Wohnwelt

    Kunden wohnen um die Ecke, aber bestellen Pizza nach Hause

    Bettina Zanni
    Bettina Zanni

    Köniz,

    Der Pizzakurier ist gleich um die Ecke. Trotzdem lassen sich Kundinnen und Kunden die Pizza vermehrt nach Hause liefern.

    Pizzakurier
    Die Pizzaboten kommen auch vorbei, wenn ihre Filiale nur einen Katzensprung vom Kunden entfernt ist. - pexels

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Pizza beim Kurier selbst abholen – daran denken immer weniger Kundinnen und Kunden.
    • «So faul kann man eigentlich gar nicht sein», sagt ein Lieferant lachend.
    • Wirtschaftspsychologe Christian Fichter findet solches Verhalten «durchaus rational».

    Knurrt der Magen, werden Schweizer Kundinnen und Kunden zu kleinen Königen. Pizza-Lieferant Domenico L.* wird regelmässig von seinem Nachbarn (41) bestellt.

    Kein Witz: Dieser wohnt in der Zürcher Agglo nur zehn Meter neben der Pizzeria. Und ist gesundheitlich fit.

    «Trotzdem besteht er darauf, dass seine Pizza Quattro Stagioni nach Hause geliefert wird», sagt der Lieferant. Und das nicht etwa zum Haupteingang, sondern «direkt in die Wohnung rein.»

    Der Lieferant lacht: «Wenn ich am Haupteingang klingle, ruft er mich in seinen Dachstock rauf. So faul kann man eigentlich gar nicht sein.»

    «Meistens bestellen sie auf dem Heimweg»

    Ähnliche Erfahrungen macht Fikret Demir, Inhaber von «Pizza Fox» in Liebefeld BE. «Viele Kundinnen und Kunden wohnen nebenan oder vis-à-vis», sagt er. Trotzdem holten sie die Pizza nicht selber ab.

    Die Kunden sitzen aber nicht schon seit Stunden faul auf dem Sofa und warten, bis die Pizza kommt. «Meist bestellen sie auf dem Heimweg von der Arbeit online», sagt Fikret Demir. «Wenn sie zu Hause ankommen, steht der Kurier schon mit der Pizza vor der Tür.»

    Soll man die Pizza selber abholen, wenn man in der Nähe wohnt?

    Die Kundinnen und Kunden schicken auch die Kuriere von «Pizza La Regina» in Kreuzlingen TG für Mini-Strecken herum. «Es gibt Kunden, die gleich um die Ecke wohnen und die Pizza nicht selber abholen kommen», sagt Geschäftsführer Ilber Mehmedi.

    «Bräuchten weniger Personal»

    Wie bei allen Kurieren ist die Pizza günstiger, holen die Kundinnen und Kunden sie im Takeaway ab.

    Lieber erledigten sie etwas im Büro, sagt Ilber Mehmedi. «Als vier Franken zu sparen und Zeit mit der Abholung zu verlieren.» Vor allem Eltern mit kleinen Kindern seien sehr beschäftigt und wollten keine Zeit verlieren.

    Die Katzensprünge nerven die Kuriere nicht. «Der Kunde ist König», sagt Mehmedi. Zudem könnten sie auf diese Weise Arbeitsstellen erhalten. «Wenn viele Kunden alles selber abholten, bräuchten wir weniger Personal.»

    «Senkt Einstiegshürde»

    Wirtschaftspsychologe Christian Fichter führt das Verhalten auf die Liefer-Apps zurück.

    «Die Liefer-App senkt die Einstiegshürde», sagt er. «So stark, dass kaum noch reflektiert wird, wie nah das Restaurant eigentlich ist», sagt er. Ein Klick ersetze jeden Gedanken an Selbstabholung.

    Menschen bestellen laut Fichter häufig in Momenten geringer Energie – müde, hungrig, abgekämpft. «In solchen Zuständen dominiert das Bedürfnis nach sofortiger Entlastung.»

    Er merkt an, dass wir nur diejenigen sähen, die liefern liessen. «Die Menschen, die vis-à-vis wohnen und selbst abholen, tauchen in solchen Beobachtungen gar nicht auf.»

    Dies, obwohl sie natürlich existierten. «Sichtbar wird immer nur der bequemere Teil der Kundschaft.»

    «Das ist Fortschritt»

    Den Trend, lieber zu klicken, als selbst abzuholen, beobachtet der Wirtschaftspsychologe auch in anderen Bereichen. Schon lange gelte, dass Bequemlichkeit frühere Eigenleistungen verdränge.

    Er zählt Lebensmittel-Lieferdienste, Quick-Commerce, mobile Veloservices und Wäscheservices auf. «Sogar mobile Coiffeure gibt es.»

    Pizza
    Christian Fichter ist Wirtschaftspsychologe. - zVg.

    Lässt sich ein Schritt laut Fichter automatisieren oder delegieren, wird er von einem wachsenden Teil der Bevölkerung delegiert. «Komfort wird dabei nicht als Luxus wahrgenommen, sondern als normaler Bestandteil des Alltags.»

    Bedenklich findet der Wirtschaftspsychologe dies nicht. «Das ist Fortschritt», sagt er.

    Unsere Urgrossmütter hätten die Wäsche von Hand gewaschen, wir hätten dafür Maschinen. «Da wünscht sich keiner die alte Zeit zurück.»

    Aufpreis stört nicht

    Auch der Rabatt für die Selbstabholung lockt nicht aus dem Haus. «Weil der Aufpreis psychologisch nicht als Kosten wahrgenommen wird, sondern als kleine Komfortgebühr», sagt Christian Fichter.

    Die Differenz von ein paar Franken wird im Moment des Bestellens nicht gegengerechnet. «Weil das Gehirn im ‹Sofort-Bedürfnismodus› läuft.»

    Menschen bestellen laut Fichter selten in nüchternem Sparmodus, sondern in emotionalen Situationen. «Und in diesen Momenten gewinnt Bequemlichkeit fast immer gegen einen etwas tieferen Preis.»

    Für viele stehe nicht der Preis, sondern die Minimierung von Aufwand im Vordergrund. «Was durchaus rational ist.»

    *Name der Redaktion geändert.

    Kommentare

    User #5178 (nicht angemeldet)

    Macht euren Job anstatt zu motzen

    User #4391 (nicht angemeldet)

    dass mach ich auch oft (: solange ich keinen rabatt bekomme fürs abholenw ie bei dieci, dann sehe ich auch keinen grund meinen faulen hintern zu bewegen

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