Mehr Allergiker: Verschreibungen gegen Pollen steigen stark
Wärmere Temperaturen verlängern die Pollensaison in Europa spürbar. In der Schweiz nehmen Verschreibungen und Verkäufe von Allergiemitteln deshalb stark zu.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Pollensaison beginnt früher, dauert länger und wird teils intensiver.
- 2024 erhielten deutlich mehr Menschen Allergie-Medikamente auf Rezept als noch 2014.
- Apotheken melden 2026 einen deutlichen Anstieg bei Heuschnupfenmitteln.
- Sie beraten öfter zu stärkeren Therapien und komplexeren Beschwerden.
Die Pollensaison beginnt früher, dauert länger und wird teilweise intensiver. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle Lancet Countdown Europe 2026, der klimabedingte Gesundheitsrisiken untersucht. Seit den 1990er-Jahren hat sich der Pollenflug in Europa demnach um ein bis zwei Wochen verlängert.
Der Grund liegt in der Erwärmung: Höhere Temperaturen lassen Bäume wie Birke, Erle oder Olive früher blühen, mehr CO₂ kurbelt die Pollenproduktion zusätzlich an.
Für Allergikerinnen und Allergiker bedeutet das: Mehr Tage mit laufender Nase, juckenden Augen, Niesen oder Atembeschwerden. Was früher oft als kurzes Frühjahrsproblem galt, zieht sich heute vielerorts über deutlich längere Zeit hin.
Medikamentenzahlen schiessen in die Höhe
In der Schweiz schlägt sich diese Entwicklung inzwischen deutlich in den Gesundheitsdaten nieder. Das zeigen exklusive Zahlen, welche die Helsana für Nau.ch ausgewertet hat.
Die grösste Schweizer Krankenkasse mit 1,53 Millionen Grundversicherten untersuchte die Verschreibungen von Allergie- und Asthma-Medikamenten zwischen 2014 und 2024.
Erfasst wurden unter anderem Antihistaminika, kortisonhaltige Nasensprays, spezifische Immuntherapien sowie ausgewählte Asthma-Medikamente.
Die Resultate sprechen eine deutliche Sprache: Bereinigt um das Bevölkerungswachstum stieg die Zahl der Verschreibungen von Allergie- und Asthma-Medikamenten von 4732 auf 5483 pro 10’000 Einwohner. Das entspricht einer Zunahme von 16 Prozent.
Zugleich wuchs der Anteil der Bevölkerung mit mindestens einer solchen Verschreibung von 19 auf 22 Prozent.
Besonders stark zugenommen haben entzündungshemmende Nasensprays. Ihre Verschreibungen stiegen von 1041 auf 1410 pro 10’000 Einwohner. Das entspricht einem Plus von rund 35 Prozent.
Auch Antihistaminika legten deutlich zu: Von 1484 auf 1835 Verschreibungen pro 10’000 Einwohner, also um rund 24 Prozent.
Prozentual am stärksten wuchs die spezifische Immuntherapie, also die Desensibilisierung. Die Zahl der Verschreibungen stieg von 64 auf 120 pro 10’000 Einwohner. Das ist fast eine Verdoppelung, allerdings auf deutlich tieferem Niveau als bei Tabletten oder Nasensprays.
Apotheken erleben jetzt den Heuschnupfen-Ansturm
Was die Helsana-Zahlen über zehn Jahre zeigen, spüren die Apotheken derzeit täglich: Heuschnupfenmittel gehen in der laufenden Pollensaison deutlich häufiger über den Ladentisch.
Isabelle Brunner, Geschäftsführerin der Lindenapotheke, sagt: «Wir sehen einen klar relevanten Anstieg der Nachfrage nach Allergiemitteln.»
Zwar habe die Gruppe ihr Filialnetz in den letzten Jahren ausgebaut. Bereinigt um diesen Effekt sei das Wachstum von 2024 auf 2025 aber bei rund zehn Prozent gelegen. Von 2025 auf 2026 liege es aktuell sogar bei etwa 30 Prozent.
«Die diesjährige Pollensaison macht sich damit sehr deutlich in unseren Verkaufszahlen bemerkbar», so Brunner.
Auch über mehrere Jahre betrachtet zeige die Kurve nach oben:
«Die Nachfrage nach Allergiemitteln nimmt insgesamt zu, und die Pollensaison beginnt tendenziell früher und dauert länger. Zudem stellen wir fest, dass sich die Nachfrage weniger auf eine kurze Hochphase konzentriert, sondern sich über mehrere Monate erstreckt.»

Auch Galenica, zu der Apotheken-Ketten wie Sun Store oder Amavita gehören, beobachtet im laufenden Jahr eine frühe Belebung des Geschäfts.
Sprecherin Tanja Clément hält fest: «Die Nachfrage nach Allergiemitteln ist in unseren Apotheken in den letzten Monaten gestiegen – früher als im Vorjahr.» Der Anstieg stehe üblicherweise mit den Wetterbedingungen in Zusammenhang.
Die Versandapotheke Zur Rose beobachtet ebenfalls einen früheren Beginn und tendenziell eine längere Dauer der Allergiesaison. «Entsprechend führt dies auch bei uns zu einer früheren und hohen Nachfrage nach verschiedenen Allergie-Medikamenten», sagt Sprecher Simon Marquard.
Die Apotheken kassieren nicht einfach – sie stemmen mehr Arbeit
Und dennoch: Als reine Profiteure des Klimawandels wollen sich die Apotheken nicht verstanden wissen.
Laut dem Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse führt die verlängerte und intensivere Pollensaison zwar zu mehr und länger anhaltenden Beschwerden.
«Aber: Apotheken ‹profitieren› nicht im eigentlichen Sinne, sondern übernehmen mehr Versorgungsarbeit, Beratung und Verantwortung», sagt Sprecher Gregory Nenniger.
So nimmt es auch Lindenapotheke-Chefin Brunner wahr. Der Bereich der Selbstmedikation mit Beratung in der Apotheke nehme deutlich zu. «Viele Patientinnen und Patienten suchen gezielt Unterstützung bei der Auswahl und Kombination geeigneter Präparate», sagt Brunner.
Eine wichtige Rolle spiele dabei die Möglichkeit, bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente im Rahmen der erweiterten Abgabe direkt in der Apotheke abzugeben. Dadurch könnten Patientinnen und Patienten niederschwellig und rasch versorgt werden, so Brunner.

Laut Pharmasuisse ist die Beratung dadurch strukturierter, umfassender und therapeutischer geworden. Nenniger sagt: «Apotheken klären nun systematisch ab, wie stark die Beschwerden sind, wie lange sie anhalten und welche Therapien bereits eingesetzt wurden.»
Längere Beratungen und klarere Triage
Das führe dazu, dass wirksamere Therapien, etwa kortisonhaltige Nasensprays, gezielter und früher eingesetzt würden.
Zugleich nähmen komplexere Fälle zu. «Apotheken sehen vermehrt Patienten, deren Heuschnupfen nicht auf ein einzelnes Symptom beschränkt ist. Sondern bei denen Atembeschwerden, asthma-ähnliche Symptome oder chronische Augenprobleme hinzukommen», so der Pharmasuisse-Sprecher.
Die Folge seien längere Beratungen und eine klarere Triage: Was kann die Apotheke begleiten, wann braucht es eine ärztliche Abklärung?













