Plastik statt Qualität: Luxusmode unter Beschuss
Wer Luxusmode kauft, glaubt oft auch an eine bessere Qualität. Doch: Immer öfter wird auch sie mit billigen und synthetischen Materialien hergestellt.
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Das Wichtigste in Kürze
- Luxusmode wird immer öfter auch aus synthetischen Stoffen gemacht.
- Dass billige Materialien eingesetzt werden, nervt die Kundschaft.
- Bei Nau.ch erklärt der Stilexperte: Das kann einer Marke schaden.
Sie gilt als teuer und qualitativ hochwertig, ist ein Zeichen für guten Geschmack und ein Statussymbol: die Luxusmode.
Wer Gucci, Chanel oder Prada tragen will, muss zuweilen tief in die Tasche greifen. Ein einfaches Kleid kann ohne Probleme mit einem vierstelligen Betrag zu Buche schlagen.
Doch wer viel bezahlt, erwartet auch viel Leistung. Beispielsweise die Langlebigkeit des Kleidungsstücks, eine faire und ethische Produktion. Oder edle Materialien.
Nur: Genau das scheint bei Luxusmode immer weniger der Fall zu sein. Die Preise bleiben jedoch hoch.
Besonders augenfällig sind dabei die Materialien, die bekannte Luxusmarken verwenden. Sie setzen bei ihrer Mode immer wieder auf synthetische Stoffe – also Materialien, die künstlich hergestellt wurden.
Diese Synthetik-Materialien werden teils auf Erdölbasis hergestellt oder bestehen aus den gleichen Stoffen wie Plastik. Zu allem Überfluss gelten sie in vielen Fällen als günstiges Ersatzprodukt natürlicher Stoffe.
Ein hoher Preis steht nicht zwingend für gute Qualität
Das prangert auf Instagram auch die Influencerin und Aktivistin Milla Kozak an. Und moniert in einem Beitrag: «Tausende von Dollars für synthetische Stoffe wie Nylon, Polyester – und ein Luxuslabel.» Der Post erhält über 100’000 Likes.
Sie läuft dabei durch ein Kaufhaus, hält Preisschilder in die Kamera, und zeigt die Deklaration des Materials. Bei Versace sieht das dann so aus: 4390 US-Dollar für ein Abendkleid aus synthetischen Stoffen. Bei Alaïa kostet ein Kleid aus Polyamid und Elastan (beides sind aus Erdöl hergestellte Kunststoffe) 1300 Dollar.
In der Kommentarspalte sind sich viele einig: «Es ist nur Marketing, lasst euch nicht blenden.» Und: «Wahrer Luxus ist Seide, Wolle, etc.»
Wie dieser Preis gerechtfertigt wird und warum auch hochpreisige Modelabel auf günstige synthetische Stoffe setzen, wollte auch Nau.ch wissen. Eine Anfrage bei den betreffenden Marken ist hängig.
Kann man bei Luxusmode also gar nicht mehr von guter Qualität ausgehen und bezahlt am Ende nur für den Markennamen?
Gegenüber Nau.ch meint Stilberater Jeroen van Rooijen dazu: «Die Frage nach einem Zusammenhang zwischen hohen Preisen und der Qualität lässt sich heute leider nicht mehr eindeutig beantworten.»
«Das Topsegment ist unter Druck und muss seine Preise rechtfertigen»
Theoretisch dürfe man von einem Luxuslabel nach wie vor eine Top-Qualität erwarten, die dem Preis der Produkte entspreche. Doch: «Der Unterschied zwischen gehobener Massenware und Luxusartikeln ist oft nicht mehr so gross, dass der massive Preisaufschlag gerechtfertigt wäre.»

Man zahle für etwas anderes als für die Materialien und die Verarbeitungsqualität, so van Rooijen. Nämlich für «Marketing, Designer, exklusive Boutiquen oder teure Models».
Zudem sei es auch so: «Die Mode der Mitte hat Fortschritte gemacht, deswegen ist das Topsegment unter Druck beziehungsweise muss seine Preise immer öfter rechtfertigen.»
«Es kann den Ruf einer Marke beschädigen, wenn bei der Materialqualität gespart wird»
Van Rooijen betont aber auch, dass synthetische Materialien nicht automatisch «billig» oder minderwertig seien.
Denn: «Es gibt hoch ausgereifte synthetische Garne und Stoffe, die enorm innovativ und angenehm zu tragen sind.» Es gebe gar Designs, die sich nur durch synthetische Materialien realisieren liessen. So beispielsweise die «exquisite» Faltenmode der Marke Issey Miyake.

Der Stilberater meint jedoch auch: «Wenn Luxusmarken für Produkte, die aus Wolle, Baumwolle oder Seide sein sollten, günstigere Kunstfasern verwenden, dürfen sie dafür kritisiert werden.»
Das sei keine gute Praxis, so van Rooijen. «Und es kann den Ruf einer Marke beschädigen, wenn bei der Materialqualität gespart wird.» Insbesondere dann, wenn synthetische Stoffe zum Einsatz kommen würden, wo man eigentlich exklusive Naturfasern erwarten dürfte.
Raffiniertes Erdöl und Plastik statt Naturfasern
«Das ist nicht gut für eine Marke. Darum wird oft mit beschönigenden Wörtern wie ‹veganes Leder›, ‹cashmere feel› oder ‹silk touch› gearbeitet.» Dies, um zu suggerieren, Es handle sich um Naturprodukte.
Aber: «Tatsächlich wurde raffiniertes Erdöl beziehungsweise einfach Plastik verwendet», moniert van Rooijen. Und warnt: «Eine informierte Kundschaft goutiert so was nicht und wendet sich ab.»
Natürlich gebe es aber auch Kundinnen und Kunden, denen die Qualität egal sei. Sie seien nur am Hype um die Marke interessiert. Doch: «Dies sind aber oft nicht die loyalsten Kunden – Wer das in Kauf nimmt, riskiert langfristig den Absturz.»
«Je stiller eine Marke auftritt, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie gute Sachen herstellt»
Van Rooijen erklärt: «Für mich persönlich ist Material- und Verarbeitungsqualität noch immer eines der wichtigsten Kriterien. Sowie natürlich die Passform und das Tragegefühl.»
Erst danach komme für ihn die Frage, ob eine Marke zu ihm passe, so der Stilexperte. Auch wenn dies auch ein Nichtkauf-Kriterium sein könne.

Denn: «Marken, die in ihrer gesamten Ausstrahlung und Kommunikation nicht zu meinen Idealen passen, würde ich nicht kaufen. Auch dann nicht, wenn sie exquisite Stoffe und Schnitte anbieten.»
Als Faustregel für jene, die gute Qualität kaufen wollen, rät van Rooijen, folgendes zu beachten: «Je stiller eine Marke auftritt, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie gute Sachen herstellt.» Denn: «Wer das drauf hat, braucht nicht herumzuschreien.»















