Stadt Zürich

«Laut»-Kritik: US-Touris flüstern und sprechen Schweizer nicht an

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Zürich,

Nach Corona strömten US-Touristen nach Europa. Das Gewerbe jubelte – doch die Bevölkerung lästerte über die Lautstärke der Gäste. Das scheint Folgen zu haben.

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Sorgen wegen ihrer Lautstärke für Spott: Amerikanische Touristen in Europa. - Quelle: TikTok/@mollyydonkinn

Das Wichtigste in Kürze

  • US-Touristen sind in Europa – auch in der Schweiz – beim Gewerbe oft beliebt.
  • Sie kaufen gerne Souvenirs und geben viel Trinkgeld.
  • In der Bevölkerung sorgte jedoch die Lautstärke der Amis für Spott.
  • Auf Tiktok gingen nach Corona immer wieder Videos über laute US-Touris viral.
  • Das hat nun Folgen – die Gäste nehmen sich zurück. Einige flüstern sogar in der Beiz.

Wir erinnern uns: Als die Corona-Massnahmen endgültig gelockert wurden, strömten US-Amerikanerinnen und -Amerikaner in Scharen in die Schweiz und nach Europa.

Das Phänomen bekam im Sommer 2022 in den USA sogar einen Namen: «Revenge travel», zu Deutsch: «Rache-Reisen». Man wollte die wegen Corona verlorene Zeit aufholen – und auch weite und teure Reisen machen.

Wenig später, im Jahr 2024, ging in den USA auf Tiktok, Instagram und Co. der «europäische» Sommer-Lifestyle viral. Unter dem Schlagwort «European Girl Summer» schwärmten junge Amerikanerinnen vom mediterranen Lebensgefühl.

Hast du dich auch schon über Touris in der Schweiz geärgert?

Viele zeigten sich mit fluffigen Croissants in Frankreich, in Sommerkleidern an griechischen Stränden oder Pasta-schlürfend in Italien.

In Europa – inklusive der Schweiz – klingelten die Tourismus-Kassen.

Laut der Beherbergungsstatistik des Bundes stieg 2022 die Nachfrage nach Schweiz-Reisen in Amerika am deutlichsten. Heute sind Gäste aus den USA die zweitgrösste Gruppe an ausländischen Touristen in der Schweiz.

Kennen keine Zimmerlautstärke? US-Touris ernten Spott

Im Gewerbe sind die vergleichsweise spendablen US-Touris beliebt. Doch in der normalen Bevölkerung sorgen sie – wie wohl alle Touristinnen und Touristen – auch mal für Kopfschütteln.

Schon kurz nach der ersten grossen US-Touri-Welle nach Corona kamen aus Europa immer mal wieder Spott und Häme.

Viral gingen etwa Videos von US-Amerikanerinnen, die fürs Gehen in Frankreich, Italien oder der Schweiz trainierten. Sie seien es sich aus dem Heimatland nicht gewohnt, grössere Strecken zu Fuss zurückzulegen.

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«Ich mache jeden Tag 10'000 Schritte bis zu meinen Europa-Ferien», erklärt diese Amerikanerin. Sie habe gehört, man müsse hier viel mehr laufen. - TikTok/@hillairexdawn

Ähnlich viel Gespött gab es für die angeblich fehlende Zimmerlautstärke bei Gesprächen der US-Touris.

Zahlreiche Videos fluteten die sozialen Netzwerke, die zeigten, wie man die amerikanischen Gäste schon höre, bevor man sie sehe. Oft filmen sich User beispielsweise beim gemütlichen Znacht in einem Restaurant – inklusive amerikanischen Hintergrundgeräuschen.

Eine Frau schreibt zu solchen Aufnahmen: «Wunderschönes Abendessen, aber alles, was ich hören kann, ist eine laute Amerikanerin.»

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Hier ärgert sich jemand auf Tiktok über laute Amerikaner beim Znacht in Italien. - Quelle: Tiktok/@theathletemedic

Eine andere nimmt – ebenfalls beim Znacht – «laute Amerikaner» auf und fügt ein Emoji hinzu, das die Augen verdreht.

Wieder eine sitzt im Zug und klagt: Nicht einmal ihre «Noise Cancelling»-Kopfhörer, die Hintergrundgeräusche eigentlich ausblenden sollten, nützten gegen die Amis.

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Diese Frau nervt sich darüber, dass sie die Amerikaner selbst durch ihre «Noise Cancelling»-Kopfhörer hört. - Quelle: Tiktok/@leonievelders

Nun scheinen die vielen spöttischen und hässigen Videos Folgen zu haben.

Jetzt wird geflüstert

US-Amerikanerin Jessamyn Graves lebt seit ihrem achten Lebensjahr in Zürich und ist heute im Vorstand des Zürcher Quartiervereins Riesbach. Zürich ist die Schweizer Stadt, in der die meisten Touris übernachten – Graves ist also sehr vertraut mit US-Tourismus.

Zu Nau.ch sagt Graves: «Ich habe den Eindruck, dass Reisende aus den USA sich heute mehr Mühe geben, nicht aufzufallen, als früher.»

Findest du Amerikaner zu laut?

Da sie selber aus den USA komme, spreche sie häufig US-Reisende an, wenn sie sie als solche erkenne. Daher kommt auch ihr Eindruck, wie Graves erklärt.

«Im Gegensatz zu früher beginnen solche Gespräche zwischen mir und US-Touristinnen und -Touristen mehr auf meine Initiative hin als früher. Daraus leite ich ab: Reisende aus den USA sind eher stiller als lauter geworden.»

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«Amerikanische Touristen, wenn du versuchst, friedliche Ferien zu geniessen»: Auch diese Instagram-Nutzerin scherzt über laute Amis. - Quelle: Instagram/@itskimskye

Dazu passt auch eine Anekdote aus der Toskana. Dort staunte eine Schweizer Touristin kürzlich über das Verhalten ihrer Tischnachbarinnen in einer kleinen Beiz, wie sie bei Nau.ch schildert: «Es waren vor allem wir Schweizer und andere Europäer dort, alle sprachen in normaler Lautstärke. Ausser zwei Frauen mit US-Akzent – sie flüsterten den ganzen Abend nur.»

Die Schweizerin fragte sich, ob sie die Lautstärke-Kommentare so ernst nahmen, dass sie sich nur noch zu flüstern trauten.

«Aber ich musste auch schmunzeln, denn im Netz machen sich viele darüber lustig, dass Amerikaner angeblich keine Zimmerlautstärke kennen. Da würde es ja nicht erstaunen, dass dann statt normal gesprochen – einfach etwas leiser – gleich geflüstert wird.»

«Yankees go home»-Kritzeleien verunsichern Amis

Dass Amerikaner viel lauter sprechen als Europäer, ist eher ein vieldiskutierter Stereotyp als eine Tatsache. Wissenschaftlich bestätigt ist das bisher nicht.

Die Amis sind aber auch unabhängig von der Lautstärken-Kritik nicht überall in Europa gern gesehen. In der bei Amerikanern enorm beliebten italienischen Stadt Florenz finden sich überall US-feindliche Slogans.

Besonders an den Touri-Hotspots fordern dort Sticker und Kreide-Kritzeleien «Yankees go home». Die US-Gäste sollen nach Hause gehen, also. Der Begriff «Yankee» hat seinen Ursprung in der Kolonialzeit. Im US-Bürgerkrieg nannten die Südstaatler die Nordstaaten verächtlich so, ausserhalb der USA gilt er für alle Amerikaner.

Die US-Feindlichkeit ist auch in den USA bekannt. Über die anti-amerikanischen Botschaften in Florenz gibt es zahlreiche Social-Media-Posts und auch US-Zeitungsberichte.

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Solche Sticker mit Ami-feindlichen Botschaften gibt es im Touri-Hotspot Florenz (I) zuhauf. Das verunsichert US-Reisende. - Tiktok

Eine Amerikanerin ruft nach ihrer Florenz-Reise gar andere US-Touris dazu auf, die Stadt nicht zu besuchen. Die vielen Anti-Amerikaner-Sticker und -Graffiti verunsicherten sie.

Sie schreibt auf der Social-Media-Plattform Reddit: «Wenn die Einheimischen uns nicht wollen, ist es vielleicht am besten, nicht zu gehen.»

Dass die Kritzeleien Amerikaner hervorheben, hat wohl vor allem damit zu tun, dass besonders viele von ihnen nach Florenz reisen. Grundsätzlich dürfte es sich aber um allgemeine Kritik am Übertourismus handeln.

Schweizer Gewerbe schwärmt von spendablen Amis

In der Schweiz sind solche anti-amerikanischen Feindseligkeiten weniger verbreitet. Auch wenn es den ein oder anderen Spruch über Politik oder Lautstärke gibt – Ami-feindliche Graffiti sucht man vergebens.

Im Touri-Hotspot Luzern seien «Amerikaner sehr gut akzeptiert», sagt Patrick Grinschgl vom lokalen Gastroverband zu Nau.ch.

Die Luzerner Hotelbranche schwärmt sogar noch deutlicher. Beim örtlichen Zweig von Hotelleriesuisse heisst es auf Anfrage, die Amerikaner brächten eine «hohe Wertschöpfung».

Gibst du viel Trinkgeld?

«Gerade in der aktuell sehr angespannten geopolitischen Lage sind wir ausgesprochen dankbar für unsere amerikanischen Gäste.» Und es gehe nicht nur ums Portemonnaie: «Amerikanische Gäste sind aufgeschlossen, freundlich und sehr aufgestellt», schwärmen die Hoteliers.

Auch unter Wirten sind sie laut Grinschgl «sehr beliebt». «So haben sie meistens mehr Budget für einen Restaurantbesuch als andere Gäste», begründet er.

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Manchen sind sie vielleicht zu laut – aber im Gewerbe sind die Touristinnen und Touristen aus den USA beliebt. Sie geben viel Trinkgeld. - keystone

Aufgrund der Trinkgeld-Kultur in den USA (dort werden 15 bis 20 Prozent erwartet) würden sie auch gerne grosszügig aufrunden.

Ähnlich klingt es unter Wirten in Zürich und im Berner Oberland: Man habe noch nie negative Rückmeldungen zu Gästen aus den USA erlebt, heisst es auf Anfrage bei den lokalen Gastroverbänden.

Zusammengefasst: Vielleicht sind die US-Touris manchen etwas laut – aber das macht ihr prall gefülltes Portemonnaie für die meisten Schweizer wett.

Kommentare

User #5462 (nicht angemeldet)

Ja sie sie reden schon laut. Mich stört jedoch mehr, dass in den schönen Schweizer Hotels nur noch Hochdeutsch gesprochen wird und es wird durch das viele Gerede in Hochdeutsch zwischen Gästen und hotelmitarbeiter vieles vergessen, ein Mail nicht gelesen oder nicht einmal das Hotel präsentiert. Manchmal ist es schlicht nicht passend.

User #1162 (nicht angemeldet)

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