SBB: Werden im Winter «falsche» Züge ins Wallis geschickt?
Die Züge, die die SBB im Winter ins Wallis schickt, bieten wenig Platz für Gepäck. Nur: In dieser Jahreszeit gibt es viel gepäckreichen Freizeitverkehr.

Das Wichtigste in Kürze
- Richtung Wallis gibt es im Winter viel gepäckreichen Freizeitverkehr auf der Schiene.
- Nur: In zwei der drei SBB-Zugtypen ins Wallis gibt es nur wenig Stauraum für Gepäckstücke.
- Pendler und Touristen klagen über die Probleme, die die begrenzten Gepäckflächen bringen.
Im Winter ist es für Touristinnen und Touristen aus dem In- und Ausland ein beliebtes Reiseziel: Das Wallis.
Dort locken die höher gelegenen Alpen besonders Wintersportfans mit ihren schneesicheren Skigebieten. Unter ihnen beispielsweise Saas Fee, Zermatt oder die Aletsch Arena.
Nur: Die oben genannten Gebiete haben nebst ihrer Schneesicherheit und Beliebtheit noch etwas Weiteres gemeinsam. Sie sind allesamt autofrei.
Das und der Autoverlad am Lötschberg animiert offenbar viele dazu, das Auto stehen zu lassen. Doch die Züge, die die SBB ins Wallis schickt, sind für den teils sehr gepäckreichen und wintersportlastigen Freizeitverkehr nicht ausgelegt.
«Ich wurde von einem Snowboard am Kopf getroffen»
Auf der Inter-City-Strecke durch den Lötschberg verkehren drei verschiedene Zugtypen der SBB. Zwei von ihnen – der «Astoro» und der «IC2000» – bieten kaum Stauraum für grosse Gepäckstücke, Skier und Snowboards. Nur der «EW4» bietet mehr Platz fürs Gepäck.
Das bestätigt auch der «Verkehrs-Club Schweiz» (VCS): «Die einstöckigen Astoro-Neigezüge sind primär für den internationalen Verkehr nach Mailand gedacht. Und daher für grosse Gepäckstücke wie Ski oder Velos tatsächlich eher ungeeignet.»
Zudem habe man in der Vergangenheit Druck auf die SBB gemacht. Und dafür gesorgt, dass «einzelne IC2000-Wagen mit zusätzlichen Gepäckabteilen ausgestattet» wurden. Dies, um mehr Gepäck transportieren zu können.
«Ich wurde von einem Snowboard am Kopf getroffen»
Doch dies scheint nur ein Tropfen auf den heissen Stein zu sein, wie mehrere Lesende von Nau.ch berichten.
Sie klagen über im Gang herumrollende herrenlose Koffer und blockierte Treppen. Und von ganzen Viererabteilen, die durch Gepäck und Skier besetzt sind.

«Ich wurde sogar mal von einem Snowboard am Kopf getroffen, welches von der Gepäckablage fiel», erzählt eine Leserin. Es sei im überfüllten Zug auf einen Koffer gelegt worden und habe ihr schliesslich eine Platzwunde zugefügt.
Glück im Unglück für die Nau.ch-Leserin: Im selben Abteil sass eine Ärztin. Sie band ihr mithilfe eines Schals einen provisorischen Verband, um den Blutfluss zu stoppen.
SBB reagiert mit kleineren Umbauten
Dass die Kundschaft unterwegs ins Wallis unterschiedliche Bedürfnisse hat, weiss man auch bei der SBB. Diese seien «vielfältig und ändern sich je nach Wochentag und Uhrzeit».
Zudem verweist die SBB auf ihren Gepäckaufgabeservice. Mit diesem sei es möglich, Gepäck zu verschicken.
Den unterschiedlichen Kundenbedürfnissen trage man derweil mit dem «vermehrten Einbau von Multifunktionszonen in den Zügen» Rechnung. Doch: «Die unterschiedlichen Kundenanforderungen stehen oft im Spannungsfeld.»
Konkret bedeutet das, dass man für mehr Gepäckstauraum auf Sitzplätze verzichten müsste. Oder umgekehrt, für mehr Ablagefläche Sitzmöglichkeiten einbüssen muss.
46 Prozent mehr Sitzplätze
Von einem «Zielkonflikt» spricht derweil die «Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr Schweiz» (IGöV). Deren Vizepräsident Christoph Wydler erklärt: «Unter der Woche fahren vor allem Leute ohne Gepäck, das ist am Wochenende anders.»
Dem widerspricht eine Nau.ch-Leserin, die täglich aus dem Wallis nach Bern pendelt. Sie berichtet: «Das Gepäckproblem existiert den ganzen Winter durch.»
«Vor allem am Freitag ist es der absolute Horror», erzählt sie. Sogar der letzte Zug in der Nacht sei teilweise noch mit Gepäckstücken vollgestopft.
Doch warum lässt die SBB im Winter dann nicht vor allem den Zugtyp EW4 mit mehr Stauraum verkehren?
Weniger Sitzplätze und nicht behindertengerecht
«Der doppelstöckige IC2000-Wagen hat 46 Prozent mehr Sitzplätze als der EW4», so der VCS.
Und IGöV-Vizepräsident Wydler, selbst gehbehindert, erklärt: «Der Zugtyp EW4 ist nicht behindertengerecht.»

Mindestens ein Zug pro Stunde müsse jedoch mindestens teilweise über einen Niederflureinstieg verfügen. «Deshalb kann die SBB nicht nur den EW4 einsetzen.» Auch nicht nur für den Winter, wenn es viel gepäckintensiven Freizeitverkehr gebe.
Der VCS ergänzt: «Da kein Niederflureinstieg besteht, ist der Einstieg beim EW4 auch für Leute mit Kinderwägen sehr unpraktisch.»























