Rauchmelder freiwillig – so sicher sind Schweizer Schulen

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Bern,

Einem Schweizer Lehrer ist mulmig zumute, weil es in seiner Schule keine Rauchmelder gibt. Kein Einzelfall – denn der Einbau ist nicht Pflicht.

Schulen
Es gibt keine Statistik dazu, wie viele Schweizer Schulen über Rauchmelder verfügen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach dem verheerenden Brand in Crans-Montana boomt der Verkauf von Brandschutzartikeln.
  • Doch in manchen Schweizer Schulen fehlen Rauchmelder. Lehrer sind besorgt.
  • Experten sind sich uneinig, ob Rauchmelder in allen Bereichen wirklich nötig sind.

Der verheerende Brand in Crans-Montana zeigte, wie schnell Feuer ausser Kontrolle geraten kann.

Seither wurde vielerorts der Brandschutz verstärkt. So gilt ab dem 1. April etwa ein nationales Pyroverbot in öffentlich zugänglichen Räumen.

Auch an der Ladentheke machen sich die Nachwehen der Tragödie mit 41 Todesopfern bemerkbar: Beim Verkauf von Brandschutzartikeln – unter anderem Rauchmelder – geht es steil nach oben.

Doch: Während Brandschutzartikel wie verrückt verkauft werden, fehlen sie an Schweizer Schulen zum Teil weiterhin.

Sekundarlehrer klagt über fehlende Rauchmelder

Besonders in naturwissenschaftlichen Räumen fragen sich Lehrpersonen, ob genug Schutz besteht. Das geht aus mehreren Zuschriften an die Nau.ch-Redaktion hervor.

Der Sekundarlehrer Hans Meier* etwa warnt: «Es ist bedenklich, dass unsere Schule über keine Rauchwarnmelder verfügt. Auch nicht in den Räumen für das Fach Natur und Technik (NT).»

Braucht es in jeder Schule Rauchmelder?

Das sei besonders gefährlich, weil sich ein Brand, etwa durch einen Kurzschluss, unbemerkt entwickeln und schnell eskalieren könne. «Zum Beispiel durch den Umgang mit Sauerstoffflaschen.»

Tatsächlich gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie viele Schulhäuser schweizweit Rauchmelder installiert haben. Eine schweizweite Pflicht gibt es nicht.

Oberste Lehrerin fordert Überprüfung des Brandschutzes

Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), zeigt Verständnis: «Ich kann die Fragezeichen sehr gut verstehen», sagt sie zu Nau.ch.

«Es braucht in meinen Augen zumindest eine Überprüfung, ob lediglich eine Empfehlung hier noch ausreichend oder schon längstens überholt ist.»

Dagmar Rösler
Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerdachverbands LCH. - LCH/Philipp Baer

Denn: «Falls in einem Schulhaus ein Brand ausbricht, wären Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen sehr froh, wenn dieser früh angezeigt würde.»

Wäre Rauchmelder-Pflicht in Schulen unverhältnismässig?

Andrea Morgenthaler-Hassler von der Vereinigung Kantonaler Gebäudeversicherungen (VKG) betont: «Gesetzlich geforderte Brandschutzmassnahmen müssen verhältnismässig sein.»

Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Forderung nach Rauchmeldern in Wohnhäusern nicht verhältnismässig sei.

Bisher gebe es zwar keine Studie zu Schulhäusern. Doch: Da die meisten Brandtoten in Wohnhäusern sterben, scheinen die Forderungen nach Rauchmelder «auch in Schulen nicht verhältnismässig», so Morgenthaler-Hassler.

Rauchmelder in allen Schulen «nicht verhältnismässig»

Eine Umfrage von Nau.ch zeigt: In der Schweiz ist der Schul-Brandschutz überall unterschiedlich organisiert.

Überwiegend liegt die Verantwortung dafür bei den Gemeinden, mit Ausnahme der Kantonsschulen.

Kantone
Für den Brandschutz sind in der Regel die kantonalen Gebäudeversicherungen und die Gemeinden zuständig. (Symbolbild) - keystone

Ergänzt werden die Vorschriften teils durch kantonale Vorgaben. Für Kontrollen sind oft die Gebäudeversicherungen zuständig.

Die Aargauer Gebäudeversicherung sagt etwa, sie überprüfe jedes Jahr rund 900 Gebäude – wie viele Schulhäuser darunter sind, ist unklar.

Bei mehr als der Hälfte gebe es keine Beanstandungen. Wo Mängel auftreten, werden sie behoben.

«Sorge ist ernst zu nehmen»

Im Kanton Solothurn gelten die schweizweit einheitlichen Vorgaben der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen. Dort werden Brandmeldeanlagen systematisch überprüft – Das Hochbauamt testet sie im Abstand von vier bis fünf Jahren.

«Die Sorge des erwähnten Lehrers ist ernst zu nehmen», sagt Rino Curti, Sprecher des Kantons Solothurn.

Er verweist aber auf die Richtlinien für naturwissenschaftliche Fach- und Laborräume. Sie verlangen Einrichtungen wie Lüftungen oder Abzüge – nicht aber Rauchmelder.

NT
In Laborräumen gibt es strenge Schutzkonzepte, aber nicht zwingend Rauchmelder. - keystone

Im Kanton Bern wiederum sind die Gemeinden in der Pflicht. Ergänzend schreiben die Vorgaben des Lehrplans vor, dass Schulen über Notfall- und Krisenkonzepte verfügen müssen.

Die Kantone Basel-Stadt und Zürich erklären, es würden regelmässige Sicherheitsüberprüfungen durchgeführt.

Für sensible Räume gelten klare Vorschriften. Ergänzt werden sie durch Präventionsprogramme wie Notfall-Apps oder Gefahren-Schulungen für Schülerinnen und Schüler.

PH schult Schulen im Umgang mit Gefahrenstoffen

Alexander Kummer, Leiter des Amts für Volksschulen St. Gallen, sagt: «Die Sorge der Lehrperson, dass sich in naturwissenschaftlichen Unterrichts- und Versuchsräumen ein Brand unbemerkt entwickeln könnte, ist nachvollziehbar.»

Er betont, dass die Lagerung von Gasflaschen und ihre technische Wartung überwacht werden. Bei erhöhten Risiken können zusätzliche Bestimmungen angeordnet werden.

Darum sei der Brandschutz in diesen Räumen gewährleistet. Und: «Er wird regelmässig überprüft.»

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Zudem berate beispielsweise die Pädagogische Hochschule St. Gallen Schulen zum kompetenten Umgang mit Gefahrstoffen.

«Entscheid liegt bei Politik»

Die Hersteller und Errichter von Sicherheitsanlagen sehen den Brandschutz an Schweizer Schulen pragmatisch.

Sowohl der Branchenverband SES als auch die Securitas-Gruppe, zu der mehrere auf Brandschutz spezialisierte Unternehmen gehören, fordern keine Rauchmelder-Pflicht.

«Letztlich liegt der Entscheid hierfür bei der Politik», heisst es beim SES.

Feuerlöscher
Beim Thema Brandschutz sind Verallgemeinerungen schwierig. - keystone

Beide betonen, dass Schulen zusätzliche Sicherheit mit Rauch- oder Brandmeldeanlagen selbst umsetzen können.

Heisst also: Rauchmelder sind bisher freiwillig, werden jedoch als sinnvolle Zusatzmassnahme für die Sicherheit betrachtet.

Experten empfehlen Rauchmelder

Die Aargauische Gebäudeversicherung sagt etwa: «Aus Präventionssicht empfehlen wir Rauchmelder.» Die Modelle sollten aber geprüft sein und die Geräte regelmässig getestet werden.

«Zudem ist es immer sinnvoll, für kleine Entstehungsbrände geeignete Löschmittel griffbereit zu haben. Etwa eine Löschdecke oder einen Feuerlöscher», heisst es.

Trotz dieser Brandschutzbestimmungen bleibt für viele Lehrpersonen wie dem Sekundarlehrer Hans Meier* ein mulmiges Gefühl: «Eine frühzeitige Alarmierung durch Rauchmelder würde die Sicherheit aller massiv erhöhen», ist er überzeugt.

* Name von der Redaktion geändert

Kommentare

User #6939 (nicht angemeldet)

Es wird für blöderes Geld ausgegeben darum Rauchmelder obligatorisch in Schulhäusern!

User #6351 (nicht angemeldet)

Was soll passieren, ist ja auch egal ob Jugendliche oder gar Kinder auf dem Schulhof Zigaretten, E-Zigis oder Snus konsumieren, oder 4-6 Stunden täglich am Smartphone verblöden. Da bald alle zu blöd sein werden, um ein Streichholz oder Feuerzeug anzuzünden, besteht dann auch keine Brandgefahr mehr.

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