Kühe schon im Tal: Alpabzüge fallen wegen Trockenheit aus
Die Trockenheit setzt Schweizer Alpen massiv zu. In Extremfällen mussten Tiere bis zu zwei Monate früher ins Tal gebracht werden.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Trockenheit verkürzt die Alpsaison vielerorts deutlich.
- In Extremfällen mussten Tiere über zwei Monate früher ins Tal.
- Weitere vorzeitige Alpabzüge werden erwartet.
Es sind Bilder, die zum Schweizer Herbst gehören: Festlich geschmückte Kühe ziehen von den Alpen zurück ins Tal. Die Alpsaison geht zu Ende, der Winter rückt näher.
Doch dieses Jahr ist vieles anders. Auf zahlreichen Alpen sind die Tiere längst wieder unten. Nicht wegen Schnee oder Kälte, sondern wegen der Trockenheit.
Teilweise fiel der Alpabzug sogar massiv früher aus. «In den schlimmsten Fällen musste der Alpabzug um zirka zwei Monate – oder noch etwas mehr – vorgezogen werden», sagt Selina Droz, Geschäftsführerin des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands (SAV), zu Nau.ch.
Die ersten Abalpungen hätten bereits Ende Juli stattgefunden.
Im Domleschg GR mussten Tiere laut Schweiz Tourismus teilweise rund drei Wochen früher von den Alpen geholt werden.
Trockenheit trifft fast alle Alpen
Aussergewöhnlich ist laut Droz vor allem das Ausmass der Trockenheit. «Das Ungewöhnliche am diesjährigen Sommer war, dass die Alpen der ganzen Schweiz fast flächendeckend von der Trockenheit betroffen waren», erklärt sie.
Auch Alpen, die in früheren Trockenjahren dank regelmässiger Gewitter glimpflich davongekommen seien, hätten dieses Jahr gelitten.
Besonders stark sei die Lage im ganzen Jurabogen von der Waadt bis in den Aargau sowie in der Westschweiz. Auch Teile der Ostschweiz und das Emmental litten stark unter der Trockenheit.
Wie stark einzelne Alpen betroffen sind, ist allerdings unterschiedlich. Entscheidend sind laut Droz unter anderem Gewitter, Bodenbeschaffenheit, Höhenlage und Ausrichtung der Flächen.
Nicht alle Tiere müssen gleichzeitig runter
Genaue Zahlen dazu, wie viele Alpen ihre Saison bereits früher beendet haben, gibt es derzeit noch nicht.
Oft wird nämlich nicht die ganze Herde gleichzeitig ins Tal gebracht. «Die überwiegende Mehrheit der Alpen, die von Futter-/Wassermangel betroffen ist, hat ausserdem nur partiell abgealpt», sagt Droz.

So würden etwa nur die Milchkühe oder betriebsfremde Tiere ins Tal geschickt, während andere Tiere noch auf der Alp bleiben. Damit lässt sich Wasser und Futter für die verbleibenden Tiere sparen.
Auch im Tal wird das Futter knapp
Mit dem Abstieg ist das Problem für die Bauern allerdings nicht gelöst. Denn auch die Heimbetriebe im Tal litten unter dem aussergewöhnlich trockenen Jahr und konnten weniger Winterfutter einbringen.
«Die Heimbetriebe mussten deshalb in vielen Fällen bereits die Wintervorräte anbrauchen, beziehungsweise teures und rares Futter zukaufen», sagt Droz.

Das bestätigt auch der Schweizer Bauernverband. Viele Betriebe hätten schon mit den Winterreserven füttern müssen, schreibt Mediensprecherin Julie Rosset auf Anfrage von Nau.ch.
In der Tierhaltung fehlten teilweise bis zu zwei Futterschnitte. Dass die Tiere früher von den Alpen ins Tal zurückkehren, verschärfe die Situation zusätzlich.
Trockenheit kann Betriebe in Bedrängnis bringen
Ein früher Alpabzug hat zudem finanzielle Folgen. Laut SAV sinken unter anderem die Einkünfte, etwa weil im Tal Milch an die Industrie geliefert wird, während auf der Alp Alpkäse hergestellt werden kann.
Gleichzeitig steigen die Kosten und der Arbeitsaufwand, beispielsweise für Wassertransporte oder zusätzliches Futter auf der Alp.
Der Bauernverband warnt: In einzelnen Fällen könne die Trockenheit sogar den Fortbestand eines Betriebs gefährden, weil die nötige Liquidität fehle, erklärt Rosset.
Die jüngsten Niederschläge und tieferen Temperaturen hätten die Situation in mehreren Regionen zwar etwas entspannt. Die Folgen des heissen und trockenen Sommers würden die Landwirtschaft aber noch lange beschäftigen.
Alpabzüge fallen aus oder werden verschoben
Die Folgen zeigen sich inzwischen auch bei traditionellen Veranstaltungen. Die auch bei Touristen beliebte Emmentaler Alpabfahrt wurde abgesagt, andernorts mussten Termine vorgezogen oder angepasst werden.
«Sicherlich kann man von einem aussergewöhnlichen Sommer reden, der Auswirkungen bis in den Herbst hat», sagt Markus Tschannen, Mediensprecher von Schweiz Tourismus, zu Nau.ch.
Er betont zugleich, dass Alpauf- und -abzüge nicht in erster Linie touristische Spektakel seien, sondern landwirtschaftliche Prozesse und Traditionen, die von der örtlichen Bevölkerung gepflegt würden.
Grosse Auswirkungen auf den Schweizer Tourismus erwartet man durch einzelne Absagen oder Verschiebungen nicht. Die meisten Gäste würden nicht allein wegen eines Alpabzugs anreisen.
Dennoch: Der SAV rechnet in den kommenden Wochen mit weiteren vorzeitigen Alpabzügen.













