Nau.ch-Bilder zeigen Invasion von Fischfresser-Vogel
Vollständig verkotete Bäume am Neuenburgersee sorgen für Aufsehen. Es gibt Stimmen, die warnen, dass Kormorane die angeschlagenen Fischbestände weiter belasten.
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Das Wichtigste in Kürze
- Rund ein Drittel der Kormoran-Paare in der Schweiz lebt am Neuenburgersee.
- Bei Estavayer-le-Lac FR gibt es eine starke Zunahme der Nester.
- Fischer warnen, dass die Vögel die Fischbestände zusätzlich bedrohen können.
- Die Vogelwarte sagt hingegen: Der Mensch, nicht die Vögel sind die Gefahr.
Am Ufer des Neuenburgersees nahe Estavayer-le-Lac FR ereignet sich diese Tage ein Naturschauspiel. Für Begeisterung sorgt dieses aber nicht bei allen.
Es gibt einen Abschnitt mit weissen Bäumen. Bei näherer Betrachtung wird klar: Die Bäume sind vollständig zugekotet.
Kormorane haben sich eingenistet – zu Hunderten fliegen sie aus den Bäumen und wieder zurück.
«Problematisch»: Kormoran-Bestände besorgen die Fischer
Beim Betrachten der Nau.ch-Aufnahmen sagt Jérémie Carrel, Vizepräsident des Freiburgischen Verbands der Fischervereine FVF:
«Die Bilder zeigen eindrücklich, welche Dimension diese Bestände mittlerweile erreichen können. Aus Sicht der Fischerei beobachten wir diese Entwicklung aufmerksam und mit Sorge.»
Im Hitze-Sommer 2026 haben es Fische in Schweizer Gewässern schwer. Rekord-hohe Wassertemperaturen, manche Flüsse führen kaum Wasser, es kommt zu Umsiedlungen.
«Ein hoher Kormoranbestand stellt in solchen Situationen eine zusätzliche Belastung dar», sagt Carrel.
«Besonders problematisch» könne der Kormoran dort sein, wo sich viele Vögel auf ein begrenztes Gebiet konzentrieren. Und auf bereits geschwächte oder empfindliche Fischbestände trifft.
1,5-Meter-Vogel verspeist halbes Kilo Fisch pro Tag
Der Kormoran ist ein Fischfresser. Täglich braucht der Vogel mit bis zu 1,5 Metern Flügelspannweite 300-500 Gramm Fisch zum Überleben.

Trotzdem relativiert Livio Rey, Biologe von der Vogelwarte Sempach, die Ängste.
«Ein Einfluss des Kormorans auf die Bestandsentwicklung von Fischbeständen in Seen konnte wissenschaftlich bisher nicht nachgewiesen werden. In der Roten Liste der Fische von 2022, publiziert vom Bafu, wird der Kormoran nicht einmal als Gefahr für die Fische genannt.»
Vogelwarte nimmt den Menschen in die Pflicht
Dass es den Fischen heute so schlecht gehe, liege an menschengemachten Problemen, so Rey. So etwa die Verbauung und Zerstörung von Fliessgewässern, dem Einsatz von Dünger, Pestiziden und Medikamenten, Mikroplastik, Wasserkraftnutzung oder Klimaerhitzung.
Schweizweit seien 2025 etwas über 3600 Brutpaare gezählt worden. Ein Drittel davon am Neuenburgersee (1200 Brutpaare).
Nau-Bilder: «Starke Zunahme der Nester»
Rey zu den Nau.ch-Bildern: «Tatsächlich gab es bei Estavayer eine starke Zunahme der Nester, dafür in anderen Kolonien am Neuenburgersee einen Rückgang.»

Insgesamt habe sich der Brutbestand des Kormorans am Neuenburgersee im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert. Zahlen zum Jahr 2026 gibt es noch nicht, die Brutzeit ist noch im Gange.
Durchzügler führen zu Schwärmen mit 1000 Vögeln
Adrian Aebischer, Wissenschaftler beim Amt für Wald und Natur des Kantons Freiburg, bestätigt: Zwar nahm der Brutbestand am Neuenburgersee zwischen 2003 und etwa 2018 «markant» zu. Seither habe er sich stabilisiert. Es handle sich um eine einzige Kormoran-Population.
Auch am benachbarten Murtensee gebe es keinen zunehmenden Trend. Durchzügler erfasse man nicht systematisch.
«Im frühen Herbst kommt es gelegentlich vor, dass auf dem Neuenburger- oder auf dem Murtensee für ein paar Tage oder zwei oder drei Wochen grosse Schwärme erscheinen.»
Diese könnten auch mal 1000 Vögel umfassen. Bilder der weissen Bäume gebe es immer wieder.
Tiefe Pegel können Fische leichtere Beute machen
Aebischer bezeichnet Kormorane als «ausgeprägte Opportunisten». Heisst: «Sie fressen jene Fische, die ihnen von der Grösse her am besten zusagen. Und jene Fische, die für sie am einfachsten erreichbar sind.»

Wenn aufgrund der Trockenheit Fische an Fliessgewässern nur noch an wenigen Stellen vorkommen und Kormorane dort einfallen, können sie den dortigen Bestand gefährden.
«Allerdings begeben sich Kormorane im Regelfall dorthin, wo es viele Fische hat», so Aebischer. Und es gebe weit bedeutendere Probleme als den Kormoran.
Bald beginnt die Kormoran-Jagd
Der Kormoran ist in der Schweiz saisonal jagbar. Im Kanton Freiburg wurden in der Jagdzeit 2025/2026 101 Kormorane abgeschossen. Die Jagd beginnt wieder am 1. September.
Fischer Carrel fordert, dass getroffene Massnahmen regelmässig auf ihre Wirksamkeit bezüglich Kormoran-Ausbreitung überprüft werden müssen.
«Sollte sich zeigen, dass die bestehenden Massnahmen nicht ausreichen, sollten weitere gezielte und verhältnismässige Schritte geprüft werden können.»
Darum haben Abschüsse kaum Einfluss auf Brutbestand
Rey findet, die Politik müsse Rahmenbedingungen setzen, um den bedrohten Fischen zu helfen: Lebensräume im grossen Stil aufwerten, Gewässerverschmutzungen unterbinden und den Klimawandel bekämpfen.
«Diese Massnahmen sind zwar viel aufwändiger als Kormorane abzuschiessen. Sie sind aber langfristig die einzige Möglichkeit, die reichhaltige Fischfauna der Schweiz zu erhalten.»

Aebischer kann noch nicht voraussagen, wie viele Kormorane in der kommenden Jagdsaison geschossen werden. Jedoch dürften die herbstlichen und winterlichen Abschüsse keinen grossen Einfluss auf den Brutbestand haben.
Denn: «Ein markanter Teil unserer Brutvögel verbringt den Winter anderswo.»
Viele Kormorane, die im Herbst und Winter bei uns auftauchen, sind Vögel, die aus nördlicheren Gegenden stammen.
Drohnen gegen Kormorane am Bodensee
In der Schweiz wurden verschiedene Massnahmen ergriffen, um die Vermehrung von Kormoranen einzudämmen. Etwa am Bodensee, wo die Kantone St.Gallen und Thurgau im Frühling an einem Pilotprojekt involviert waren.
Mitarbeitende des Agrarministeriums Baden-Württemberg liessen vor der Halbinsel Mettnau (D) eine Drohne zu den Baumkronen am Seeufer aufsteigen. Wo Kormorane ihre Nester haben. Dort wurden die Eier der schwarzen Vögel mit Öl benetzt.
«Diese Behandlung soll die weitere Entwicklung der Eier unterbinden und so den Bruterfolg des Kormorans am Bodensee eindämmen. Sowie in der Folge den Frassdruck auf gefährdete Fischarten durch weniger Kormorane senken.» Das schrieb das Ministerium für Ernährung des Bundeslandes Baden-Württemberg in einer Mitteilung.
















