Wie ist es, Schweizer Filme Jahrzehnte später nochmals anzusehen? Wie aktuell sind sie noch? «Dreissig Jahre» von Christoph Schaub erschien 1989. Eine Spurensuche mit dem Regisseur - zwischen Smartphone, Freundschaft und Nostalgie.
Einen Film nach Jahrzehnten noch einmal zu schauen sei, als würde man alte Bekannte treffen, meint der Zürcher Regisseur Christoph Schaub.
Einen Film nach Jahrzehnten noch einmal zu schauen sei, als würde man alte Bekannte treffen, meint der Zürcher Regisseur Christoph Schaub. - sda - Keystone/ENNIO LEANZA
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Das Wichtigste in Kürze

  • Da kommt einer der Protagonisten am Abend nach Hause und fragt seinen Mitbewohner: «Hat jemand versucht, mich anzurufen?» So war das damals, Ende der 80er-Jahre.

Keine Smartphones, keine ständige Erreichbarkeit, sondern Telefone mit einem Kabel in der Wand, die auch mal ins Leere läuteten.

Die Szene stammt aus «Dreissig Jahre», dem Film des Zürcher Regisseurs Christoph Schaub. Erzählt wird, gleichsam Komödie und Drama, die Geschichte von Franz, Thomas und Nick – Freunde seit Jugendjahren und nun WG-Kollegen. Alle werden sie 30 und fragen sich: Wie ist das mit unseren Träumen und Plänen? Gibt es einen Platz zwischen Unbekümmertheit und Lebensernst?

Die Kommunikationstechniken haben sich seit dem Entstehungsjahr 1989 revolutioniert, thematisch hat sich aber nicht vieles verändert. Nach knapp 90 Filmminuten ist klar: Die zentralen Fragen bleiben die gleichen. Vielleicht für immer.

Anruf bei Christoph Schaub: «Sind Filme über Freundschaften altersloser als andere Werke, weil Fragen der Freundschaft die Zeit überdauern?» «Ja», sagt der heute 64-Jährige im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Was Menschen in Freundschaften umtreibt, was sie beschenkt und was ihnen Angst macht, ist universell und zeitlos.» Natürlich mache das Umfeld etwas aus und sicher hätten sich Freundschaften vor 100 Jahren anders konstituiert. Aber: «Das Grundbedürfnis bleibt gleich», so Schaub. «Man sucht eine Heimat in einem anderen Menschen.» Und jede und jeder habe ja Freunde und sei selber Freundin oder Freund.

In «Dreissig Jahre», der eben durch Filmo restauriert wurde und nun auf den Streamingportalen Cinefile und Play Suisse greifbar ist, geht es um Aufbruch und Umbruch. Neues wird ausprobiert, Neues soll entstehen. Der Blick ist nach vorne gerichtet. Die drei Männer wollen Spuren hinterlassen.

Wie ist es, eigene Filme 20, 30, 40 Jahre nach der Entstehung nochmals zu sehen? Schaub sagt: «Es ist, als würde man alte Bekannte wieder treffen.» Es sei ähnlich wie bei Menschen: Man sei neugierig, wie sie auf einen wirken nach der langen Zeit. Manche seien einem dabei näher als andere.

Grundsätzlich schaut sich Schaub seine früheren Werke aber ohne äusseren Anlass, eine Retrospektive zum Beispiel, ein Festival oder wenn er – wie bei Bruno Ganz oder Matthias Gnädinger – gebeten werde, einen Nachruf zu schreiben, nur ganz selten an. «Ich lebe nach vorne gerichtet», sagt er. Abgeschlossenes sei abgeschlossen. Er wisse, dass Kolleginnen und Kollegen von ihm das anders handhaben und aus alten Werken Kraft zögen. Er sei nicht im Alten verhaftet. Ausserdem sei ein Wiedersehen auch immer mit Ängsten verbunden: «Fühlt sich die Sache noch so stimmig an wie damals?»

Um Stimmigkeit geht es auch in «Dreissig Jahre»: Um die Stimmigkeit von Lebensentwürfen, (Liebes)beziehungen, Ansichten. Diese dringende, manchmal gar bedrängende Frage: Wie kann ich authentisch bleiben?

Schaub klingt im Gespräch so, als könne er gut loslassen. Stimmt dieser Eindruck? «Man muss unterscheiden», sagt er. Von Orten und Dingen könne er sich tatsächlich relativ gut trennen. Anders sei es, wenn es um Menschen gehe. «Wenn Liebesbeziehungen oder Freundschaften enden, tue ich mich schwer. Mein Kopf und mein Herz sind noch lange besetzt, ich mache mir viele Gedanken», so Schaub.

In «Dreissig Jahre» spielen vor allem Männer mit – ebenso in seinem Erstlingswerk «Wendel». Unterscheiden sich Männerfreundschaften von Frauenfreundschaften oder gemischtgeschlechtlichen Freundschaften? «Nicht sehr», sagt Schaub. Um dann zu präzisieren: Doch, es gäbe wohl leicht andere Themen und er empfinde Männerfreundschaften mitunter als kompetitiver.

Für «Dreissig Jahre» habe er sich vor allem für diesen Fokus entschieden, weil er einen Gegenpol zu Frauenfreundschaften habe schaffen wollen. «Viel wurde damals gesagt, dass Frauen miteinander weiter und zuverlässiger sind in Freundschaften, dass sie einander näher sind als Männer. Das war in dieser Zeit die polemische Interpretation.» Er habe mit diesem Film den Männerfreundschaften die gleiche Wertigkeit und Wichtigkeit geben wollen.

Wie würde er denn heute einen Film über Freundschaften machen? Christoph Schaub lacht: «Vielleicht mit drei Männern, die pensioniert werden und zurückblicken auf die Abzweigungen und Abkürzungen, die Enttäuschungen und Entbehrungen, die Begegnungen und die Freuden, die ihr Leben zu dem gemacht haben, was es geworden ist.» Er empfinde es als einfacher, im gleichen Alter zu sein wie die Protagonisten seiner Filme. «Ich weiss einfach am besten Bescheid über das Alter, in dem ich gerade selber bin.»

Deshalb sei immer auch vieles von ihm in seinen Geschichten – «wenn auch nicht immer bewusst». Schaub erzählt, dass jemand einen Freund von ihm gefragt hätte, wie er denn sei, dieser Christoph Schaub. Und sein Freund habe geantwortet: «Schau die Filme von ihm, dann weisst Du es.»

Heisst, mit Blick auf «Dreissig Jahre»: Christoph Schaub ist ein zugeneigter, interessierter, politischer, humorvoller und kämpferischer Mensch.

Zurück zum Telefon mit Kabel in der Wand. Kommen da nostalgische Gefühle auf? Empfindet sich Schaub als Melancholiker? Wieder lacht der Regisseur: «In jungen Jahren gibt es mehr Raum dafür. Man lässt sich treiben, löst sich auf in der Zeit. Man zelebriert die Trauer, den Weltschmerz und die Sehnsucht, suhlt sich gar darin. Das fällt mit zunehmendem Alter eher weg.» Diese Auflösung von Zeit und Ort, dieses Schweben, erlebe er jetzt noch bei langen Zugreisen. «Aber», ergänzt Schaub, «ich habe diese Seite durchaus noch in mir – sie ist einfach gedämpfter, nicht mehr so dominant wie bei Franz, Thomas und Nick im Film.»

*Dieser Text von Raphael Amstutz, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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