstzweifel und Loyalität trotz Warnsignalen

2013 schrieb sie selbstkritisch: «Manchmal denke ich, dass ich deine Ghislaine Maxwell aus Paris bin, haha […] Aber: Wenn du vorhast, mit diesen Mädchen zu spielen, dann sei bitte vorsichtig und zieh mich da nicht hinein.»

2014 attestierte sie ihm: «Du bist der talentierteste Psychologe und der gefährlichste Manipulator, dem ich je begegnet bin. […] Du machst es so, dass sie dir im Gegenzug alles geben, was du verlangst.»

Wird es im Epstein-Fall noch zu Anklagen kommen?

Trotz dieser Einsicht brach sie den Kontakt nicht ab. Noch 2019, kurz vor Epsteins Verhaftung, schrieb sie ihm über Reputationsschäden in der Schweiz:

Man werfe ihr vor, «absichtlich und wissentlich indirekt Mädchen in Gefahr» zu bringen. «Es war wohl der Preis, den man für Berkeley zahlt», erklärte sie. Epstein antwortete lediglich: «Unsinn.»

Nach Epsteins Tod bleibt die Rollenfrage offen

Nach seiner Festnahme erkundigte sie sich besorgt: «Jeffrey, geht es dir gut?» Wenige Wochen später starb Epstein in einem New Yorker Gefängnis.

Selnowa liess über eine Anwältin aus Florida gegenüber der NZZ mitteilen, sie sei selbst ein Opfer Epsteins. Eine nähere Begründung blieb aus. Inzwischen arbeitet sie als Unternehmerin und Investorin im Kryptobereich.

Der Fall zeigt, wie in Epsteins Umfeld Grenzen zwischen Täter- und Opferrolle verschwimmen.

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