«Pflegende Angehörige opfern sich oft bis zur Erschöpfung auf»

    Olivier Diethelm
    Olivier Diethelm

    Olten,

    Der Entlastungsdienst Aargau-Solothurn unterstützt betreuende Angehörige und Betroffene im Alltag. Manuela Blättler gehört zu den rund 300 Mitarbeitenden.

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    Die Betreuungspersonen des Entlastungsdienstes bieten individuelle Unterstützung. - zVg

    Seit zehn Jahren arbeitet Manuela Blättler für den Entlastungsdienst Aargau/Solothurn. Was als Zufall begann, entwickelte sich für die ehemalige Detailhandelsangestellte aus Oftringen zu einer Berufung.

    Den Einstieg fand sie über eine Freundin, die ihr Kind mit schwerer Beeinträchtigung begleitete.

    «Sie fragte mich, ob ich als persönliche Assistenz arbeiten möchte. Das habe ich zwei Jahre gemacht, bis das Kind leider verstorben ist. Danach habe ich mich beim Entlastungsdienst beworben. So hat sich das alles ergeben», erinnert sie sich.

    Jeder Tag ist anders

    Genau diese Vielseitigkeit macht ihre Arbeit für Manuela Blättler bis heute spannend.

    «Mein Arbeitsalltag ist sehr individuell auf die einzelnen Klientinnen und Klienten abgestimmt. In den vergangenen zehn Jahren habe ich ganz unterschiedliche Menschen begleitet – einige nur wenige Monate, andere seit meinem ersten Arbeitstag.»

    Manuela Blättler
    Manuela Blättler übt den Beruf beim Entlastungsdienst mit viel Freude, Herz und Engagement aus. - zVg

    Die Aufgaben sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Manuela erledigt Einkäufe, hilft beim Haushalt, kocht gemeinsam mit ihren Klientinnen und Klienten oder begleitet sie auf Spaziergängen und Ausflügen.

    Mit anderen spielt sie Gesellschaftsspiele, liest vor oder sitzt einfach bei einer Tasse Kaffee zusammen. «Manchmal braucht es gar nicht viel. Einfach da sein, zuhören und sich Zeit nehmen bedeutet vielen Menschen bereits sehr viel.»

    Gleichzeitig entlastet sie Angehörige, damit diese einmal durchatmen, Termine wahrnehmen oder etwas Zeit für sich haben können. Medizinische Betreuung oder Körperpflege gehören hingegen nicht zum Angebot des Entlastungsdienstes – diese Aufgaben übernimmt die Spitex.

    Selbstständig planen und nah bei den Menschen sein

    Aktuell betreut Manuela Blättler ausschliesslich ältere Menschen zwischen 70 und 93 Jahren.

    Eine Klientin lebt noch allein in ihrem Haus und freut sich über Unterstützung im Haushalt. Eine andere begleitet sie regelmässig auf Ausflügen.

    Zudem entlastet sie eine Mutter, die ihre an Multipler Sklerose erkrankte Tochter seit vielen Jahren pflegt. Früher begleitete sie auch Kinder mit und ohne Beeinträchtigung, etwa wenn Eltern nach einer Operation Unterstützung brauchten.

    Die Termine organisiert sie gemeinsam mit ihren Klientinnen und Klienten. «Ich schätze es sehr, dass ich meine Einsätze zeitlich flexibel und selbstständig organisieren kann. Das kommt mir sehr entgegen.»

    Bis auf Ferien- oder Krankheitsvertretungen begleitet sie stets dieselben Menschen. Das schafft Verlässlichkeit und Vertrauen.

    Vertrauen wächst mit der Zeit

    Gerade zu Beginn brauche es manchmal Geduld. «Die grösste Herausforderung ist, Vertrauen aufzubauen und die Bedürfnisse kennenzulernen.»

    Manche Menschen seien anfangs zurückhaltend. «Später freuen sie sich über mein Kommen. Das zeigt mir, dass ich vieles richtig mache.»

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    Nicht nur Erwachsene – auch Kinder werden betreut. - zVg

    Mit den Jahren entstehen oft enge Beziehungen. «Mit einigen Klientinnen und Klienten habe ich eine fast freundschaftliche Beziehung aufgebaut. Viele wachsen mir mit der Zeit ans Herz.»

    Trotzdem sei Professionalität wichtig. «Man kommt den Menschen nahe und fühlt mit ihnen mit. Aber ich habe gelernt, eine gesunde Distanz zu wahren. Das eine schliesst das andere nicht aus.»

    Dass die Chemie stimmen muss, weiss sie aus Erfahrung. «In zehn Jahren gab es nur einen einzigen Einsatz, bei dem es nicht gepasst hat.»

    Die Vermittlerinnen des Entlastungsdienstes würden die Mitarbeitenden und ihre Stärken gut kennen und die Einsätze entsprechend zuteilen.

    Hilfe rechtzeitig annehmen

    Immer wieder kommt es vor, dass Betroffene oder Angehörige zu lange versuchen, alles allein zu bewältigen. «Viele Menschen haben Mühe, Hilfe anzunehmen. Irgendwann geht es aber nicht mehr, alles alleine zu schaffen», sagt Manuela Blättler.

    «Besonders pflegende Angehörige opfern sich oft bis an die Grenze der Erschöpfung auf. Das muss nicht sein.» Wer Unterstützung benötigt, meldet sich bei der regional zuständigen Vermittlerin des Entlastungsdienstes.

    Hast du selbst schon einmal einen Angehörigen betreut oder gepflegt?

    In einem persönlichen Gespräch werden die Bedürfnisse abgeklärt und eine passende Betreuungsperson vermittelt. Die Kosten tragen in der Regel die Klientinnen und Klienten selbst.

    Je nach persönlicher Situation bestehen jedoch Finanzierungsmöglichkeiten, beispielsweise über die Hilflosenentschädigung oder die Ergänzungsleistungen.

    Dank Spenden kann der Entlastungsdienst seine Tarife zudem tief halten. Bei kleinem Einkommen ist ausserdem eine Tarifreduktion möglich.

    Für Manuela Blättler steht fest, weshalb sie diese Arbeit seit einem Jahrzehnt mit Begeisterung ausübt: «Bei diesem Beruf – oder besser gesagt dieser Berufung – bin ich mit Leib, Herz und Seele dabei.»

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in der «Neuen Oltner Zeitung» erschienen.

    Dieser Artikel ist zuerst in den «Aarauer Nachrichten» erschienen.

    Kommentare

    User #1707 (nicht angemeldet)

    Pflegende Angehörige sollen etwas erhalten, aber ohne die Profi Abzocker Firmen, welche überall Werbung machen. Da geht wieder viel Geld bei der Krankenkasse drauf, als Profit für diese. Ich habe meine Mutter etwa 4 Jahre neben meiner Arbeit gepflegt. Ich musste mein Arbeitspensum auf 80% senken und trotzdem konnte ich kaum noch. Meine Tage gingen von morgens um halb sechs bis abends um neun. Das ist auf Dauer nicht auszuhalten. Freizeit keine mehr.

    User #6484 (nicht angemeldet)

    Diese Szene ist massgeblich verantwortlich für die hohen Prämien. Kein Ausbau für diese Szene.

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