Noten-Lotterie: Schweizer Schüler werden unterschiedlich bewertet

Stephan Felder
Stephan Felder

Olten,

Während manche Schüler regelmässig Noten erhalten, sehen andere ihre Leistungen erst im Zeugnis. Experten erklären die Folgen.

Prüfung
Prüfungen werden fast überall geschrieben, nicht überall gibt es dafür aber Noten. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Schulen entscheiden oft selbst, ob während des Schuljahrs Noten vergeben werden.
  • Experten sehen in Noten Vorteile bei Orientierung und Vergleichbarkeit.
  • Für den Lernprozess seien individuelle Rückmeldungen aber oft wertvoller als Ziffernnoten.

Gleicher Kanton, gleiche Lehrpläne – und trotzdem völlig unterschiedliche Schulwelten.

Manche Kinder schreiben regelmässig benotete Prüfungen. Andere erhalten über das ganze Schuljahr keine einzige Note. Erst das Zeugnis zeigt, wo sie stehen.

Im Kanton Solothurn etwa erhalten Kinder ab der 3. Klasse Zeugnisnoten. Ob während des Schuljahrs zusätzlich benotete Tests und Prüfungen geschrieben werden, ist jedoch von Schule zu Schule unterschiedlich geregelt.

Schulen haben grossen Spielraum

Denn: Die einzelnen Schulen verfügen bei der Beurteilung ihrer Schülerinnen und Schüler über einen grossen Spielraum. Laut Schweizer Lehrerverband gilt dies sowohl für die Anzahl der Prüfungen als auch für die Frage, ob diese benotet werden.

«Die Festlegung der Anzahl an Prüfungen während des Schuljahres fällt in den Bereich der pädagogischen Beurteilungsphilosophie der einzelnen Schule.» So erklärt es Beat Schwendimann, Leiter Pädagogik beim Lehrerinnen- und Lehrerverband Schweiz (LCH).

Kantonale Vorgaben würden meist lediglich minimale oder maximale Leitplanken setzen. Die Schulleitungen sorgten anschliessend dafür, dass innerhalb einer Schule eine gewisse Vergleichbarkeit gewährleistet werde.

Das erklärt, weshalb Kinder selbst innerhalb desselben Kantons sehr unterschiedliche Erfahrungen machen können: Während die einen regelmässig Noten nach Prüfungen erhalten, setzen andere Schulen stattdessen stärker auf Gespräche, Rückmeldungen und Lernberichte.

Noten schaffen Orientierung

Ganz ohne Vorteile sind klassische Schulnoten aus Sicht der Experten aber nicht.

«Ziffernnoten bieten eine ökonomische Verdichtung von Informationen und erfüllen eine gesellschaftliche Selektionsfunktion», sagt Schwendimann.

Zudem erleichterten sie den Übergang zwischen Schulstufen, weil weiterführende Schulen standardisierte Vergleichsmöglichkeiten verlangten.

Wie stehst du zu Schulnoten?

Auch für Eltern seien Noten ein vertrautes Orientierungsmuster.

Bildungsexperte Christoph Kohler sieht ebenfalls praktische Vorteile: «Leistungen von Schülerinnen und Schülern mit einer Zahl zu beurteilen und bewerten hat primär einen organisatorischen Vorteil: Sie sind schnell, einfach und im Sinne einer scheinbaren Sicherheit klar.»

Wer regelmässig benotete Prüfungen schreibe, könne seine Leistungen zudem besser einschätzen. Und wisse meist genauer, wo er im Vergleich zur Klasse stehe.

Experten sehen pädagogische Schwächen

Trotzdem: Schulnoten sind immer weniger verbreitet. Und zwar mit gutem Grund: Beide Fachleute weisen deutlich auf Grenzen der klassischen Notengebung hin.

«Gegen Ziffernnoten spricht die mangelnde Aussagekraft über den individuellen Lernprozess», sagt Schwendimann.

Wissenschaftliche Untersuchungen würden zeigen, dass Noten die tatsächliche Kompetenzentwicklung nur unzureichend abbilden.

Schule Noten
Der Fokus auf Noten kann den Lernerfolg der Kinder beeinträchtigen. - keystone

Zudem könne der Fokus auf Zahlen die Lernmotivation beeinträchtigen. «Er begünstigt ein rein selektionsorientiertes Lernverhalten anstelle eines nachhaltigen Wissenserwerbs.»

Noch deutlicher formuliert es Kohler: «Der entscheidende Nachteil von Noten ist, dass sie Lernen oft auf Leistung und Vergleich reduzieren.»

Viele Schülerinnen und Schüler würden dadurch nicht aus Interesse lernen, sondern schlicht für die nächste Bewertung. «Das schwächt Motivation, verstärkt Druck und trifft besonders jene hart, die ohnehin mit schwierigeren Voraussetzungen starten.»

Die Zukunft gehört den Rückmeldungen

In der Bildungspolitik zeichnet sich laut Schwendimann seit Jahren eine Entwicklung hin zu sogenannten formativen Beurteilungen ab. Dabei stehen Rückmeldungen zum laufenden Lernprozess im Vordergrund und nicht nur die abschliessende Bewertung.

Mit dem Lehrplan 21 habe sich der Fokus stärker auf Kompetenzen verschoben. Entsprechend würden viele Schulen heute mit Lernberichten, Kompetenzrastern, Portfolios oder strukturierten Standortgesprächen arbeiten.

Lehrplan 21
Der Lehrplan 21 verschiebt den Fokus stärker auf Kompetenzen. - keystone

Auch Kohler hält diesen Weg für sinnvoll. «Ideal ist eine Beurteilung, die Lernen sichtbar macht statt Schülerinnen und Schüler zu sortieren.»

Potenzial- und talentorientierte Rückmeldungen würden zeigen, was bereits gelinge, wo Entwicklung möglich sei und welcher nächste Lernschritt anstehe. «Pädagogisch sind differenzierte individuelle Rückmeldungen deutlich wertvoller als eine einzelne Note.»

Einheitliche Regeln? Nicht unbedingt mehr Noten

Dass Gemeinden und Schulen beim Umgang mit Noten heute relativ autonom sind, betrachtet Kohler nicht grundsätzlich als Problem. Wünschenswert sei jedoch ein gemeinsames Verständnis darüber, wie Lernen beurteilt wird.

Sollten hinsichtlich Noten an allen Schulen die gleichen Regeln gelten?

«Sinnvoll wäre eine gemeinsame Linie für eine faire, verständliche, zukunftsgerichtete und lernförderliche Lern- und Entwicklungsstandserfassung», sagt er.

Dabei gehe es nicht darum, Noten um ihrer selbst willen zu erhalten. Entscheidend sei vielmehr, dass Schülerinnen und Schüler als Persönlichkeiten mit individuellen Stärken und Potenzialen wahrgenommen würden.

Zwischen Orientierung und Überraschung

Für Familien bedeutet das: Je nach Schule erleben Kinder ihren Alltag sehr unterschiedlich. Die einen erhalten regelmässig Noten und erleben damit auch mehr Prüfungsdruck.

Die anderen lernen weitgehend ohne Ziffernbewertungen. Wissen dafür aber oft erst mit dem Zeugnis, wie ihre Leistungen offiziell eingestuft werden.

Kommentare

User #4930 (nicht angemeldet)

Kinder sollte nicht konservative Meinungen in der Schule vertretten ?

User #5407 (nicht angemeldet)

Wie viele sind CH- Bürger ?

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