Heute erscheint «Marathon», das neue Album von Nativ. Obwohl sich der Berner Rapper selber nicht als Aktivist sieht, schafft er es nicht, Fragen zu seiner Musik zu beantworten, ohne über Gerechtigkeit zu sprechen.
Rapper Nativ
Der Schweizer Rapper Nativ posiert am Freitag 22. April 2022 in Biel. - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Thierry Gnahoré, so heisst Nativ mit bürgerlichem Namen, hat sich früh im Leben vorgenommen, nie stehen bleiben zu wollen, den Status Quo immer wieder aufs Neue in Frage zu stellen.

Schon als «halbes Kind», als der heute 28-jährige Musiker sein Album «MVZ Vol.1» veröffentlichte, nahm er Stellung zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Das war 2015, als seine Gedanken noch eher naiv gewesen seien, wie Nativ beim Interview in seiner Wahlheimatstadt Biel erzählt. «Ein bisschen herzig».

Mit der Arbeit am neuesten Album «Marathon» habe er realisiert, wie sehr sich seine Meinung inzwischen geschärft habe, wie viel klarer seine Worte geworden seien. Gleichzeitig werde er immer strenger mit sich selbst. «Ich will kein Heuchler sein, der Wasser predigt und Wein trinkt.» Und auch wenn er in seinem neuen Track «free blanket.» davon spricht, dass manche Menschen immer noch nicht gerne sehen, «wene Typ win ig e Stimm het» - Nativ fühlt sich gehört.

Seine scharfsinnigen Lines waren sogar schon auf Schildern an Antirassismusdemos zu sehen - und Nativ nimmt seine Vorbildfunktion ernst. Trotzdem will er lieber als Rapper denn als Aktivist wahrgenommen werden. «Denn das war ich zuerst: Musiker.»

Nativs Musik von seiner Meinung zu trennen, ist allerdings unmöglich. Im Nachgang zum Interview mit Keystone-SDA wird er selber sagen: «Mit mir kann man einfach wirklich nicht reden, ohne früher oder später auf das Thema Diskriminierung zu kommen.»

Seine Texte handeln schliesslich davon. Sie beschreiben, wie der Sohn einer Schweizerin und eines Ivorers seit seiner Kindheit immer wieder mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert war. In «L.» beschreibt Nativ im Namen aller, die davon betroffen sind, seinen nicht zu unterdrückenden Groll darüber. Wie er manchmal «zwüsche wüetig si u nur no wöue truure» kaum mehr atmen könne.

Im Gespräch aber lässt sich Nativ nicht von seinen negativen Gefühlen leiten. Im Gegenteil, er denkt weiter, über die Wut hinaus. «Man muss aufpassen, dass man vor lauter Toleranz fordern nicht intolerant wird», sagt er. Wer Wut und Hass beobachte, dagegen anrede und dennoch nichts bewirken könne, entwickle mit der Zeit eine eigene Form von Aggression. «Und wenn man diese kultiviert, dann wird man zu genau dem, was dazu führt, dass die Welt nicht funktioniert.»

Ungerechtigkeiten und die Tatsache, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen so lange hinziehen, fressen den «Empathen» Nativ zuweilen nahezu auf. In «introspect.» beschreibt er seinen psychischen Zustand in Zeiten, in denen sich seine Liebsten um ihn gesorgt haben. Aber er geht auch auf die Gegenmittel ein. Das Meditieren zum Beispiel, das ihm hilft, Dinge anders zu sehen.

Wirkungsvoll seien zudem Gespräche mit Menschen, die einem das Gefühl geben, mit seinen Gedanken nicht alleine zu sein, sagt der Musiker. Und sieht dabei seinen ebenfalls anwesenden Manager Jojo Schulmeister an, der zu seinen engsten Vertrauten gehört. Ausserdem habe er ein neues Album produziert. «Ich habe meine schlechte Energie kanalisiert und etwas Gutes daraus gemacht.»

Und nicht nur das: Nativ hat sich Zeit genommen, mehr als auch schon. Früher habe er seine Musik viel schneller veröffentlicht, habe Ideen weniger lang reifen lassen, bevor er sie dem Publikum unterbreitete. «Diesbezüglich habe ich mich beruhigt.» Alles auf «Marathon» sei genau so, wie er es langfristig haben wolle.

Mit «Marathon» hat sich Nativ gewissermassen selber porträtiert. So zumindest scheint es nach einem längeren Gespräch mit dem Mundartrapper. Denn im Interview wie auf den Album geht es nicht nur um Wut über Ungerechtigkeit und das Böse in der Welt. Es geht auch sehr oft um Liebe, Familie (in «1932-2020.» speziell um seinen verstorbenen Grossvater), überhaupt die Gemeinschaft. Es geht um Hoffnung und wie man sie findet.

Nativ hilft diesbezüglich der Blick in die Vergangenheit. «Die meisten Probleme, die wir heute haben, haben wir nicht erst seit gestern», sagt er. Es gebe auch nicht erst seit gestern Menschen, die sich gegen Ungerechtigkeiten und für eine bessere Welt einsetzen.

Deren Errungenschaften zu würdigen, lohne sich: «Sie haben viel erreicht und vor allem haben sie bis heute durchgehalten.» Wenn es so weitergehe, dann wage er durchaus auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Oder wie er in «Lucid.», dem letzten Song auf dem Album sagt: «Im beschte Fau erläb i no der beschti Fau, im beschte Fau geits gar nüm lang.»

Mehr zum Thema:

Energie Wasser Liebe Hass Musiker