Neuer Trend: Influencer enthüllen Realität hinter gestellten Fotos
Ein neuer Social-Media-Trend setzt auf Ehrlichkeit. Kein Zufall: «Authentizität ist heute zu einer wichtigen sozialen Norm geworden», sagt ein Experte.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein neuer Trend sorgt für mehr Authentizität auf Social Media.
- User enthüllen die manchmal eher ernüchternde Realität hinter schönen Fotos.
- Das ist Zeitgeist, erklärt ein Experte. Authentizität wird immer wichtiger.
Ein neuer Trend auf Social Media macht die Runde: Der Hashtag «btw». Vor allem junge Nutzerinnen und Nutzer sowie Influencer auf Instagram sind Fan davon. «btw» steht für «By the Way» und bedeutet so viel wie «übrigens».
Influencer veröffentlichen dabei Bilder oder Videos, die mit kurzen Aussagen über ihre Persönlichkeit geschmückt werden. Zum Beispiel: Ihr Aussehen, ihre Unsicherheiten, Gewohnheiten oder Lebenserfahrungen.
Manchmal wird auch die Realität hinter gestellten, schönen Fotos enthüllt.

Die deutsche Influencerin Diana Zur Löwen schreibt etwa zu einem Bild, auf dem sie fröhlich posiert, ganz nebensächlich: Sie habe – «by the way», also «übrigens» – 20 Minuten nach dem Foto geweint. Grund dafür sei ein Mann.
Die Beiträge sind oft persönlich und reichen von selbstironischen Bemerkungen bis hin zu intimen Geständnissen. Der Trend hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten stark verbreitet.
Generationenforscher: Trend ist authentisch
Auf Nachfrage von Nau.ch erklärt Generationenforscher und Psychologe Rüdiger Maas das Phänomen: «Die Nutzer teilen echte Erfahrungen oder Unsicherheiten, wählen diese aber bewusst aus und präsentieren sie in einem sozialen Kontext.»
Dadurch entstehe «Authentizität», die heutzutage wichtiger denn je sei für Social-Media. Somit sei der Trend weder «Ehrlichkeit noch reine Selbstdarstellung», sondern authentisch.
Den «btw»-Trend könne man zu Entwicklungen wie «De-Influencing» oder «Real-Life-Content» zählen, quasi ein Gegentrend zur perfekten Instagram-Fassade.
«De-influencing», also «ent-influencen», ist ein Trend, bei dem User übermässigen Konsum kritisieren. Dabei raten sie zum Beispiel davon ab, konkrete Produkte, die nicht wirklich nötig sind, zu kaufen.
Beim «Real-Life-Content» (Deutsch etwa: realistischer Inhalt) teilen Nutzer auch die wenig glamourösen Seiten ihres Lebens.
Verschiedene Influencer und Influencerinnen machen bei dem Trend mit. «Ich habe 3 Stunden geschlafen», kommentiert eine Influencerin zu einem Foto von ihr auf einer Bühne. Ein anderer beschreibt als Notiz neben einem Fahrstuhl-Spiegel-Selfie seine Aufregung vor dem ersten Arbeitstag.
Authentizität ist Zeitgeist
«Persönliche Informationen werden heute deutlich selbstverständlicher online geteilt als von früheren Generationen», sagt Maas.
Die Generation Z entstigmatisiere psychische Krankheiten. So sinkt laut Maas auch die Hemmschwelle, diese öffentlich zu machen. Durch diese geteilten Erfahrungen entstünden neue Gemeinschaften.
Das Fazit des Forschers: «Wer Unsicherheiten öffentlich macht, signalisiert Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen.»
Und: Der Trend könne als Mischform verstanden werden. Die Inhalte seien tatsächlich oft ungefiltert und persönlich. Jedoch werde bewusst ausgewählt, welche Inhalte gepostet werden.
Ganz authentisch ist damit auch der «by the way»-Trend nicht.
Normalos teilen weniger und konsumieren mehr «hochpolierte» Inhalte
Patric Raemy, Journalismus-Forscher und Social-Media-Experte der Universität Freiburg, erklärt bei Nau.ch: «In den letzten Jahren hat eine einschneidende Transformation von klassischen sozialen Netzwerken hin zu sozialen Medien stattgefunden.»
Heute gehe es nicht mehr um Vernetzung – sondern um den Konsum von Inhalten. Dies führe dazu, dass User weniger Inhalte teilen, sondern mehrheitlich «hochpolierten Content» von Influencern konsumieren würden.
Der «btw»-Trend sei einerseits ein willkommener Gegentrend und konzentriere sich stärker auf menschliche Emotionen und alltägliche Sorgen.
Andererseits solle man vorsichtig bleiben mit der Annahme, dass nun Ehrlichkeit und Menschlichkeit die sozialen Medien dominieren würden.
Raemys Rat: «Präsentiere dich online immer nur so, wie du dich auch offline präsentieren würdest.» Ehrlichkeit sei gut, aber das hiesse nicht, dass man all seine Schwachstellen öffentlich teilen müsse.
Abschliessend mahnt der Experte noch einmal zur Vorsicht: Eine Online-Plattform sei nicht zwingend der richtige Ort, um intime Erfahrungen und Emotionen zu teilen.













