Repetitions-Alarm in Deutschland – und in der Schweiz?
In einem deutschen Ort bleiben massenhaft Kinder sitzen. Hierzulande gelten Klassenwiederholungen als letzte Option – und kosten trotzdem Millionen.

Das Wichtigste in Kürze
- An einer Grundschule in Gelsenkirchen muss jeder vierte Erstklässler repetieren.
- In der Schweiz bleiben Repetitionsquoten auf relativ tiefem Niveau stabil.
- Pädagogisch gilt Wiederholen als letztmöglicher Weg.
Lehrkräfte in Deutschland schlagen Alarm: An einer Grundschule in Gelsenkirchen (nahe Düsseldorf) müssen 40 von knapp 150 Erstklässlern die erste Klasse wiederholen.
Damit betrifft es mehr als jedes vierte Kind, wie die «WAZ» als erstes berichtete. Bereits im Vorjahr schafften dort 32 Kinder den Übergang in die zweite Klasse nicht.
Im betroffenen Bundesland Nordrhein-Westfalen gilt die sogenannte Schuleingangsphase (SEP). Sie umfasst regulär die ersten zwei Schuljahre, kann aber auf drei Jahre verlängert werden. Ob ein Kind länger in dieser Phase bleibt, entscheiden die Lehrkräfte im Einzelfall.
Hauptgrund für die hohe Zahl sind mangelnde Deutschkenntnisse. Der Stadtbezirk Mitte weist die höchste Zuwanderungsrate in Gelsenkirchen auf.
«Es gibt dort viele Kinder, die noch nicht einmal über das sprachliche Grundgerüst verfügen», betont die Schulleiterin. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse sei ein erfolgreicher Schulstart kaum möglich.
Wie sieht es bei uns aus?
Schweizer Schulen: Stabil tiefe Repetitionsquoten
In der Schweiz ist man von solchen Schreckensszenarien weit entfernt.
Zwar repetieren Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sowie Kinder bildungsschwacher Eltern auch hierzulande überdurchschnittlich häufig.
Zudem gibt es grosse Unterschiede zwischen Sprachregionen (in der Westschweiz wird häufiger repetiert), Kantonen und Gemeinden.
Doch schweizweit gesehen haben sich die Übergangsquoten in der obligatorischen Schule über die letzten Jahre als bemerkenswert stabil erwiesen. Das Bundesamt für Statistik (BFS) berechnet diese Werte auf der Grundlage eines Dreijahresdurchschnitts.

Julie Mancini, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt «Bildungsperspektiven» im BFS, sagt zu Nau.ch: «Vergleicht man die letzten verfügbaren Ergebnisse, d.h. die von 2020-2022 mit denen von 2017-2019, ist sogar ein sehr leichter allgemeiner Rückgang der Repetitionsquote zu beobachten.»
So lag sie etwa auf der Primarstufe 3-8 (3. bis 8. Schuljahr) in den Jahren 2017-2019 bei 1,3 Prozent. Zwischen 2020 und 2022 sank sie auf 1,1 Prozent.
Über die ersten beiden Schuljahre betrachtet liegt die Repetitionsquote laut Bildungsbericht 2023 bei durchschnittlich 2,7 Prozent.
Repetitionen gelten als pädagogisch umstritten
Daraus zu folgern, die Kinder an Schweizer Schulen würden immer klüger, wäre allerdings verfehlt. Der leichte Rückgang ist vielmehr Ausdruck eines pädagogischen Paradigmenwechsels: Klassenwiederholungen gelten mittlerweile als letzte Option.
«Stattdessen werden nicht promovierte Schülerinnen und Schüler vermehrt in ihren angestammten Klassen behalten und mit zusätzlichen Fördermassnahmen gestützt. Bei Bedarf werden auch die Lernziele angepasst.»
Das schreibt die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) gestützt auf eine Kantonsumfrage. Mit «Promotion» ist im Schulkontext der Übertritt in die nächste Klassenstufe gemeint.
«Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die eine Klasse repetieren, nimmt daher vielenorts ab», heisst es weiter.
Dass Repetitionen häufig umstritten sind, liegt zum einen in ihrem fraglichen pädagogischen Nutzen.
Chantal Oggenfuss von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung schreibt dazu im Branchenmagazin «Bildung Schweiz»: «Die Wirkung von Repetitionen gehört zu den ungenügend erforschten Themen.»
Heisst im Klartext: Ob Klassenwiederholungen langfristig bessere Bildungschancen eröffnen oder bestehende Ungleichheiten sogar verstärken, ist nicht abschliessend beantwortet.
Hohe Kosten, geringer nachgewiesener Nutzen
Laut EDK sind Klassenwiederholungen nur sinnvoll nach längeren Abwesenheiten, etwa infolge einer Krankheit, oder wenn ein Entwicklungsrückstand vorliegt.
Zudem würden sich die schulischen Leistungen ohne zusätzliche Unterstützungsmassnahmen mittelfristig meist nicht verbessern. Die Umfrage zeige denn auch, dass nur eine Minderheit der Kantone freiwillige Repetitionen vorsieht.

Hinzu kommt, dass die schulischen «Ehrenrunden» enorme Kosten verursachen: Laut Oggenfuss entstehen dadurch jährlich Mehrkosten von rund 300 Millionen Franken.
In Anbetracht dieser öffentlichen Ausgaben müssten Repetitionen besser untersucht werden, so die Bildungsforscherin.











