Kerzers FR: Tochter von Busbrand-Täter äussert sich zu ihrem Vater
Emma G. (31) bricht ihr Schweigen: Die Tochter des Kerzers-Täters spricht über ihren Vater, den Tag der Tat – und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Behörden.
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Das Wichtigste in Kürze
- Die Tochter des Kerzers-Täters bricht ihr Schweigen und zeichnet das Bild ihres Vaters.
- Sie sagt, sie habe die Polizei gewarnt – sei aber fast als «Mittäterin» behandelt worden.
- Roger K. litt an chronischen Schmerzen und fühlte sich vom System im Stich gelassen.
Am 10. März 2026 riss Roger K.* (†65) in einem Postauto in Kerzers FR fünf Menschen mit in den Tod. Jetzt meldet sich seine jüngere Tochter Emma G.* (31) zu Wort – und erzählt gegenüber «Blick» die Geschichte hinter der Tragödie.
«Für andere ist Roger K. ein Monster. Für mich bleibt er mein Vater. Er ist immer noch mein Held», sagt die 31-Jährige. Sie wolle ihn nicht reinwaschen, aber den Menschen hinter der Wahnsinnstat zeigen.
Für Emma G. war ihr Vater seit ihrer Kindheit ein «Chrampfer» und ein fürsorglicher Familienmensch. «Er hat Tag und Nacht gearbeitet, um unserer vierköpfigen Familie alles zu ermöglichen.» Nur dank ihm habe sie sich ihren Traum von einem eigenen Pferd erfüllen können.
Doch das Bild hat auch Schatten. Drogen waren über lange Zeit Teil seines Lebens. Als Emma G. im Teenageralter war, machte ihr Vater einen Methadon-Entzug. Später absolvierte er den CE-Fahrausweis und transportierte über Jahre als Lastwagenfahrer Stückgut durch die Schweiz.
Nach dem Entzug traf Roger K. 2009 erstmals auch seine andere Tochter Nathalie W.*(40) aus einer früheren Beziehung wieder. Die Aargauerin hatte bereits vor einem Monat öffentlich über ihren verschollenen Vater gesprochen. Sie erkannte ihn nach der Kerzers-Tragödie anhand eines Fotos, das um die Welt ging.
Krankheit, IV-Kampf und SRF-Vorfall
Mit den Jahren zeigten sich erste körperliche Beschwerden. Roger K. litt an chronischer Polyarthritis, einer Autoimmunerkrankung der Gelenke. «Mit den Jahren ging es meinem Vater schlechter, er hatte höllische Schmerzen. Fast gleichzeitig wurde ihm gekündigt», erzählt seine Tochter.
Vier Jahre lang habe er um eine IV-Rente kämpfen müssen. «Er hatte das Gefühl, nachdem er jahrelang gechrampft hat, im Stich gelassen worden zu sein.»
Im August 2019 verschanzte sich der damals 58-Jährige im SRF-Gebäude in Bern. «Da liefen gerade all die IV-Untersuchungen, und er sah keinen anderen Ausweg, als so auf sich aufmerksam zu machen», sagt Emma G.
Die Schmerzen veränderten ihren Vater. «Er wollte nicht, dass wir ihn leiden sehen. Also zog er sich in seinen Camper zurück.»
Die Ehe mit Emmas Mutter zerbrach nach zwei Jahrzehnten. Trotzdem habe er sie weiter unterstützt – über Jahre hinweg begleitete er ihre beiden Kinder jeden Morgen in die Schule. «Meine Kinder lieben ihren Opa. Sie vermissen ihn.»
Kündigung des Campingplatzes als letzter Schlag
Gegen Ende 2024 verschlechterte sich der Zustand von Roger K. dramatisch. Emma G. organisierte einen Kesb-Beistand für administrative Angelegenheiten.
Mitte Februar 2026 erreichte ihr Vater das Pensionsalter – und kassierte die Kündigung für seinen Campingplatz. «Er war verzweifelt», sagt sie.
Eine Woche vor der Tragödie zog er freiwillig in die Stiftung Tannenhof nach Gampelen BE, eine Einrichtung für Menschen mit psychischen und sozialen Problemen. «Dass er jetzt gar nicht mehr in seinem Camper leben konnte, gefiel ihm überhaupt nicht. Aber es gab keine andere Lösung.»
Am Wochenende vor der Tat plagten Roger K. erneut starke Schmerzen. Er fuhr ins Spital Aarberg BE. Am Montagabend telefonierte Emma G. ein letztes Mal mit ihm. «Ich hatte das Gefühl, dass es ihm den Umständen entsprechend gut ging. Niemals hätte ich damit gerechnet, was am nächsten Tag passieren würde.»
«Ich habe die Polizei vor meinem Vater gewarnt»
Am Dienstag verliess Roger K. das Spital um 9 Uhr. Erst gegen Mittag wurde Emma G. informiert. «Viel zu spät», sagt sie. «Ich probierte ihn sofort anzurufen. Sein Telefon war aus. Da wusste ich: Alarmstufe Rot.»
Ein Satz ihres Vaters schwirrte ihr im Kopf herum: «Wenn ich mal gehe, dann sieht es die Welt.» Emma G. rief die Polizei an – mehrmals. Auch das Spital und das Heim. «Es wurde nach ihm gesucht, aber wohl nur in der näheren Umgebung.»
Als die ersten Bilder vom Busbrand in Kerzers auftauchten, hatte sie ein mulmiges Gefühl. Am nächsten Morgen klingelte die Polizei an ihrer Tür. «Die Beamten informierten mich, dass er der Täter und unter den Toten ist. Für mich brach eine Welt zusammen.»
«Wir sind auch Opfer»
Drei Stunden lang wurde Emma G. anschliessend von der Kripo befragt. Ihr Eindruck: «Es fühlte sich an, als ob sie mich mitverantwortlich für die Tat machen. Dabei habe ich gewarnt – mehrmals.»
Auch in ihrem Umfeld habe sie das Gefühl, als «Mittäterin» gesehen zu werden. «Dabei sind wir auch Opfer.»
Besonders schwer wiegt für die 31-Jährige: «Meiner Familie und mir wurde kein Care-Team an die Seite gestellt. Wir mussten selbst zusehen, wie wir mit dieser Tragödie klarkommen.»

Die Staatsanwaltschaft Freiburg geht auf die Vorwürfe laut dem «Blick» nicht direkt ein. Zur Befragung der Tochter heisst es lediglich: «Das Verfahren konzentriert sich auf die Feststellung und Prüfung von Fakten.»
Emma G. ist aktuell krankgeschrieben. Auch ihre Kinder leiden. «In der Schule wurden sie darauf angesprochen, ob der Kerzers-Täter ihr Opa sei.»
Warum ihr Vater diesen Weg gegangen ist, versteht sie bis heute nicht. «Es ist unverzeihlich, was mein Vater getan hat. Es tut mir von Herzen leid für all die Betroffenen und ihre Familien.»
Doch eines ist sie sich sicher: «Er wollte ein letztes Mal gesehen werden.»
*Namen geändert





















