Mietauto-Kunden ärgern sich über fragwürdige Kratzer-Rechnungen

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Zürich,

Immer mehr Mieter bestreiten nachträgliche Forderungen für Schäden. KI-Scanner könnten Streitfälle künftig weiter verschärfen, warnen Konsumentenschützer.

Autovermieter
Aufgepasst bei Autovermietungen. Hier können viele Fallen lauern. - Depositphotos

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach Mietwagenreisen erhalten Kunden oft strittige Schadenrechnungen.
  • Der Konsumentenschutz sieht darin teils einen neuen Umsatzzweig.
  • Neue KI-Scanner könnten das Problem zusätzlich verschärfen, warnen Konsumentenschützer.
  • Firmen betonen hingegen, die neuen Systeme führten zu mehr Transparenz.

Das Auto ist zurückgegeben, die Reise vorbei. Ein paar Tage später flattert eine Rechnung ins Haus: Für einen Kratzer, eine Delle oder einen anderen Schaden am Mietwagen.

Der Kunde bestreitet, ihn verursacht zu haben. Doch die Firma bleibt bei ihrer Forderung. Mitunter wird der Betrag direkt von der Kreditkarte abgebucht.

Auf Bewertungsportalen wie Trustpilot häufen sich derzeit solche Schilderungen – auch aus der Schweiz. Sie betreffen verschiedene bekannte Anbieter wie Europcar, Hertz, Sixt, Avis oder Enterprise-Alamo.

Betroffene berichten von Vorschäden, die ihnen nach der Rückgabe verrechnet worden seien. Von fehlenden Belegen. Von Fotos, auf denen kaum etwas erkennbar sei. Von Übernahmeprotokollen, die sie nicht vollständig hätten einsehen können.

Konsumentenschutz sieht mehr Beschwerden

Bei der Stiftung für Konsumentenschutz melden sich Kundinnen und Kunden oft wegen solcher Fälle. «Die Beschwerden haben in den letzten Jahren klar zugenommen», sagt Rechtsexpertin Livia Kunz gegenüber Nau.ch.

Dabei gehe es nicht nur um Anbieter oder Geschäftsstellen in der Schweiz, sondern auch um ausländische Mietwagenfirmen.

Der typische Streitpunkt: Nach der Rückgabe wird ein Kratzer oder eine Beule beanstandet, die der Mieter oder die Mieterin nicht bemerkt hat. Die Firma behauptet dann nachträglich, der Schaden sei erst bei einer genaueren Prüfung entdeckt worden.

Kunz äussert sich deutlich: «Es scheint, als würden diese nachträglichen Forderungen einen zusätzlichen Umsatzzweig für Mietwagenfirmen darstellen.» Viele dieser Rechnungen seien vermutlich ungerechtfertigt.

Mietwagenfirmen müssen Schäden belegen

Entscheidend sei die Beweislage. Bestreitet eine Kundin oder ein Kunde den Schaden, sei der Anbieter in der Pflicht. Er müsse belegen können, dass der Schaden bei der Übernahme noch nicht vorhanden war und nach der Rückgabe tatsächlich bestand.

«Erfahrungsgemäss können diese Beweise durch die Mietwagenfirmen oft nicht erbracht werden», sagt Kunz. Das halte sie aber nicht davon ab, auf der Forderung zu beharren.

Auch dem TCS sind solche Konflikte bekannt. Sprecher Marco Wölfli erklärt: «Aus den Schadenfällen wissen wir, dass es häufig zu Unstimmigkeiten kommt, ob ein Schaden tatsächlich durch den Mieter verursacht wurde.»

Wichtig sei deshalb eine möglichst vollständige Dokumentation der Vorschäden bei der Übernahme. Denn: «Nach Erfahrung des TCS entstehen die meisten Konflikte wegen unzureichend ausgefüllter Übergabeprotokolle», so Wölfli.

KI-Scanner sollen Schäden automatisch erkennen

Während es hierzulande bisher vor allem um klassische Streitfälle geht, ist die Debatte in den USA bereits einen Schritt weiter. Dort setzen Mietwagenfirmen an grossen Flughäfen vermehrt KI-gestützte Kamerasysteme ein.

Fahrzeuge fahren bei Abholung und Rückgabe durch Scannerbögen. Kameras erfassen den Wagen innert Sekunden. Software vergleicht die Bilder und markiert mögliche Kratzer, Dellen oder Farbabweichungen.

KI-Scanner
KI-Systeme sollen Autos künftig genauer dokumentieren, bergen laut Konsumentenschützern aber auch neue Fehlerrisiken. Bild: KI-gestützter digitaler Fahrzeugscanner von Hertz. - UVeye

Das soll die Rückgabe schneller und objektiver machen. Doch US-Medien berichten auch von Kundinnen und Kunden, die nach einem solchen Scan Rechnungen für Schäden erhielten, die sie bestreiten.

Verbraucherschützer warnen, dass bereits kleinere Abweichungen wie Schmutz oder Wasserflecken als mögliche Schäden gemeldet werden könnten.

Europcar scannt Autos am Flughafen Zürich

In der Schweiz steht diese Entwicklung noch am Anfang. Vereinzelt kommt die neue Technologie aber bereits zur Anwendung.

So setzt Europcar seit Oktober 2025 am Flughafen Zürich einen stationären Fahrzeugscanner ein. Dieser erstellt bei jeder Ein- und Ausfahrt Bildmaterial des Fahrzeugs.

Laut Europcar verfügt das System zwar über Funktionen zur KI-gestützten Bildauswertung. «Diese werden jedoch nicht für die automatische Schadenserkennung, Schadenbewertung oder Entscheidungsfindung eingesetzt», betont Sprecher Martin Helg gegenüber Nau.ch.

Europcar
Laut Europcar hat die zusätzliche Bilddokumentation nicht zu mehr Beanstandungen geführt. - AFP/Archiv

Die Bilder dienten ausschliesslich dazu, den Zustand des Fahrzeugs bei Ein- und Ausfahrt zu dokumentieren. Die eigentliche Schadenprüfung erfolge weiterhin durch Mitarbeitende, sagt Helg. «Eine automatische Entscheidung über Schadenfälle erfolgt nicht.»

Falls ein möglicher Neuschaden festgestellt werde, würden die vorhandenen Unterlagen geprüft, insbesondere die Bildaufnahmen vom Mietbeginn.

«Sehr viele positive Rückmeldungen»

Kundinnen und Kunden, die durch den Scanner fahren, erhalten laut Europcar beim Erstellen des Mietvertrags einen Link zu allen Fotos. Bei einer nachträglichen Schadensforderung würden zudem die relevanten Unterlagen zugänglich gemacht: Mietvertrag, Rückgabe- oder Schadenprotokoll, Bildmaterial und Kostenaufstellung.

Mehr Beanstandungen wegen bestrittener Schäden habe Europcar seit Einführung des Systems nicht festgestellt. Im Gegenteil: Man habe «sehr viele positive Rückmeldungen» von Kunden erhalten, die die vollständige Erfassung des Fahrzeugzustands schätzten, sagt Helg.

Hattest du schon einmal Probleme mit einem Autovermieter?

Auch Hertz betont, die neuen Systeme sollten ein früheres manuelles und uneinheitliches Verfahren objektiver und transparenter machen. Zudem würden keine Schäden angerechnet, die für das menschliche Auge unsichtbar seien.

«Nur bei rund drei Prozent aller Vermietungen kommt es zu verrechenbaren Schäden», hält Sprecherin Emily Spencer gegenüber Nau.ch fest. Hertz setze KI-gestützte digitale Fahrzeugprüfungen derzeit nur in den USA ein.

Mieter sollen Auto selbst dokumentieren

Auch der TCS sieht in den automatisierten KI-Scannern Chancen. Digitale Systeme könnten die Qualität von Übergabe- und Rückgabeprotokollen verbessern. Das gelte aber nur, wenn die Technik ausgereift und zuverlässig sei, sagt Sprecher Wölfli.

Der Konsumentenschutz sieht dagegen auch Risiken. Falls Dreck, Wasserflecken, Reflexionen oder kleinste Abweichungen als Schaden markiert würden, könne dies zu «falschen» Beweisen zugunsten der Vermieter führen.

Für Mieterinnen und Mieter bleibt deshalb der wichtigste Rat derselbe wie bisher: Den Zustand des Autos selbst dokumentieren.

Konsumentenschutz und TCS empfehlen, bei der Übernahme genügend Zeit einzuplanen. Kratzer und Dellen sollten penibel im Übernahmeprotokoll festgehalten und das Auto rundherum gefilmt werden, auch bei der Rückgabe.

Am besten bei gutem Licht – nicht nur im dunklen Parkhaus.

Kommentare

User #2056 (nicht angemeldet)

Eine Pre-Paid KK nutzen und vor der Rückgabe sie noch schnell leerkaufen.

User #4839 (nicht angemeldet)

Wieso ist die Topstory ein Nebenschauplatz?

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