«Lernzeit geht verloren»: Hitzewelle überrollt Schulen
Temperaturen über 30 Grad heizen Schulzimmer extrem auf. Regulärer Unterricht ist dann nicht mehr möglich. Der Lehrerverband warnt vor Lerndefiziten.

Das Wichtigste in Kürze
- Viele Schulhäuser sind schlecht vor Hitze geschützt, was den regulären Unterricht verunmöglicht.
- Bei langen Hitzewellen gehe wertvolle Lernzeit verloren, warnt der Lehrerverband.
- Bildungspolitikerinnen fordern Massnahmen.
Klassenzimmer drohen in der aktuellen Hitzewelle zum Backofen zu werden. «Viele Schweizer Schulbauten sind auf sommerliche Überhitzung ungenügend vorbereitet.»
Dies sagt Dr. Beat A. Schwendimann zu Nau.ch.
Laut dem Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) besteht deshalb dringender Handlungsbedarf.
Grosse Glasflächen, unzureichende Dämmung und geringe thermische Speichermasse lassen die Räume morgens schnell aufheizen. Vor allem in älteren Bauten wird es unerträglich heiss.
Bis zu 42 Grad im Klassenzimmer
Dramatisch ist die Situation in Baselbieter Klassenzimmern. Am Mittag liegen die durchschnittlichen Temperaturen bereits bei 30 Grad, teilweise sogar bei 36 Grad.
Nachmittags klettert das Thermometer auf bis zu 42 Grad. Dies zeigen Messungen, die der Lehrpersonenverband in Basel-Landschaft im Sommer 2023 an 38 Schulen durchführte.
Zeitweise über 26 Grad heiss ist es in allen untersuchten Gebäudetypen in Montreux und Locarno. Dies ergeben Messungen des Bundesamts für Umwelt zwischen 2019 und 2021.
Mindestens bis Mitte der kommenden Woche bringt die Hitzewelle Temperaturen von 33 Grad und mehr. In einem Positionspapier fordert der LCH verbindliche Grenzwerte für den Unterricht. Demnach sollen Lehrpersonen den regulären Unterricht ab einer Innentemperatur von 30 Grad aussetzen.
Badibesuch statt Schule
Der Leiter Pädagogik warnt vor Lerndefiziten und gesundheitlichen Folgen.
Bei solch hohen Temperaturen könne nur noch Betreuung stattfinden, sagt Schwendimann. Dadurch gehe bei langen Hitzewellen wertvolle Lernzeit verloren. «Dies führt zu einer Reduktion der Lernfortschritte.»
Den Unterricht in die Badi oder den Wald zu verlegen, klingt einfacher als gedacht. Dies seien nur kurzfristige Lösungen, sagt Schwendimann. Erstreckt sich eine Hitzewelle über mehrere Tage oder Wochen, braucht es langfristige Lösungen für regulären Unterricht.
Grund dafür ist, dass zum Beispiel die Laborausrüstung für den MINT-Unterricht (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) nicht kurzerhand an einen kühleren Ort gezügelt werden kann. «Zudem kann man nicht eine ganze Schule mit hunderten von Kindern in den Wald oder die Badi schicken.»
Laut Schwendimann gilt es auch zu bedenken, dass in der Badi oft eine noch höhere Hitze- und Strahlenbelastung droht.
«Kann bis zu Hitzekollaps führen»
Bildungspolitikerinnen beschäftigt die Situation in den heissen Klassenzimmern. «Man ist in den Schulen für das Ausmass der Hitze nicht ganz eingerichtet», sagt FDP-Nationalrätin Bettina Balmer.
Es sei wichtig, dass die Schulen entsprechende bauliche Massnahmen umsetzten. «Als Übergangslösung können Ventilatoren oder allenfalls auch portable Klimaanlagen helfen.»
Die Fachärztin für Kinderchirurgie weiss gut, dass Kinder im Unterricht bei hohen Temperaturen leiden.
«Ist es im Zimmer zu heiss, ist Kopfweh oder Schwindel oft die erste Reaktion», sagt Balmer. Die Leistungsfähigkeit sinke und das Unwohlsein nehme zu. «Dies kann bis zu einem Hitzekollaps führen.» Besonders gefährdet seien Kinder mit Grunderkrankungen.
In vielen Kantonen stehen die Schülerinnen und Schüler vor Notenschluss. Lehrpersonen sollten flexibel reagieren, findet Balmer. «Anstatt eine Prüfung in der Bruthitze zu machen, verschiebt man sie besser in den frühen Morgen», sagt sie. «Oder lässt sie ausnahmsweise einmal fallen.»
Schulen müssten Räume suchen
Der LCH fordert eine gezielte Sanierungsoffensive in den Schulhäusern. Auch energieeffiziente Raumkühlung aus erneuerbaren Energiequellen solle zum Einsatz kommen. Dies, sofern passive Massnahmen wie Beschattung oder Lüften nicht ausreichen.
Infolge des Klimawandels nähmen die Hitzewellen seit einigen Jahren zu, sagt SP-Nationalrätin Simona Brizzi. «Dies stellt die Schulen vor grosse und neue Herausforderungen.»
Viele Gemeinden haben laut Brizzi Massnahmen ergriffen oder eingeleitet. «Dies dauert aber zum Teil länger, gerade wenn es um bauliche und klimaangepasste Sanierungen geht.»
Deshalb sei es wichtig, auch kurzfristige und organisatorische Massnahmen zu ergreifen. «So könnte der Unterricht für einzelne Klassen auch in anderen Räumlichkeiten oder ausserhalb des Schulhauses stattfinden.» Dies sei mindestens für eine klar begrenzte Zeit möglich.

















