Käufer holen bezahlte Ware nicht ab – jetzt droht Sperre
Immer mehr Menschen verkaufen Waren online, statt sie der Brocki zu spenden. Nur: Online verkaufte Ware wird von der Kundschaft immer wieder nicht abgeholt.

Das Wichtigste in Kürze
- Brockis klagen über weniger hochwertige Ware, weil diese vermehrt auf Online-Wiederverkaufsplattformen landet.
- Nur: Wer auf einem Online-Marktplatz inseriert, muss damit rechnen, dass sogar bezahlte Ware am Ende nicht abgeholt wird.
- Das bestätigen gegenüber Nau.ch mehrere Wiederverkaufsplattformen – und teilen ihre besten Anekdoten.
Wiederverkauf über Social Media, Brockenhäuser, Flohmärkte – Secondhand ist in der Schweiz voll im Trend.
Besonders beliebt ist dabei das Gebrauchtwaren-Shopping über das Internet. Der Schweizer Online-Secondhand-Markt wird inzwischen auf 1,7 Milliarden Franken geschätzt.
Ein Problem für die Brockis, erklärte die Heilsarmee diesen Sommer gegenüber Nau.ch. Denn: «Die Qualität der Spenden ist vor allem im Textilbereich eher rückläufig.»

Und auch was Möbel und andere hochwertige Waren angeht, läuft es für die Brockis nicht: «Hochwertige Möbel werden zunehmend privat über Plattformen wie Ricardo, Tutti oder Anibis weiterverkauft.»
Doch das kann auch für Probleme sorgen, wie Nau.ch weiss. Denn: Besonders bei sperrigen Waren, die abgeholt werden müssen, platzen Verkäufe, nachdem sie abgeschlossen sind.
Schrank passt nicht in VW-Polo – Sofa abseilen zu mühsam
Das bestätigt auch Peter Troxler, Gründer der Schweizer Kleinanzeigen- und Verkaufsplattform «Trovas»: «Dass Käufer Ware nicht abholen, erleben Verkäufer leider immer wieder.»
Dabei gebe es auch immer wieder unglaubliche Anekdoten, die «teilweise reif für ein Drehbuch» seien.

So habe ein Käufer einmal versucht, einen spontan gekauften dreitürigen Kleiderschrank in einem VW-Polo abzuholen.
Andere hätten erst bei der Abholung bemerkt, dass das gekaufte Sofa nicht durch das Treppenhaus passte. «Danach wollten sie es vom Balkon abseilen – und haben in der Hälfte aufgegeben.»
Artikel wird gekauft, bevor Finanzierung und Transport geklärt sind
Und auch die Plattform «Mofahub», auf der Töfflis und deren Ersatzteile gehandelt werden, kennt das Problem. «Wir beobachten, dass insbesondere bei jüngeren Nutzern Kaufentscheidungen teilweise sehr spontan getroffen werden.»
Das führe dazu, dass häufig Interesse an einem Artikel bekundet werde, bevor man die Finanzierung und den Transport geklärt habe.
Ein Problem, denn: «Gerade bei kompletten Töffli kann auch der organisatorische Aufwand für die Abholung eine grosse Rolle spielen.»
Nichtabholung kann Kontosperre zur Folge haben
Für die Verkäufer kann das mühsam sein. Deshalb greifen sowohl «Trovas» als auch «Mofahub» durch.
«Trovas» erklärt dazu: «Auf der Plattform verpassen wir notorischen ‹Geistern› nach Rückmeldung der Community schnell einen Dämpfer. Wer mehrmals unentschuldigt nicht auftaucht, riskiert bei uns die Sperrung des Benutzerkontos.»
Und «Mofahub» meint: «Bei entsprechenden Verstössen können Verwarnungen ausgesprochen werden. Wiederholtes Fehlverhalten kann bis zur Sperrung des Benutzerkontos führen.»
Doch wie oft kommt es überhaupt dazu, dass Waren nicht bezahlt oder abgeholt werden?
Drei Prozent der Verkäufe über Branchenriese Ricardo klappen nicht
«Trovas» schätzt, dass rund fünf bis zehn Prozent der Abholungen beim ersten Anlauf scheitern. Und auch «Mofahub» geht von rund fünf Prozent der Käufe aus, die nicht abgeholt werden.
Nau.ch hat auch bei der Branchenriesin «Swiss Marketplace Group» (SMG) nachgefragt. Zu ihr gehören unter anderem «Ricardo», «Tutti» und «Anibis».
Dort heisst es, allein bei «Ricardo» würden rund drei Prozent der Kundschaft die Ware entweder nicht bezahlen oder nicht abholen. Bei «Tutti» und «Anibis» verfüge man über keine Zahlen, denn: Die Transaktionen würden ausserhalb der Plattform abgewickelt.
Doch warum holen so viele ihre erstandene oder sogar bereits gekaufte Ware nicht ab? Fällt es online leichter, Abmachungen nicht einzuhalten?
«Wer sich unverbindlich festlegt, empfindet den Rückzug kaum als Wortbruch»
«Im Laden stehen wir dem Verkäufer gegenüber, und ein Rückzieher wäre ein sichtbarer Gesichtsverlust», meint Konsumpsychologe Christian Fichter dazu. Online fehle diese soziale Präsenz: «Man kennt die Person nicht, sieht sie nie wieder und kann sich mit einer ausbleibenden Nachricht aus der Affäre ziehen.»
Dazu komme, dass das Zusagen online fast nichts kosten würden. «Ein Klick genügt, es fliesst kein Geld und es braucht keinen Aufwand. Wer sich so unverbindlich festlegt, empfindet den Rückzug kaum als Wortbruch.»
Es gebe auch weitere Faktoren, die eine Rolle spielen würden, erklärt Fichter. «Bei grosser Auswahl bleiben immer Alternativen im Hinterkopf. Und man sagt vorsorglich bei mehreren Angeboten zu, um sich die Option offenzuhalten.»
Denn: «Eine Vereinbarung, bei der man kaum etwas zu verlieren hat, wird weniger ernst genommen.»











